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Der Vorfrühling, 1968-1970

Ein Tomatenwurf wird zum Symbol für das Aufbegehren der Frauen in der linken, studentischen APO. Die Genossinnen wollen nicht länger nur die ganze Welt befreien, sondern auch sich selbst.

Anfang 1968

‚Das Private ist politisch!’ Mit diesem Slogan fordern Frauen in der westeuropäischen Linken ein neues Politikverständnis ein, so auch im Umfeld des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS). Sie setzen sich zur Wehr gegen die Behandlung der Frauenfrage als ‚Nebenwiderspruch’ des Klassenkampfes, der als ‚Hauptwiderspruch’ gilt und dessen Beseitigung die Geschlechterproblematik nach Ansicht der Genossen automatisch mitlösen würde.

Flugblatt
Selbstverständnis des Aktionsrats zur Befreiung der Frauen, 15.10.1968

In Berlin gründet sich der Aktionsrat zur Befreiung der Frauen. Hunderte Frauen treffen sich wöchentlich im Republikanischen Club zum ‚Mittwochsplenum’. Männer sind nicht zugelassen. Die Frauen – Studentinnen und Berufstätige – erkennen in ihrer alleinigen Zuständigkeit für Haushalt und Kinder ein Haupthindernis für ihre gleichberechtigte Teilhabe an Politik und Beruf. Mütter und Nichtmütter gemeinsam gründen die ersten ‚autonomen Kinderläden’. Die ‚Kinderladenbewegung’, die später als typisches Produkt der ‚antiautoritären’ 68er gilt, wurde nicht – wie später behauptet - von männlichen Theoretikern initiiert, sondern von Frauen, die praktisch gegen ihre Mutterrolle aufbegehrten.

Beauvoir 1954

Aufgerüttelt, aber auch euphorisiert von den Ereignissen auf der Frankfurter SDS-Konferenz, gründen die heimgekehrten Delegierten in mehreren Städten ‚Weiberräte’. Diese Weiberräte bleiben jedoch innerhalb der stark links-studentisch geprägten APO verhaftet und beschäftigen sich mit Marx-Schulungen mindestens ebenso intensiv wie mit der Lektüre von Simone de Beauvoirs Das andere Geschlecht.

 

Betty Friedan

Zwei Jahre zuvor, 1966, ist in Deutschland Betty Friedans Weiblichkeitswahn  erschienen. Diese Studie, die den Mythos von der ‚glücklichen Hausfrau’ entlarvt hatte, war schon 1963 in den USA zum Bestseller avanciert und hatte zum Start der amerikanischen Frauenbewegung beigetragen. Autorin Friedan wurde 1966 zur Mitbegründerin der NOW (National Organization of Women), der größten Organisation der Women’s Liberation, kurz: Women’s Lib.

3. Juni 1968

Valerie Solanas
Bildnachweis: EMMA 2/1987, S.81.

In New York verübt Valerie Solanas ein (missglücktes) Attentat auf Andy Warhol. Die Frau aus Warhols Künstlerkreis Factory ist Gründerin der Society for Cutting Up Men (Gesellschaft zu Vernichtung der Männer), kurz: SCUM. In ihrem gleichnamigen Manifest erklärt sie provokant: „Der Mann ist eine biologische Katastrophe. Mann sein heißt kaputt sein; Männlichkeit ist eine Mangelkrankheit und Männer sind seelische Krüppel.“ Solanas’ Geschichte wird 1997 verfilmt (EMMA 2/97). - Übrigens hatte Valerie Solanas eine historische Vorgängerin: Im Jahr 1905 veröffentlichte Helene von Druskowitz ihre Schrift: Der Mann als logische und sittliche Unmöglichkeit und als Fluch der Welt.

September 1968

Bildnachweis: AP

In den USA demonstrieren Feministinnen gegen die Miss-Amerika-Wahl. Es ist die erste große und militante Aktion der Women’s Lib. - Auf der 23. Delegiertenkonferenz des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) in Frankfurt fordert Helke Sander, Filmemacherin und Aktivistin im Berliner Aktionsrat zur Befreiung der Frauen, in ihrer Rede: „Wir können mit der Lösung der gesellschaftlichen Unterdrückung der Frauen nicht auf Zeiten nach der Revolution warten, da eine nur politisch-ökonomische Revolution die Verdrängung des Privatlebens nicht aufhebt.“

Ulrike Meinhof
Ulrike Meinhof

Erbost über die Ignoranz und Arroganz, mit der die SDS-Genossen auf Sanders Rede reagieren, wirft die Romanistik-Studentin Sigrid Rüger drei Tomaten – und trifft auf dem Podium den SDS-Cheftheoretiker Hans-Jürgen Krahl. Die Presse von Spiegel bis Zeit berichtet. Einer der klügsten Kommentare zur Tomatenwurf-Debatte erscheint in konkret. Sein Titel:
"Die Frauen im SDS oder: In eigener Sache". Autorin: Ulrike Meinhof, die zwei Jahre später als Teil der ‚Baader-Meinhof-Gruppe’ (später RAF) untertaucht und in den ‚bewaffneten Widerstand’ geht. - Der Tomatenwurf vom 13. September 1968 wird zum Symbol für das Aufbegehren der Frauen innerhalb der Außerparlamentarischen Opposition, kurz: APO.

November 1968

Flugblatt des Frakfurter Weiberrats, 1968

Auf der 24. Delegiertenkonferenz des SDS in Hannover treten die Weiberräte formiert und selbstbewusst auf. Der Frankfurter Weiberrat verteilt ein Flugblatt mit dem Titel ‚Rechenschaftsbericht’ und der provokativen und legendären Forderung: ‚Befreit die sozialistischen Eminenzen von ihren bürgerlichen Schwänzen!’ Die Genossen, die im Zuge der Sexuellen Revolution den Slogan lanciert hatten: "Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment", reagierten pikiert. Geschlechterstreit lag in der Luft.

Januar 1969

Karin Schrader-Klebert
Karin Schrader-Klebert

Das Kursbuch 17 Frau, Familie, Gesellschaft erscheint. Der Text Die kulturelle Revolution der Frau der Wienerin Karin Schrader-Klebert darin macht Geschichte als erste eigenständige feministische Analyse in Deutschland: "Zur Natur hat der Mann ein aus Sentimentalität und Grausamkeit gemischtes Verhältnis. Zur Frau ebenfalls. Wie die Natur benutzt er auch die Frau als Arbeitsinstrument, oder er findet sie schön wie ein Stück Natur - eine Blume, einen Edelstein etc."

Januar 1970

Die Dollen Minnas - Baas in eigen buik !,
Bildnachweis: IIAV

In den Niederlanden gründen sich die Dollen Minas. Die Gruppe hat sich sich nach Wilhelmina Ducker benannt, einer Vorkämpferin der ersten Frauenbewegung. Die Dollen Minas werden zur wichtigsten Organisation der sogenannten Fem-Soc-Bewegung, die versucht, feministische und sozialistische Ziele miteinander zu verbinden. Mit phantasievollen und provokanten Aktionen sorgt die Gruppe weit über die holländischen Grenzen hinaus für Aufsehen.

In Frankfurt gründet sich die Frauenaktion 70.  Die Gruppe besteht aus „sozialistischen und liberalen“ Frauen und setzt den Kampf gegen den § 218 auf die Tagesordnung. Zwar hatte die sozialliberale Koalition, die seit 1969 mit Kanzler Brandt die Regierung stellte, eine Liberalisierung des Abtreibungsparagrafen versprochen. Die halbherzige Reformabsicht wird aber durch den Protest der katholischen Kirche im Keim erstickt.

Juli 1970

Demo gegen den §218
Bildnachweis: Neue Presse, 10.7.1970; Foto: Mehrens

Mit einer in ganz Deutschland beachteten Straßenaktion fordert die Frauenaktion 70 die Streichung des § 218. In einem Offenen Brief an die SPD-Familienministerin Käte Strobel treten die Demonstrantinnen zudem für bessere Aufklärung an den Schulen und den leichteren Zugang auch junger und unverheirateter Frauen zu Verhütungsmitteln ein. Unter den über 1.000 UnterzeichnerInnen des Briefes sind auch bekannte Frauen wie die Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich-Nielsen, die SPD-Landtagsabgeordnete Dorothee Vorbeck und die Journalistin Ulrike Holler.

Oktober 1970

Dieser erste Nachkriegs-Protest gegen den „zutiefst frauen- und sexualfeindlichen“ § 218 zieht so große Kreise, dass Justizminister Gerhard Jahn (SPD) eine Delegation der Frauenaktion 70 empfangen muss.