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Betty Friedan: Der Weiblichkeitswahn

Dies war Betty Friedans erstes Buch. Sein Titel ist auch für die, die es nie gelesen haben, ein Begriff: der Weiblichkeitswahn. Vor Augen die nach dem Krieg ins Haus zurückgejagten, frustrierten, von Ehemännern, Werbefachleuten und Politikern manipulierten amerikanischen Hausfrauen der 50er und 60er Jahre führte Betty Friedan als erste eine so heftige Attacke gegen die Lüge von der „glücklichen Hausfrau". Die Autorin wurde später aktiv in NOW und ist inzwischen dem eher konservativen Flügel der Frauenbewegung zuzurechnen. Ihr „Weiblichkeitswahn" bleibt ein Meilenstein der neufeministischen Theorie.

Das Problem ohne Namen brach plötzlich im Jahre 1960 wie eine Sturmflut los und überspülte das Bild der glücklichen amerikanischen Hausfrau. In den Werbesendungen des Fernsehens strahlte die liebreizende Hausfrau noch immer über ihren dampfenden Kochtöpfen, und in der Titelgeschichte von Time über «Die Vorort-Hausfrau, ein amerikanisches Phänomen» wurde lautstark verkündet: «Es geht ihnen einfach zu gut, als daß sie sich für unglücklich halten könnten.» Aber mit einemmal war in Presse und Rundfunk die Rede davon, daß die amerikanische Hausfrau tatsächlich unglücklich war, wenn auch fast jeder, der davon sprach, die Sache mit oberflächlichen Erklärungen abtat.

Kann das Problem ohne Namen irgendwie mit der häuslichen Routine der Hausfrau zusammenhängen? Wenn eine Frau versucht, das Problem in Worte zu kleiden, dann beschreibt sie oft lediglich ihren Tagesablauf. Welche von den aufgezählten häuslichen Pflichten könnte möglicherweise ein Gefühl der Verzweiflung hervorrufen? Ist sie einfach überfordert durch ihre Rolle als moderne Hausfrau: Ehefrau, Geliebte, Mutter, Krankenschwester, Kundin, Köchin, Chauffeur, Expertin für Innendekoration, Babypflege, Gerätereparatur, Möbellackierung, Ernährung und Erziehung? Ihr Tag ist zerrissen, denn sie stürzt vom Geschirrspülautomaten zur Waschmaschine, vom Telefon zur Wäscheschleuder, vom Auto zum Supermarkt, liefert Johnny bei den Pfadfindern und Janey in der Tanzstunde ab, läßt den Rasenmäher reparieren und holt ihren Mann um 6 Uhr 45 vom Vorortzug ab. Niemals kann sie länger als 15 Minuten bei einer Sache bleiben; sie hat keine Zeit, Bücher zu lesen, höchstens Zeitschriften; selbst wenn sie Zeit hätte, so könnte sie sich auf Bücher nicht konzentrieren.

Hausarbeit, läßt sich wie Gummi dehnen, um die Zeit auszufüllen, die für sie zur Verfügung steht, oder Muttersein läßt sich wie Gummi dehnen, um die Zeit auszufüllen, die dafür zur Verfügung steht, oder auch: Sex läßt sich wie Gummi dehnen, um die Zeit auszufüllen, die dafür zur Verfügung steht. Das ist zweifellos die wahre Erklärung für die Tatsache, daß die moderne amerikanische Hausfrau trotz all der neuen arbeitsparenden Geräte wahrscheinlich mehr Zeit mit Hausarbeit verbringt als ihre Großmutter. Zum Teil ist es auch die Erklärung dafür, warum sich die Amerikaner soviel mit Sex und Liebe beschäftigen, und es erklärt auch den anhaltenden Baby-Boom.

Lassen wir für den Augenblick die sexuellen Implikationen des Gesetzes, die gewaltig sind, beiseite und betrachten wir einige seiner treibenden Kräfte, denn sie sind eine Erklärung für die Ausschaltung der weiblichen Energie in Amerika. Um das zu verstehen, muß man einige Generationen zurückgehen: meiner Ansicht nach war der wahre Anlaß der Frauenbewegung wie auch die Frustration der Frauen die Unausgefülltheit ihres Daseins. Außerhalb des Hauses wurde die Hauptarbeit der Gesellschaft geleistet und die meisten Entscheidungen getroffen, und die Frauen sehnten sich danach - oder kämpften sogar dafür -, an dieser Arbeit teilzuhaben. Hätten die Frauen ihre neuerrungene Bildung dafür eingesetzt, eine neue Identität außerhalb des Hauses zu finden, würden die rein praktischen Aspekte der Haushaltführung dieselbe untergeordnete Rolle in ihrem Leben gespielt haben wie Auto, Garten oder Hobelbank im Leben des Mannes. Mutterschaft, geschlechtliche Liebe, Familienpflichten hätten lediglich - wie auch für den Mann - eine neue emotionelle Bedeutung gewonnen.

Als aber der Wahn von der weiblichen Erfüllung die Frauen wieder ins Haus trieb, mußte die Hausarbeit zu einem Ganztagsberuf ausgedehnt werden. Geschlechtliche Liebe und Mutterschaft mußten zum Lebensinhalt werden und die schöpferische Energie absorbieren. Und die Pflichten gegenüber der Familie mußten sich so ausdehnen, daß sie an die Stelle der Pflichten gegenüber der Gesellschaft traten. Als diese Entwicklung einsetzte, brachte jedes arbeitssparende Gerät eine arbeiterfordernde Vervollkommnung der Haushaltführung mit sich. Jeder wissenschaftliche Fortschritt, der die Frauen von der Plackerei des Kochens, Saubermachens und Waschens hätte erlösen und ihnen mehr Zeit für andere Dinge hätte bescheren können, erzwang statt dessen neue Plackerei, bis die Hausarbeit nicht nur die Zeit ausfüllte, die dafür zur Verfügung stand, sondern in der vorhandenen Zeit kaum bewältigt werden konnte.

Die automatische Wäscheschleuder erspart der Frau nicht die vier oder fünf Stunden wöchentlich, die sie früher mit dem Aufhängen der Wäsche verbrachte, wenn sie zum Beispiel Waschmaschine und Schleuder tagtäglich in Betrieb hat. Schließlich muß sie ja die Maschine füllen und leeren, die Wäsche sortieren und wieder wegräumen. Die moderne amerikanische Hausfrau verbringt viel mehr Zeit mit Waschen und Bügeln als ihre Mutter. Hat sie eine Tiefkühltruhe oder einen elektrischen Mixer, dann braucht sie mehr Zeit zum Kochen als eine Frau, die keine derartigen Geräte besitzt, weil ihr bloßes Dasein ihren Einsatz erfordert: in der Tiefkühltruhe müssen grüne Bohnen eingefroren werden, und die raffinierten Mixer-Rezepte mit Kastanienpüree, Kresse und Mandeln kosten mehr Zeit, als bloß ein Kotelett in die Pfanne zu hauen.

Die Klagen so vieler Hausfrauen über ihr unausgefülltes Dasein haben also eine reale Grundlage. Aber gerade dieses Gefühl von Leere, dieses verbissene Verleugnen der Außenwelt treibt die Frauen oft dazu, sich noch mehr anzustrengen, sich noch hektischer in die Hausarbeit zu stürzen, um ja nicht in die Zukunft schauen zu müssen. Und das, was sich die Hausfrau aussucht, um die Leere zu füllen, so logisch und notwendig ihre Gründe auch zu sein scheinen, macht sie noch mehr zur Gefangenen ihrer trivialen häuslichen Routine.

(Auszug in: Schwesternlust & Schwesternfrust - 20 Jahre Frauenbewegung. EMMA Sonderband, Oktober 1991, S. 70.)