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Rosa Mayreder (1858–1938)

„Man wird erst wissen, was die Frauen sind, wenn ihnen nicht mehr vorgeschrieben wird, was sie sein sollen.“

© Österreichische Nationalbibliothek

Die österreichische Malerin, Philosophin und Schriftstellerin gilt als wichtigste Vertreterin der österreichischen Frauenbewegung. Sie gehört zu den Mitbegründerinnen des ‚Allgemeinen Österreichischen Frauenvereins’, der für Frauenstimmrecht, Mädchen- und Frauenbildung und gegen Prostitution und Doppelmoral kämpft, und gibt die Zeitschrift ,Dokumente für Frauen' heraus. In ihrem zentralen Werk, der Essaysammlung ‚Zur Kritik der Weiblichkeit’ postuliert Mayreder eine „vom Geschlecht unabhängige Freiheit der Individualität“ und widmet sich in ihren Analysen vor allem den Fragen der Geschlechterbeziehungen und dem Zusammenhang von Macht und Sexualität. Die erfolgreiche Malerin gründet eine ‚Kunstschule für Frauen und Mädchen’. Noch vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs engagiert sich Mayreder an der Seite von Bertha von Suttner in der Frauen-Friedensbewegung und übernimmt später den Vorsitz der ‚Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit’.

Jugendfoto

Rosa Mayreder wird als Rosa Obermayer am 30. November 1858 in Wien geboren. Ihr Vater Franz Obermayer ist Wirt eines traditionsreichen Gasthauses, ihre Mutter ist Marie Engel, die 17-jährige Erzieherin der Kinder. Obermayer hat sie geheiratet, nachdem seine erste Frau an der Geburt des achten Kindes gestorben ist. Marie Engel wird nach Rosa weitere sieben Kinder von ihm bekommen. Die wissbegierige Rosa interessiert sich bald für Philosophie und liest Kant, Schopenhauer und Nietzsche. Ihre Mutter empfindet ihren Wissensdurst als „unweiblich“ und fördert lediglich den für Mädchen typischen Klavier-, Gesangs- und Zeichenunterricht. Rosa notiert in ihr Tagebuch: „Ich sehe meine Brüder widerwillig lernen. Ich gäbe Jahre meines Lebens, dürfte ich an ihrer Stelle sein.“ Der Vater gestattet seiner Tochter, die nur eine Mädchenschule besuchen darf, schließlich, am privaten Griechisch- und Lateinunterricht ihrer Brüder teilzunehmen.

Beim Schachspiel
Frauen beim Schachspiel - ein seltenes Motiv, hier Rosa Mayreder

Die „leidige Frauenfrage“ beschäftigt das Mädchen weiterhin. Mit 18 Jahren weigert sich die junge Frau, weiterhin Korsett zu tragen und legt das „verhasste Mieder“ ab – zur damaligen Zeit ein bedeutender Akt der Rebellion. Sie beginnt zu malen und hat damit Erfolg: Galerien in Wien, Dresden, Berlin und sogar Chicago laden die Künstlerin zu Ausstellungen ein.
Mit 19 Jahren verlobt sie sich mit dem Architekten und späteren Rektor der Technischen Hochschule Wien, Karl Mayreder, an dessen Intellektuellenzirkel sie teilnimmt, und den sie 1881 heiratet. Die Ehe bleibt kinderlos. Rosa Mayreder erfüllt nicht nur die von ihr erwartete Mutterrolle nicht, sondern wagt einen weiteren Rollenbruch: Sie hat mehrere außereheliche Verhältnisse, die Karl Mayreder toleriert. Ab 1912 beginnt bei Mayreder eine psychische Erkrankung.

Werbeflugblatt für die ‚Dokumente der Frauen’, Quelle: www.onb.ac.at/

1893 gründet Rosa Mayreder, gemeinsam mit Auguste Fickert und Marie Lang den ‚Allgemeinen Österreichischen Frauenverein’ (AÖF), der der radikalen, also antibiologistischen Richtung der Frauenbewegung zuzurechnen ist. Neun Jahre lang ist sie Vizepräsidentin des Vereins und ab 1899 außerdem Mitherausgeberin der Monatszeitschrift ,Dokumente für Frauen'.

Ab 1896 erscheinen schriftstellerische Werke von Rosa Mayreder: zunächst ihr Opernlibretto für die Oper ‚Der Corregidor’ des bekannten Komponisten Hugo Wolf, dann mehrere Novellenbände sowie das Drama ‚Anda Renata’, dessen Heldin die Autorin als weiblichen Faust konzipiert hat. Da Mayreder jegliche „Vereinsmeierei zuwider“ ist, gibt sie 1903 ihr Amt als Vizepräsidentin des AÖF ab und konzentriert sich auf ihre philosophischen Essays, die als ihr bedeutsamster Beitrag zur Frauenfrage gelten. In ihnen wendet sie sich gegen die unterschiedlichen Moralkodizes für Männer und Frauen und die Herabwürdigung der Frau zum Sexualobjekt.

© Österreichische Nationalbibliothek

Ihr zentraler Gedanke ist die Ablehnung einer angeborenen „Natur der Frau“, „denn solange man noch die Stellung der Frauen nach dem zu bestimmen sucht, was ‚das Weib seiner Natur nach ist’ und von hier aus neue Normen zu gewinnen hofft, wird das weibliche Geschlecht trotz der Zuerkennung der bürgerlichen Gleichberechtigung keine wirkliche Freiheit der Selbstbestimmung besitzen.“ Die Ehe definiert sie, ähnlich wie ihre deutsche Zeitgenossin Helene Stöcker, als „dauernde Vereinigung zweier sich ergänzender Individualitäten“. Sie erklärt, dass eine veränderte Rolle der Frau in der Gesellschaft zwangsläufig dazu führen müsse, dass auch die Männer ihre Geschlechtsrolle neu definieren, und kritisiert, dass diese sich in ihrem „naiven Geschlechtsdünkel“ dieser Aufgabe noch verschlössen. Zeit ihres Lebens ist Mayreder eine engagierte Kämpferin gegen die Prostitution, da diese den „Ausschluss der Persönlichkeit“ bedeute und daher negative Auswirkungen auf die männliche Sexualität habe, die „entweder frivol oder verlogen“ sein müsse. Die misogynen und oft wissenschaftlich verbrämten Attacken zeitgenössischer männlicher Philosophen wie die von Otto Weininger („Auch der tiefststehende Mann steht unendlich hoch über dem höchststehenden Weibe“) entlarvt Mayreder als „Männerfantasien“ und patriarchale Rollenzuschreibungen, die nichts mit der weiblichen Lebensrealität zu tun hätten.

Der erste Essayband ‚Zur Kritik der Weiblichkeit’, der 1905 erscheint, gilt als ihr zentrales Werk und wird sogar ins Englische übersetzt. Zwei Jahre später wird sie Mitglied der ‚Soziologischen Gesellschaft’ in Wien.

© Österreichische Nationalbibliothek

Als Mitarbeiterin von Bertha von Suttner engagiert sich Rosa Mayreder bereits vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs als Pazifistin und gründet nach Kriegsende 1919 die österreichische Sektion der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit (IFFF), deren Präsidentin sie wird. In den nächsten Jahren folgen weitere feministische Essaybände wie ‚Geschlecht und Kultur’ (1923), ‚Mensch und Menschlichkeit’ (1928) oder ‚Der letzte Gott’ (1932).

1928 wird Rosa Mayreder zur Ehrenbürgerin Wiens ernannt. Aber nach dem Tod ihres Mannes 1935, dessen Geisteskrankheit sich weiter verschlimmert hatte, zieht sich Rosa Mayreder immer mehr aus der Öffentlichkeit zurück. Sie stirbt am 19. Januar 1938 in Wien.

Fünfhundert österreichische Schilling mit dem Portrait Mayreders

Der erste Teil ihrer Lebenserinnerungen erscheint zehn Jahre später unter dem Titel ‚Das Haus in der Landskrongasse’. Danach gerät die Pionierin der österreichischen Frauenbewegung in Vergessenheit, bis sie in den 1970er Jahren von der Neuen Frauenbewegung wieder entdeckt wird. Der zweite Teil ihrer Autobiografie wird zu ihrem 50. Todestag im Jahr 1988 unter dem Titel ‚Mein Pantheon’ veröffentlicht.