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Unsere Schwestern von gestern

Mathilde Franziska Anneke 1817 - 1884

Renate Möhrmann, 1977

Bisher galt Louise Otto-Peters als die „Lerche der Frauenbewegung", als die erste, die im vergangenen Jahrhundert nach langem Schweigen der Frauen ihre Stimme erhob. Doch mit der Aufarbeitung der von Männern geschriebenen Geschichte nun aus weiblicher Sicht entdecken wir immer neue Kämpfe und Kämpferinnen. So wissen wir heute, daß das Jahrzehnt vor der Revolution 1848 das eigentliche Geburtsjahr der ersten deutschen Frauenbewegung war. Aus ihm kommen die Vorboten der feministischen Bewegung und deren bemerkenswerteste Figur Mathilde Franziska Anneke. Ihre Spitznamen - Flintenweib, Apostelin des Sozialismus oder Communisten-Mutter - sagen nicht viel über sie aus. Sie sind bestenfalls bezeichnend für den Geist der damaligen Zeit, der es - sowenig wie der heutige ertrug, wenn Frauen sich für ihre eigenen Rechte einsetzen.

Wer war diese Mathilde Franziska Anneke, diese Frau der Achtundvierziger Revolution, die mit den Männern in den Krieg zog? Und nicht etwa als Krankenpflegerin der badisch-pfälzischen Revolutionsarmee, sondern als Offizier! Hoch zu Roß und dazu noch im Herrensattel - was für die damalige Zeit absolut ungehörig war. Mit ihrem Federhut, unter dem die schwarzen Zöpfe hervorguckten, und einer Körpergröße von 1,83 m war sie eine imposante Erscheinung. Von den Zöpfen mußte sie sich allerdings bald trennen: langes Frisieren paßte nicht in das soldatische Leben.

Zunächst hatte alles ganz bürgerlich angefangen. Als ältestes von zwölf Kindern verbrachte Mathilde eine sorglose und vom Rollenzwang recht unbehelligte Kindheit auf dem Gut Ober-Levringhausen, wo ihr Vater Rentmeister und Verwalter war, in der damaligen preußischen Gesellschaft eine ziemlich privilegierte Beamtenposition. Früh schon lernte sie reiten und liebte es, ihre nähere und weitere Umgebung zu erkundschaften. Diese Sorglosigkeit dauerte so lange, bis die Familie - durch leichtsinnige Aktienspekulationen des Vaters - in Geldschwierigkeiten geriet. Nun wurde zu einem der ältesten Familiensanierungsmittel gegriffen: Mathilde, kaum neunzehnjährig, wurde mit dem finanzkräftigen Mülheimer Weinhändler Alfred von Tabouillot verheiratet. Das bedeutet gleichzeitig „Hinaufheirat" in den Adel und Zutritt zur rheinländischen Hautevolee. Nach den geltenden Rollenvorstellungen hatte Mathilde also das große Ehelos gezogen. Wie wenig die Realität ein Hauptgewinn war, erfuhr Mathilde nur allzubald. Der zehn Jahre ältere Tabouillot erwies sich als rücksichtsloser, jähzorniger Alkoholiker. Der äußere Wohlstand konnte die junge Frau über die völlige Beziehungslosigkeit dieser Verbindung nicht hinwegtäuschen. Doch anstatt das über sie von den Eltern verhängte Schicksal wie üblich entsagungsvoll hinzunehmen, beging Mathilde ihre erste emanzipatorische Tat: Obgleich sie gerade eine Tochter geboren hatte, reichte sie die Scheidung ein und verklagte dazu noch die Familie Tabouillot auf Zahlung einer Unterhaltssumme. Skandal! Weniger die Scheidung an sich - in Preußen seit dem 1794 in Kraft getretenen Allgemeinen Landrecht gesetzlich verankert - als vielmehr die Tatsache, daß es in diesem Fall die Frau war, die die Lebensgemeinschaft aufgekündigt hatte, war ein Frontalangriff gegen die herrschende Moral. Schließlich handelte es sich um eine Epoche, in der die eheliche Versorgung der Frau eine ökonomische Notwendigkeit war und nach der geltenden Meinung selbst das suspekteste männliche Individuum (sofern es sich nicht gerade um einen Verbrecher handelte) als Ehemann akzeptiert und ertragen werden mußte.

„Nach dem Ausgang meines unglücklichen Scheidungsprozesses - worin ich ein Opfer der preußischen Justiz wurde", sagte Mathilde rückblickend, „war ich zu dem Bewußtsein gekommen und zur Erkenntnis, daß die Lage der Frauen eine absurde und der Entwürdigung der Menschheit gleichbedeutende sei. Und so begann ich früh durch Wort und Schrift für die geistige und sittliche Erhebung des Weibes soviel ich vermochte zu wirken." Dank ihrer erniedrigenden Ehe- und Scheidungserfahrungen - sie hat z. B. jahrelang für eine lächerliche Unterhaltssumme wie monatlich acht Taler kämpfen müssen - entwickelte sie so etwas wie ein feministisches Bewußtsein. Sie griff zur Selbsthilfe und fing an, die frauenfeindlichen Verhältnisse öffentlich anzuprangern und für ihre Veränderung zu plädieren. Diese Entwicklung ist typisch für die emanzipatorischen Schriftstellerinnen des Vormärz. Die Frustration durch die gängige Konvenienzehe war für die sensibleren unter ihnen zumeist der Anlaß, gegen ihre Rolle zu rebellieren. Der Preis, den „Mathilde Franziska, verheiratet gewesene von Tabouillot, geborene Giesler" - wie sie sich jetzt nannte - für ihre Befreiungsaktion bezahlen mußte, war hoch. Sie war gezwungen, für ihren und ihrer Tochter Unterhalt allein zu sorgen. Und das in einer Zeit, in der die Gesellschaft der bürgerlichen Frau fast keinerlei Erwerbsmöglichkeiten bot.

Von allen allein gelassen, suchte sie zunächst Trost in der Religion ihrer Kindheit. Und so waren ihre ersten Texte, durch die sie sich ein Existenzminimum erschreiben wollte, religiöser Natur. In Wesel, wohin sie sich zurückgezogen hatte, gab sie zwei Gebetbücher für die katholische Frauenwelt heraus. Doch bald verließ sie das kleinstädtische Wesel und ging nach Münster: Die allgemeine Vaterlandsbegeisterung hatte auch Mathilde ergriffen.

Sie begann, sich politisch zu emanzipieren, und für die beiden wichtigsten liberalen Blätter jener Zeit, die „Kölnische Zeitung" und die „Augsburger Allgemeine Zeitung" zu schreiben. Außerdem schloß sie sich einer Gruppe freiheitlich denkender Männer an, unter denen sich der preußische Fahnenjunker Fritz Anneke, Ferdinand Freiligrath und Karl Marx befanden. Doch entscheidend ist, daß sie sich in diesen Jahren endgültig von der Vorstellung eines persönlichen Gottes befreite und nun der christlichen Religion einen Großteil der Schuld für die Unterdrückung der Frau zuschob: „Warum ist das Bekenntnis des Atheismus im Munde eines Weibes so schwer verpönt", fragt Mathilde Franziska Anneke anläßlich des Louise-Aston-Skandals (Eine geschiedene Frau, die hauptsächlich ihres „Unglaubens" wegen 1846 aus Berlin verwiesen wurde.) „Warum erscheinen die Ansichten, die den Männern seit Jahrhunderten bereits angehören durften, einem Staate gerade bei den Frauen so sehr gefährlich? (...) Weil die Wahrheit uns befreit von dem trüglichen Wahn, daß wir dort oben belohnt werden für unser Lieben und Leiden, für unser Dulden und Dienen; weil sie uns zu der Erkenntnis bringt, daß wir gleichberechtigt sind zum Lebensgenüsse wie unsere Unterdrücker; daß diese es nur waren, die die Gesetze machten und sie uns gaben, nicht zu unserem, nein zu ihrem Nutzen, zu ihrem Frommen. Bleibt nicht länger die Betrogenen! Mit Weihrauchduft will man Euer Sinnen umnebeln, mit glatten Worten Euch betören, in Blütenduft gehüllt, Euch Märchen für schlichte Wahrheit darreichen ... Diese Andacht! - ich sage Euch - ist nichts wie Heuchelei und Lüge im Glorienschein, daran Tränen der Entsagung, des Wehs und des Unglücks, ja Tränen der Not, des Grams und des Harms, wie Diamanten zitternd funkeln! - O, tut die Augen auf und seht, wie man mit Euch gespielzeugt hat; ja tut die Augen auf, da seht Ihr's stündlich wie Ihr betrogen seid, wie in allem Widerspruch liegt, was man Euch lehrte oder gebot."

So scharf wie in dieser Broschüre hatte bisher noch keine Frau gegen die Unterdrückungsmechanismen der christlichen Religion polemisiert! Im Juni 1847 heiratete sie Fritz Anneke. In Köln wurde sie bald zum Mittelpunkt revolutionär gesinnter Frauen und Männer. Gemeinsam mit dem Armenarzt Andreas Gottschalk gründeten die Annekes ihr „kommunistisch-ästhetisch Klübchen", aus dem später der Kölner Arbeiterverein hervorging. Im Juli 1848 wurde Fritz Anneke verhaftet. Mathilde - obgleich damals hochschwanger - gab ihre politische Tätigkeit nicht auf. Im September des gleichen Jahres kam die „Neue Kölnische Zeitung" heraus, ein couragiertes Blatt, das eindeutig auf der Seite der Unterdrückten stand. Da der offizielle Herausgeber, Fritz Anneke, im Gefängnis saß, lag die Redaktion ganz in den Händen Mathildes (Auch hier ein Beispiel dafür, wie im Schatten der Namen ihrer Männer Frauen schon oftmals Entscheidendes leisteten.)

Im Zuge der schleichenden Konterrevolution wurde das Blatt bereits nach wenigen Nummern verboten. Doch Mathilde Anneke resignierte auch hier nicht. Sie verwirklichte eine Idee, an der sie schon lange hing. Sie schrieb eine Frauenzeitung. Nun hatte es zwar schon seit der Aufklärung vereinzelt Zeitschriften von Frauen gegeben (z. B. Sophie La Roches „Pomona für Deutschlands Töchter" von 1783), aber es gehörte doch ein ungeheurer Mut für eine Frau dazu, in solchen Zeiten ein derartiges Unterfangen in Angriff zu nehmen.

Fritz Anneke wurde zwar im Dezember 1848 aus der Haft entlassen, aber die Politik griff weiter in das Leben der Annekes ein. Als es im Frühjahr 1849 in der Pfalz zur letzten revolutionären Erhebung kam, schlossen sich beide der pfälzischen Revolutionsarmee an. In den „Memoiren einer Frau aus dem badisch-pfälzischen Feldzug" hat Mathilde diese Erhebung aufgeschrieben. Der Rückschlag folgte nur allzubald. Die revolutionären Truppen wurden besiegt. Um sich vor Zuchthaus oder gar Tod zu retten, emigrierten die Annekes in die USA, nach Wisconsin.

Im Gegensatz zu ihrem Mann lebte sich Mathilde erstaunlich schnell und gut in die neue Welt ein. Schon bald nahm sie Kontakt zur amerikanischen Frauenbewegung auf und gab im Jahre 1852 ihre zweite Frauenzeitung heraus. Darin stellte sie „die Befreiung des Weibes" als vordringlichste Aufgabe der Frauenbewegung hin und erklärte, daß sich die soziale Frage erst dann verwirklichen ließe, wenn die Frauen als freie und gleichberechtigte Staatsbürgerinnen daran teilnehmen könnten. Damit vertrat sie erstmals eine entschiedene Gegenposition zur marxistischen Frauenemanzipation, welche die Frauenfrage einseitig und undifferenziert aus der Klassenkampfperspektive sah (und sieht) und als sogenannten „Nebenwiderspruch" verstand (und versteht).

Doch war sie niemals die bloße Theoretikerin. Immer versuchte sie, ihre Ideen auch zu verwirklichen. Praktische Arbeit mit Frauen, Unterricht und ausgedehnte Vortragsreisen standen im Mittelpunkt ihres bewegten Lebens. Breiter Raum nahm auch ein intensiver Briefwechsel ein, vor allem mit ihren Freundinnen Emma Herwegh, Mary Booth und Sophie Gräfin Hatzfeld, denen sie sich innigst verbunden fühlte. 1866 gründete sie in Milwaukee eine Mädchenschule, die sie bis zu ihrem Tode leitete. Zu Recht gilt sie als eine der Pionierinnen der amerikanischen Frauenbewegung.

(Quelle: Möhrmann, Renate (1977): Unsere Schwestern von gestern: Mathilde Franziska Anneke 1817 - 1884. - In: EMMA, Nr. 10, S. 38 - 39)

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