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Unsere Schwestern von gestern

Louise Otto-Peters

Renate Bookhagen, 1977

Sie war »die Lerche des Völkerfrühlings«, eine »geniale Initiatorin«, die »rote Demokratin«, »Pionierin« und »Bahnbrecherin der Frauenbewegung«. So klangvolle Namen erhielt Louise Otto, verehelichte Peters, noch zu ihren Lebzeiten. Und noch heute gehört sie zu den wenigen Frauen der ersten Frauenbewegung, deren Name zumindest schon mal fällt...

Sie war in der Tat eine »Bahnbrecherin« der Frauenbewegung im letzten Jahrhundert - wenn auch ihr Leben und ihre politischen Erfahrungen weniger poetisch verliefen, als die Bezeichnung »Lerche des Völkerfrühlings« glauben macht. Es war ein Leben voller Aktivitäten, Erfolge und Niederlagen. Ohne ihre außergewöhnliche Stärke und Selbständigkeit hätte Louise Otto-Peters nicht durchhalten können. Denn die Zeiten waren alles andere als leicht: Es war die Zeit des starren Biedermeier. Gleichzeitig gärten soziale Unruhen, freiheitliche und demokratische Bestrebungen. Es war die Zeit eines Spötters wie Heinrich Heine und der Revolutionäre Marx und Engels.

Die meisten Arbeiterfrauen lebten in unbeschreiblichem Elend. Seit der Entstehung großer Fabriken, in denen die Unternehmer zunächst ganz willkürlich bestimmten, wie lange die Arbeiterinnen und Arbeiter zu arbeiten hatten, verschärfte sich auch die Ausbeutung von Kindern und Frauen. In gehobeneren Schichten dagegen war berufstätig sein für Frauen ein Makel. Sie hatten zu warten, bis ihre Eltern für sie eine »gute Partie« ausfindig machten. Und in den weniger gehobenen Kreisen arbeiteten die unverheirateten Töchter oft heimlich, damit die Eltern nicht zugeben mußten, daß sie nicht genügend Geld hatten, um die Töchter bis zur Eheschließung zu ernähren ... Eines war den Frauen aus allen Bevölkerungsschichten gemein: Sie waren ohne jegliche politischen Rechte.

Louise Otto kam aus einer wohlhabenden Familie. Ihr Vater war Gerichtsdirektor in Meißen an der Elbe und ein sehr fortschrittlicher Mann. Im Hause Otto fanden regelmäßige Treffen mit kritischen Literaten und Politikern statt. Louise begann sehr früh, an diesen Diskussionen teilzunehmen. Und es wurde zu jeder Gelegenheit vorgelesen, wobei die Frauen immer gleichzeitig die Hände zu regen hatten: Sie strickten, stickten oder kochten.

Die vier Töchter durften ihre Eltern mit »Du« anreden und der Vater sah drauf, daß sie so früh wie möglich begannen, Zeitung zu lesen. Dies alles war ungewöhnlich für die damalige Zeit. Bereits als Zwölfjährige muß Louise Otto sehr wach und kritisch gewesen sein. Als 1831 nach sozialen Unruhen in Sachsen der König ein Stück von seiner absoluten Macht abgeben und eine Verfassung erlassen mußte, schrieb Louise ihr erstes politisches Gedicht. Dann kamen schwere Schläge für Louise. 1835 starben zuerst ihre ältere Schwester, kurz darauf ihre Mutter und wenig später ihr Vater. Die drei Schwestern zogen zu einer alten Tante in die Nähe von Meißen. Ein weiterer entscheidender Einschnitt in Louise Ottos Leben war die Reise zu ihrer inzwischen verheirateten Schwester nach Öderan im sächsischen Erzgebirge im Jahr 1840. Dort lernte sie die für sie bis dahin unvorstellbaren Lebens- und Arbeitsbedingungen von Arbeiterinnen kennen. Sie begann, sich zu fragen, warum die einen in Wohlstand leben und die anderen im Elend. Diese Erlebnisse schlagen sich in ihrem ersten Roman nieder: »Ludwig, der Kellner«, der 1842 erschien.

Wir müssen uns ins Gedächtnis rufen, was es vor 135 Jahren bedeutete, als Frau in die Öffentlichkeit zu treten, sich für soziale Probleme zu engagieren und sich auf die Seite der Schwachen und Ausgebeuteten zu stellen! Auch heute ist das noch ungewöhnlich, aber damals war es schlichtweg ein Skandal! Ihre Aktivitäten brachten Louise Otto darum sehr rasch die Feindschaft der sogenannten besseren Gesellschaft ein.

Doch Louise Otto hielt durch. Sie leistete sich 1843 sogar die Ungeheuerlichkeit, auf einen Artikel Robert Blums in den demokratischen »Vaterlandsblättern« zu antworten, in dem es hieß: »Wenn alle Menschen zur Teilnahme an der Gemeinde, dem Staat usw. berufen sind, in welcher Weise werden dann die Frauen ihre Teilnahme zu äußern haben? Indem wir die Frage stellen, sprechen wir damit von vornherein uns gegen die frühere Ansicht der gänzlichen Ausschließung der weiblichen Welt von der Teilnahme am Staatsleben aus.«

Ein für damalige Verhältnisse fortschrittlicher Satz aus Männermund, doch für Louise Otto war das nicht genug. Kurz nach Erscheinen der Zeitung tauchte sie in den Verlagsräumen der »Vaterlandsblätter« auf, legt ihre Antwort auf den Tisch und verschwand wieder. Ihre Antwort: »Die Teilnahme der Frauen an den Interessen des Staates ist nicht ein Recht, sondern eine Pflicht!«
Dies war der Beginn ihrer Zusammenarbeit mit den »Vaterlandsblättern« und ihrer Freundschaft mit Robert Blum. Gertrud Bäumer schrieb hundert Jahre später über sie: »Sie handelte. Und nicht als Mitläuferin der Männer, nicht als Heldenmädchen, das auf Barrikaden stieg, sondern indem sie sich ihrem Geschlecht zuwandte, um die Frau überhaupt erst einmal zur Bürgerin zu manchen. Weil sie sich nicht damit begnügte, den Schaum von den Kelchen der männlichen Begeisterung zu schlürfen, sondern sich der sozialen Not der Arbeiterinnen im Erzgebirge und dem geistigen Ende der Kleinbürgersfrauen annahm, darum war sie doch genial... So wurde sie die Begründerin der deutschen Frauenbewegung.«
Alle Arbeiten, die Louise Otto veröffentlichen wollte, mußte sie zunächst unter dem Pseudonym Otto Stern herausgeben. Dies nicht nur, weil sie über brisante soziale Themen schrieb, sondern auch, weil es damals absolut nicht üblich war, daß »Damen über derartige Dinge schrieben« (so die Zeitschrift »Gartenlaube«).
Louise Otto machte trotzdem weiter. 1847 veröffentlichte sie zwei weitere Bücher: »Die Lieder eines deutschen Mädchen« und »Schloß und Fabrik«, die wiederum Fragen sozialer Ungerechtigkeit behandelten. »Schloß und Fabrik« wurde sofort beschlagnahmt. Durch ihren persönlichen Einsatz gelang es Louise Otto jedoch, das Verbot rückgängig zu machen. Sie hatte die Stirn, sich bis zu dem zuständigen Minister durchzukämpfen, dem sie geradewegs erklärte: »Excellenz, ich bin prinzipielle Gegnerin der Zensur!«
Zur Zeit der Freiheitskämpfe von 1848 hatte Louise Otto bereits viel getan: Sie gründete Arbeiterinnen- und Bildungsvereine, sie half bei Gründungen von Zeitungen, sie sprach auf vielen Versammlungen. Und immer wieder setzte sie sich besonders für die Arbeiterinnen ein.

1848 verfaßte sie die »Adresse eines deutschen Mädchens«, die sich an eine gerade gegründete staatliche Arbeiterkommission in Sachsen richtete: »Glauben Sie nicht, meine Herren, daß sie die Arbeiter genügend organisieren können, wenn sie nur die Arbeit der Männer und nicht auch die der Frauen mitorganisieren - und wenn alle an sie zu denken vergessen: Ich werde es nicht vergessen.« Dies war der Beginn einer intensiven Zusammenarbeit auch mit den später sich gründenden Arbeitervereinen.

1849 gab Louise Otto die erste Nummer der FRAUENZEITUNG heraus! Motto: »Dem Reich der Freiheit werb ich Bürgerinnen«. Die inhaltlichen Schwerpunkte der Zeitung lagen auf besserer Schul- und Berufsausbildung und dem Recht auf Erwerbstätigkeit für Frauen. Doch der Aufschwung währte nicht lange. Die gerade entstandenen freiheitlichen Bewegungen wurden von der Staatsmacht im Keim erstickt, die Aufstände blutig niedergeschlagen. Viele Kritiker des Systems wurden verfolgt, eingesperrt und teilweise hingerichtet. Ein besonderer Schlag für Louise Otto war die Ermordung Robert Blums, der wegen seiner aktiven Teilnahme an den Freiheitskämpfen zum Tode verurteilt und standesrechtlich erschossen wurde. Auch ihr damaliger Freund und späterer Ehemann, der Schriftsteller August Peters wurde verfolgt und zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt. Während dieser Zeit im Gefängnis wurde Peters so schwer krank, daß er bereits 1864 starb. Auch die ersten Ansätze der Frauenbewegung traf es hart. Die FRAUENZEITUNG wurde 1852 beschlagnahmt. Es gab viele Verhöre und Hausdurchsuchungen. Ein Gesetz wurde erlassen, das Frauen verbot, als Redakteur zu arbeiten!

Louise Otto wurde aus vielen Städten ausgewiesen. Doch selbst in dieser schweren Situation versuchte sie, anderen Frauen Mut zu machen: »Es ist etwas anderes, im Tatendrang und Sturm der bewegten Zeit auch mitzureden, zu schreien . . . oder im Sklaventum einer kleinen Zeit auch noch mit gefesselten Händen . . . wenigstens mit den Ketten zu klirren, die man nicht lösen kann. Dies ist die Aufgabe unserer Zeitung . . . Aushalten ist unsere Losung.«

Diese schweren Rückschläge und die folgenden Jahre des Abwartens und der vergeblichen Versuche, mehr Rechte für Frauen durchzusetzen, muß Louise Otto-Peters als eine ungeheure Niederlage erlebt haben. Anders ist es wohl nicht zu erklären, daß sie in späteren Jahren so vorsichtig wurde. 1865 machte sie einen erneuten Versuch, gemeinsam mit Auguste Schmidt, Frauen zur Zusammenarbeit und zur Organisierung zu bewegen. Es gelang, weil die Zeiten sich geändert hatten: Auf der Leipziger Frauenkonferenz 1865 wurde der »Allgemeine Deutsche Frauenverein« ins Leben gerufen, der sich schnell ausweitete. Sein Ziel: Erwerbstätigkeit und bessere Ausbildung für Frauen.

Aber während dieser und der darauffolgenden Jahre ist von der kühnen und wahrhaft revolutionären Louise Otto-Peters nicht mehr sehr viel zu spüren. Seit der Gründung des ADF gehörte sie dem »gemäßigten« Flügel an, der sich in sehr traditionellen Bahnen bewegte. Dennoch war es überheblich und politisch dumm, Louise Otto-Peters umstandlos und in abwertender Weise als dem »bürgerlichen Lager« zugehörig hinzustellen - so wie dies Clara Zetkin und andere Frauen aus der »proletarischen« Frauenbewegung später taten. Denn ohne Louises rückhaltloses Engagement - durchsetzt auch gegen die ersten proletarischen Arbeitervereine, die die Erwerbstätigkeit von Frauen ablehnten und die »Ehe als Versorgungsinstitut« aufrecht erhalten wollten - wäre vieles nicht in Gang gekommen. Ohne eine Louise Otto-Peters, die auch um den Preis der politischen Verfolgung für die Rechte von Frauen kämpfte, ohne sie wäre die Frauenbewegung gestern und heute um viele Erfahrungen und Erfolge ärmer.

Und in vielem, wofür sie damals kämpften, hat Louise Otto-Peters auch heute noch recht. So mit dem Satz: »Die Geschichte aller Zeiten hat gelehrt - und die heutige ganz besonders - daß diejenigen, welche selbst an ihre Rechte zu denken vergaßen, auch vergessen wurden.«

(Quelle: Bookhagen, Renate (1977): Unsere Schwestern von gestern: Louise Otto-Peters. - In: EMMA, Nr. 2, S. 50 - 51)

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