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Marie Goegg (1826–1899)

„Wir möchten Bürgerinnen sein und die politischen Aufgaben teilen mit den Bürgern – unsern Brüdern!“

Aufnahme von Louise Fueslin-Rigaud, Quelle: Rahm, Berta: Marie Goegg (geb. Pouchoulin). Schaffhausen : Ala-Verl., 1993, S.73.

Die Schweizer Frauenrechtlerin und Publizistin gilt als Gründerin der Schweizer Frauenbewegung. Inspiriert von der englischen Frauenbewegung, die sie bei einem Aufenthalt in London kennen lernte, rief sie in Genf die ‚Association Internationale des Femmes’ ins Leben. In deren Nachfolgeorganisation, der ‚Assoziation für die Verteidigung der Rechte der Frauen’, waren Kampfgefährtinnen aus vielen Ländern organisiert, darunter die bekannte englische Abolitionistin Josephine Butler, die amerikanische Frauenrechtlerin Elisabeth Cady Stanton oder die deutsche Herausgeberin der Frauen-Zeitung, Louise Otto-Peters. Mit ihrer Assoziation erreichte Goegg die Zulassung von Frauen an die Genfer Universität und die Aufhebung des Gesetzes, das ledige und verwitwete Frauen in mehreren Kantonen unter Vormundschaft stellte. Auch das Stimmrecht für Frauen gehörte zu den Forderungen des Verbandes – ein Recht, auf das die Schweizerinnen noch ein ganzes Jahrhundert lang warten sollten.

Marie Goegg wird am 24. Mai 1826 als Jeanne-Marie Pouchoulin in Genf geboren. Sie ist das einzige Kind ihrer Mutter Andrienne Pautex und ihres Vaters Jean, der Uhrmacher ist. Mit 19 heiratet sie den Handelsreisenden Marc Antoine Mercier, bricht allerdings schon bald wieder aus der Ehe aus: Mercier, der bei seiner verwitweten Mutter lebt, ist ständig auf Reisen und hat die junge Marie offenbar aus pragmatischen Gründen ins Haus geholt, damit die ihre Schwiegermutter versorgt. In den Scheidungspapieren heißt es, Mercier habe sich „grob“ gegen seine Frau benommen. Marie zieht, zusammen mit ihrem Sohn, zurück ins Haus ihrer Eltern.

Diese haben inzwischen einige Zimmer an deutsche Flüchtlinge der 1848er Revolution vermietet. So nimmt die Tochter im Hause Pouchoulin teil an Diskussionen über Demokratie und Liberalismus, über Frieden und Freiheit. Das politische Interesse der 23-Jährigen erwacht. Einer dieser Flüchtlinge ist Amand Goegg. Marie verliebt sich in ihn. Als Goegg 1851 auch aus der Schweiz ausgewiesen wird, folgt die schwangere Marie ihm nach London und kommt dort in Kontakt mit der englischen Frauenbewegung, die hier schon in vollem Gange ist. Sie wird ihre Erfahrungen später in ihrer Erzählung ‚Deux poids et deux mesures’ (Zweierlei Maß und Gewicht) verarbeiten.

'Zur Erinnerung an den 2. Friedenskongress'
© Gosteli-Stiftung, Archiv, CH-3048 Worblaufen

Schließlich kehren Marie und Amand Goegg – nach weiteren Stationen im Ausland – wieder nach Genf zurück. Dort wird Goegg Vizepräsident der ‘Ligue internationale pour la paix et la liberté’, der ‚Internationalen Liga für Frieden und Freiheit’. Marie Goegg steht hinter den demokratischen und pazifistischen Zielen der Liga, ist sich jedoch bewusst, dass die Interessen der Frauen eine eigene Vertretung benötigen. Als Marie 1868 bei einem Kongress der ‚Internationalen Arbeiterassoziation’ in Brüssel in einer Rede darum ersucht, dass auch Frauen in die ‚Internationale’ aufgenommen werden, wird der Antrag einhellig abgelehnt.

Goegg mit Sohn
Goegg mit Sohn 1857

Goegg veröffentlicht im Verbandsorgan der ‚Liga für Frieden und Freiheit’ Die Vereinigten Staaten von Europa am 24. Februar 1868 einen Appell, in dem sie zur Gründung einer ‚Association internationale des femmes’, einer ‚Internationalen Frauenassoziation’ aufruft. Ihre Idee: Die Frauen sollten in allen europäischen Städten Komitees bilden sowie eigene Lokale mit Büchern und Zeitschriften gründen, um sich dort zu Bildungszwecken und zum Austausch zu treffen. Sie schreibt: „Mut also, Ihr Gründerinnen von Komitees, ihr für alles Gute begeisterten Frauen! Schreckt nicht zurück vor der Schwierigkeit des Unternehmens und der Kargheit eurer Mittel!“

Auszug aus einer Rede vom 27. März 1870
‚Association internationale des femmes’ © Gosteli-Stiftung, Archiv, CH-3048 Worblaufen

Am 16. Juli 1868 wird die ‚Association internationale des femmes’ gegründet. Artikel 1 der Statuten lautet: „Die internationale Frauenassoziation hat zum Ziel, am moralischen und geistigen Fortschritt der Frau mitzuarbeiten, ebenso an der schrittweisen Verbesserung ihrer Stellung in der Gesellschaft durch Erlangen der menschlichen, zivilen, wirtschaftlichen, sozialen und politischen Rechte. Sie fordert die Gleichberechtigung auf dem Gebiet der Entlöhnung, des Unterrichts, des Familienrechts und vor dem Gesetz.“ In ihrer Eröffnungsrede erklärt die Gründerin: „Wir möchten Bürgerinnen sein und die politischen Aufgaben teilen mit den Bürgern – unsern Brüdern!“ Im Folgejahr 1867 bringt Marie Goegg die erste Schweizer Frauenzeitung heraus: das Journal des femmes, in dessen erster Ausgabe sie einen Überblick über die Frauenbewegungen der ganzen Welt gibt.

Bulletin Juli 1870
Bulletin Juli 1870 © Gosteli-Stiftung, Archiv, CH-3048 Worblaufen

Doch der deutsch-französische Krieg, der 1870 ausbricht, schwächt die Liga und die Frauenassoziation, die sich kurzfristig auflöst. Als Marie Goegg nach Kriegsende einen Brief von Josephine Butler erhält, die ihre Unterstützung bei der Gründung ihrer ‚Internationalen Föderation zur Bekämpfung der Prostitution’ erbittet, nimmt sie einen zweiten Anlauf. Am 9. Juni 1872 gründet sie die Nachfolgeorganisation der Frauenassoziation unter neuem, kämpferischem Namen: ‚Association pour la défense des droits de la femme’ – ‘Vereinigung zur Verteidigung der Frauenrechte’. Einige der bekanntesten Frauenrechtlerinnen aus England, Amerika, Deutschland, Frankreich und Italien werden Mitglied.

Erstausgabe der Solidarité, 1872
Titel der Erstausgabe der Solidarité, 1872 © Gosteli-Stiftung, Archiv, CH-3048 Worblaufen

Schon kurz nach der Neugründung erreicht Goegg mit einer Petition, dass im Wintersemester 1872/73 zum ersten Mal auch weibliche Studenten in den Hörsälen der Universität Genf sitzen dürfen. Bald folgen Zürich und Bern. Die Association erreicht auch die Aufhebung der Unmündigkeit lediger und verwitweter Frauen in mehreren Kantonen und die Öffnung der Post- und Telegrafenberufe für Frauen unter gleichen Bedingungen wie für Männer. Inzwischen hat Marie Goegg wieder eine Verbandszeitung gegründet: Die Solidarité, die acht Jahre lang erscheint. In ihr schreibt die Herausgeberin stolz: „Die Schweiz ist wohl das Land in Europa, in welchem das, was man die Frauenfrage nennt, die größten Fortschritte in der kürzesten Zeit gemacht hat.“

Mitgliedserklärung
Mitgliedserklärung der Association Internationale des Femmes © Gosteli-Stiftung, Archiv, CH-3048 Worblaufen

1880 löst Marie Goegg die ‚Vereinigung zur Verteidigung der Frauenrechte’ auf. Ob dabei auch private beziehungsweise finanzielle Gründe eine Rolle gespielt haben – Amand Goegg kehrt von einer Propagandareise nicht wieder zu seiner Familie zurück und hat einen Teil von Maries Vermögen mitgehen lassen – lässt sich nicht sicher sagen. Als 1891 die nächste Generation junger Frauenrechtlerinnen die ‚Union des femmes de Genève’ gründen, ziehen sie die Gründerin der Schweizer Frauenbewegung zu Rate und wählen sie zur Vizepräsidentin. Am ersten Frauenkongress der Schweiz 1896 nimmt die 70-jährige Marie Goegg noch teil in der Hoffnung, dass nun auch das Stimmrecht für Frauen unmittelbar bevorstehe. Marie Goegg stirbt am 24. März 1899 in Genf.

Das Wahlrecht sowie das Recht, bei Volksentscheiden mitzustimmen, erhielten die Schweizerinnen erst 1971. Vorkämpferin Marie Goegg tauchte als eine der raren Frauen in den Zwanziger Jahren im Historisch-Biographischen Lexikon auf, wurde aber bald darauf vergessen und erst von der Neuen Schweizer Frauenbewegung wieder entdeckt.