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"Dem Reich der Freiheit werb' ich Bürgerinnen"

Ingrid Strobl, 1980

Berlin: Frauen fallen im Kugelhagel der königlichen Truppen auf den Barrikaden der Revolution.
Dresden: Zahlreiche Kämpferinnen des Dresdener Aufstandes werden von den preußischen Truppen gefangengenommen.
Baden:
Frauen halten die lange Gegenwehr unter den Revolutionären gegen die Truppen der Reaktion aufrecht.
Schleswig-Holstein: Unter den „Berliner Freien", einer Gruppe Berliner Bürger, die sich am Freiheitskampf Schleswig- Holsteins beteiligt, wird eine Frau im Kugelhagel verletzt. Ein Jahr später, 1849: Das Tragen roter Schals wird verboten, der Verkauf roter Nelken bestraft. Vor den Friedhöfen Deutschlands ziehen Polizisten auf: Laufend werden Frauen verhaftet, die ostentativ die Gräber der gefallenen Freiheitskämpferinnen schmücken. Zu Leipzig tragen Damen Trauerkleider - um das freiheitliche Vaterland. In dieser nachrevolutionären Atmosphäre, als die Reaktion schon allerorten die Überhand gewinnt, erscheint im sächsischen Meißen die „Deutsche Frauen-Zeitung".

Aufrührerische Inhalte

Luise Otto (über die wir übrigens in der allerersten Emma schon berichtet hatten), die dreißigjährige Herausgeberin und alleinverantwortliche Redakteurin der Zeitung, ist 1849 keine Anfängerin mehr - weder politisch noch publizistisch. Bereits 1843 hatte die gebildete Bürgertochter erstmals Aufsehen erregt: Der Freiheitskämpfer und republikanische Publizist Robert Blum hatte in den „Vaterlandsblättern" öffentlich die Frage gestellt, ob Frauen ein Recht auf die Teilnahme an den Interessen des Staates hätten. Er hatte die Frage selbst mit „ja" beantwortet und wenig später die „Antwort eines sächsischen Mädchens" dazu erhalten. Dieses „Mädchen", die 24jährige Luise Otto, stellte fest: „Die Teilnahme der Frauen an den Interessen des Staates ist nicht allein' ein Recht, sondern eine Pflicht aller Frauen."

Zwei Jahre später veröffentlichte sie, nun bereits regelmäßige Mitarbeiterin der „Vaterländischen Blätter" und anderer Zeitschriften, den sozialkritischen Roman „Schloß und Fabrik": Das Buch wurde sofort wegen „aufrühreri sehen Inhalts" von der sächsischen Zensur verboten, dann aber - nach Streichung einiger Passagen - wieder freigegeben mit der Begründung, es sei ja „nur von einem Mädchen geschrieben". Die Schriftstellerin Fanny Lewald hatte mit ihrer Novelle „Der dritte Stand" in Berlin ähnliche Erfahrungen gemacht. Noch wurde die weibliche Geschlechtszugehörigkeit von den Behörden als Harmlosigkeit mißverstanden. Das sollte sich nach der Märzrevolution gründlich ändern.

Frauen auf Barrikaden

Im Revolutionsjahr wurde die neunundz wanzig jährige Luise Otto über Sachsen hinaus berühmt: Um der zunehmenden Arbeitslosigkeit und Verelendung Herr zu werden, hatte der liberale sächsische Innenminister Oberländer eine Kommission zur Beschaffung von Arbeitsplätzen einrichten lassen. An diese Arbeiter-Kommission richtete Luise Otto ihre „Adresse eines deutschen Mädchens": „Glauben Sie nicht, meine Herren, daß Sie die Arbeit genügend organisieren können, wenn Sie nur die Arbeit der Männer, und nicht auch die der Frauen mit organisieren - und wenn alle an sie zu denken vergessen: Ich werde es nicht vergessen!"

Im Jahr darauf macht sie ihr Versprechen wahr. Sie ist nun eine angesehene Republikanerin. Seit der „Adresse" ist ihr Name verbunden mit der 48er Revolution. Arbeiterdelegationen erbaten ihre Fürsprache, sogar ein sächsischer Minister war aus Dresden angereist, um mit dem „Mädchen" in „amtlicher Mission" zu sprechen. Luise Otto hatte auch hinter den Barrikaden gestanden und ihre sehr praktischen Erfahrungen in den Revolutionskämpfen gemacht.

Sie hatte aber auch ihre Erfahrungen mit den männlichen Revolutionären gemacht: Wie auch die Frauen der neuen Frauenbewegung mußte sie erfahren, daß die Geschlechts-Unterdrückung als Nebenfrage hintenangestellt wurde. Den damaligen Linken gelang es, den Anteil der Frauen an den Revolutionskämpfen nachhaltig zu verschweigen. Luise Otto erkannte die Lage und nahm die Sache der Frauen selbst in die Hand. Sie gründete die „Frauen-Zeitung".

Die ersten- Nummern ihrer „Frauen-Zeitung" stehen noch' ganz unter dem Eindruck der Kämpfe und der ersten Wellen der Konterrevolution. In der Rubrik „Blick in die Runde" berichtet die Zeitung immer wieder über die weiblichen Barrikadenkämpferinnen, über die Beteiligung der Frauen an den ungarischen Freiheitskämpfen, denen Luise Otto einen Leitartikel widmet: „Da ist es nicht getan mit Charpie-Zupfen, Verwundete pflegen, Kleidernähen und Kochen für das Heer ... da mögen und werden sie mithelfen, die Städte verbarrikadieren und verteidigen oder, wo das nicht möglich ist... da mögen sie das Schwert oder die Sense ergreifen."

Die Solidarität mit den politischen Gefangenen ist eines der vielen Risiken, das Luise Otto bewußt eingeht. Immer wieder richtet sie ihren „Bück auf die politischen Gefangenen", veröffentlicht Briefe und Spendenaufrufe und wird dafür prompt bestraft: Eine Nummer der „Frauen-Zeitung", in der die Situation der Gefangenen wieder scharf diskutiert wird, wird beschlagnahmt. Zahlreiche Hausdurchsuchungen folgen, Manuskripte werden konfisziert, die Zeitung soll arbeitsunfähig gemacht werden. Luise Ottos Kommentar greift die Zensur erneut an: „Wir werden künftig solche Blicke nicht mehr tun dürfen."

Keine Heulereien

Die 49er und 50er Ausgaben der wöchentlicherscheinenden „Frauen-Zeitung" sind voll mit Berichten über Verhaftungen, Erschießungen, Hausdurchsuchungen. Doch die Redaktion der „Frauen-Zeitung" hält nichts von „Heulereien über solche Frauenverfolgungen ... Was die Männer für ihre Überzeugung leiden und dulden, werden die Frauen auch zu ertragen wissen". Die „Frauen-Zeitung" war in jeder Hinsicht ungewöhnlich. Sie war, abgesehen von den wenigen Nummern der Kölner Frauenzeitung Franziska Annekes und dem ebenfalls kurzfristigen Erscheinen von Luise Astons „Freischärle'r", die erste von einer Frau redigierte Frauenzeitung. Und - mehr als das war sie die erste Zeitung überhaupt, für die eine Frau voll verantwortlich zeichnete.

Hier setzte auch die Zensur an: Das aufwieglerische Blatt sollte verboten werden, und - die Geschlechtszugehörigkeit der Herausgeberin lieferte den Vorwand. Ein bis dahin einmaliges Gesetz wurde eigens für die Frauenzeitung geschaffen. Diese „Lex Otto" besagte, nicht nur die verantwortliche Redaktion einer Zeitschrift dürften „nur männliche Personen übernehmen oder fortführen", sondern auch „diejenigen Mitredakteure, welche . . . keine Verantwortlichkeit haben, ... müssen sich ... im Besitz dieser Eigenschaften befinden".

Luise Otto entzog sich dem Verbot, indem sie die Redaktion aus Sachsen in das thüringische Gera verlegte. Die Möglichkeit, das Verbot zu umgehen, indem sie die Redaktion einem männlichen Redakteur übergab, reflektierte sie in der Dezembernumnier 1850, um sie dann entschieden zu verwerfen: „Wir wollten und wollen unser Recht uns selbst schaffen und verdienen - und wir weichen lieber der Gewalt, als daß wir als unmündige Kinder unsere Zuflucht zu einem Schirmherrn nehmen, dessen wir nicht mehr bedürfen."

„Dem Reich der Freiheit werb ich Bürgerinnen" war das Motto, das Luise Otto ihrer Frauenzeitung vorangestellt hatte. Das Reich der Freiheit, das war der Traum eines republikanischen, vereinten Deutschlands, das sie, nach der großen Enttäuschung, der Niederschlagung der Revolution, durch Bildung vor allem erreichen wollte. Auch die Emanzipation der Frauen sollte nach ihrer Vorstellung in erster Linie durch verbesserte Bildung in Angriff genommen werden. So dominierten in der „Frauen-Zeitung" auch bei weitem nicht die rein politischen Artikel, sondern die „kulturellen Bereiche" -Rezensionen, Geschichten, Novellen, Gedichte -, die Literatur, die Frauen zu lesen gewohnt waren, und durch deren Politisierung Luise Otto ihre Leserinnen vermittelt für politische Fragen gewinnen wollte.

Sticken statt lesen

Sie wußte sich selbst als Ausnahme: Ihr Vater, ein sehr vermögender Kaufmann, hatte den Töchtern nicht nur reichlich Literatur, sondern auch die vielfältigen Journale und Zeitungen zu lesen gegeben, die er als aufgeklärter Bürger abonniert hatte. Doch das war bei weitem nicht die Regel. Die Bildung junger Damen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bestand aus ein wenig Grundrechnen, Geographie, Zeichnen, Malen, Sticken, Musizieren etc. und - Romanen. Zeitungen und politisches Wissen zählten ebensowenig zum Lehrstoff junger Mädchen wie Mathematik und Philosophie. War noch ein großer Teil der armen weiblichen Bevölkerung -trotz der gesetzlich vorgeschriebenen Grundschule - Analphabetinnen, so konnten doch die Bürgerstöchter durchgehend lesen, und sich auch, zumindest zum Teil, das Abonnement einer Zeitschrift leisten.

Luise Otto stand mit ihren Bemühungen um eine verbesserte Mädchenbildung durchaus nicht alleine da. In Hamburg arbeitete Malvida von Meysenbug in der Hamburger Frauenhochschule mit dem Ziel: „Die ökonomische Unabhängigkeit der Frau möglich zu machen durch ihre Entwicklung zu einem Wesen, welches zunächst sich selbst Zweck ist und sich frei nach den Bedürfnissen und Fähigkeiten seiner Natur entwickeln kann."

Die Hamburger Frauenhochschule war die radikalste Ausprägung weiblicher Bildungsbestrebungen, ihre Ausnahmesituation verdankt sie nicht zuletzt dem fortschrittlichen Emanzipationsdenken des Bürgertums der Freien Hansestadt und dem Geld eben dieses Bürgertums. Nur durch die Bereitschaft der Hamburger Patrizier, sich die Bildung ihre Töchter auch etwas kosten zu lassen, waren diese relative Freiheit und das ungewöhnlich hohe Niveau der Schule möglich: Hochschulprofessoren unterrichteten die Mädchen unter anderem in Mathematik, Physik, Astronomie und Philosophie. Malvida von Mey-senbug warb in der „Frauen-Zeitung" für ihre Schule und Luise Otto machte die Forderung nach Mädchenbildung zu einem ihrer Hauptanliegen.

Und doch: So kompromißlos die 48er Revolutionärin die radikalen Ideen des Freiheitskampfes verfocht, so zögernd verhielt sie sich gegen alle Radikalität in den Bereichen Ehe und Familie. Sie löste ihre traditionellen Ansichten - spät aber doch - auch selbst ein: Vier Jahre nach Erscheinen der letzten Nummer der „Frauen-Zeitung", 1856, heiratete sie den Revolutionär August Peters. Sie hatte sich bereits 1850 mit ihm im Gefängnis verlobt, mußte jedoch sechs Jahre bis zu seiner Freilassung aus der Isolationshaft warten. Nach der Hochzeit folgte sie ihm an seinen Arbeitsplatz - er gab die „Mitteldeutsche Volkszeitung" heraus, sie übernahm die Feuilletonredaktion der Zeitung.

Luise Ottos Bildungsbestrebungen zielten in den späten 40er Jahren in erster Linie immer noch, und seit 1850 wieder verstärkt, auf die Heranbildung einer würdigen Hausfrau, Gefährtin des Gatten. „Gelehrte Sachen", die nur „das Gedächtnis anfüllen" waren ihr ein Greuel, wie auch die „gelehrte Frau", die in einer Ausgabe der „Frauen-Zeitung" als „eine Unnatur" bezeichnet wird, „die nirgends ihren Platz findet".

Der Platz der Frau wird auch von der „Frauen-Zeitung" klar neben dem Gatten gesehen, nur das erwachende Problembewußtsein um die Lage der „alten Jungfern" läßt sie eine adäquate Berufsausbildung für Frauen fordern.

Die Fröbelschen Kindergärten, die dieser Forderung am ehesten gerecht wurden, und die Luise Otto auch publizistisch wohlwollend begleitete, zeigen deutlich die ideologischen und praktischen Widersprüche im nach-märzlichen Bild der „deutschen Frau": Fröbel, der Begründer der Kindergärten- und Kinder-gärtnerinnenseminare betonte in seinen Schriften immer wieder aufs heftigste die Bestimmung der Frau als Erzieherin ihrer Kinder und die Aufgabe seiner Institute, diesen natürlichsten aller Berufe zu fördern - und bildete de facto doch eben das Gegenteil aus: unverheiratete Frau- -en, die den Beruf der Erziehung fremder Kinder ergreifen wollten - bzw. mußten. Dieselben Widersprüche finden sich auch in der „Frauen-Zeitung". Zwar ist da ab 1850 immer stärker von der „Erziehung des Menschengeschlechts" in der Familie die Rede, die Bürgerinnen werden an ihre „schönste Pflicht" als Mütter und Erzieherinnen zukünftiger Freiheitshelden gemahnt, doch gleichzeitig wird erkannt: „Die Erziehung", vor allem aber die „Redensart von der weiblichen Bestimmung" sind Schuld daran, daß die Frau „nur bei verschlossenen Türen von der Freiheit flüstern" kann.

„Unweiblich"?

Luise Otto aber, die radikale Kämpferin, die auf den Vorwurf, ihre kriegerische Haltung sei „unweiblich" erwiderte: „Nun so frage ich euch: ist es denn einem Mann gleichgültig zu töten? : (Also auch diese Debatte, die uns so aktuell und neu erscheint, wurde schon mal geführt!), die die Beteiligung der Frauen an „den Interessen des Staates" für eine Pflicht erklärte, die selbst bis 1856 unverheiratet blieb, stellte die herrschende Sexualmoral ideologisch nicht in Frage. Im Gegenteil: In ihrem Aufsehen erregenden Aufsatz für das Volkstaschenbuch des Jahres 1847, „Vorwärts", schließt sie sich in der Verurteilung der „emancipirten" Luise Aston der Meinung des Antifeministen und ,,Gartenlaube"-Herausgebers Keil an. Sie verurteilt eine der wohl radikalsten und konsequentesten Feministinnen des damaligen Deutschland als „die größte Feindin eines Strebens, welches sich eine Hebung der deutschen Frauen zur Aufgabe gemacht hat", wirft ihr „überspannte Begriffsverwirrungen" und „Koketterie" vor und vermißt an ihr „alle Weiblichkeit". Es ging also auch vor über hundert Jahren nicht, von der Frauenbewegung zu sprechen: Schon damals gab es verschiedene Strömungen, schon damals wurden die Divergenzen auch öffentlich ausgetragen.

Champagnerhöhlen

Wer war diese Luise Aston? Sie hatte in Berlin Furore gemacht durch ihre radikale Ablehnung aller Konventionen: Frisch geschieden von einem ihr von den Eltern aufgezwungenen Gatten, lebte sie als freie Schriftstellerin in Berlin, trieb sich mit Anarchisten herum, verkehrte zigarrenrauchend in Männerkleidern am Arm der Gattin des Anarchisten Max Stirner in „Champagnerhöhlen", und wurde schließlich als staatsgefährdend der Stadt verwiesen: Letzte Ursache für die Ausweisung war ihr Gedichtband „Wilde Rosen", in dem sie sich freimütig zur freien Liebe und zum Atheismus bekannte. 1848 kehrte Luise Aston nach Berlin zurück, beteiligte sich an den Revolutionskämpfen und begleitete die „Berliner Freiwilligen" als Krankenschwester im Schleswig-Holsteinischen Freiheitskrieg, wo sie auch prompt selbst im Kugelhagel verletzt wurde.

Das war Luise Otto und den anderen Redakteurinnen vor allem aber den männlichen Mitarbeitern der „Frauen-Zeitung" zu viel. Vor allem letztere drangen immer stärker auf die Besinnung auf die natürlichen Werte der deutschen Frau, und auch die generell politisch revolutionäre Haltung der verantwortlichen Redakteurin Luise Otto kann über diese Tendenz nicht hinwegtäuschen.

Jahrzehnte später sollte der gemäßigte Flügel der deutschen Frauenbewegung sich gegen die radikalen Feministinnen auf Luise Otto und ihre Einschät zung der Familie berufen. Und noch Clara Zetkin klagte im Rückblick, „daß die Ideologie dessen, ,was der Frau ziemt', offenbar in Deutschland eine besonders starke bindende Kraft" hat.

Und heute liegt es an uns, den Feministinnen, aus den damaligen Richtungskämpfen zu lernen. Denn bei aller Bewunderung für die tapferen „Schwestern von gestern" wäre es heute unverantwortlich, etwa eine Luise Otto kritiklos darzustellen. Ihre Einstellung zu Ehe und Familie und zur „Bestimmung der Frau" kann nicht als Ausrutscher nebenbei abgehandelt werden. Sie kann auch nicht ungebrochen durch die historischen Verhältnisse entschuldigt werden. Denn da steht eine Luise Aston dagegen, mit dem Beispiel ihrer radikalen Lebenspraxis und ihrer kompromißlosen politischen Haltung. Was uns heute radikalfeministisch erscheint, war also doch auch damals möglich. In einer Situation, in der die guten alten „Werte" wieder Auferstehung feiern, und auch in Teilen der Frauenbewegung in diversen Verkleidungen sich ihren Einzug erschleichen, könnten die Differenzen der ersten Bewegung die heutige Diskussion wesentlich beeinflussen und bereichern.

Zensur und Razzien

Die „Frauen-Zeitung" war in diesem wichtigen Punkt der „sexuellen Frage" dem Zeitgeist verhaftet geblieben. Und doch versuchte Luise Otto, aus der Not eine Tugend zu machen: Angesichts des allgemeinen Rückzugs in die Familie zu Zeiten der erstarkten Reaktion hegte sie die Hoffnung, die Frauen würden die kommende Generation der Kämpfer/innen heranziehen, subversiv gewissermaßen die Gegner der herrschenden Ordnung heranbilden. Bis zuletzt blieb sie sich als 48erin treu, gegen alle staatlichen Verfolgungen und Repressions-Maßnahmen. In den letzten Monaten des Jahres 1852 häuften sich die Hausdurchsuchungen ins Unerträgliche. Laufend wurden Mitarbeiter/in nen durch Verhaftung entzogen, Druckplatten beschlagnahmt, die Redaktionskasse konfisziert. Ebenso erging es all den demokratischen Frauenvereinen, die sich seit den Märztagen gehalten hatten. Sie revidieren übrigens gründlich alle Vorstellungen, es hätte vor der Gründung des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins (1865 durch Luise Otto-Peters) keine Frauenbewegung gegeben. Die „Frauen-Zeitung" war im Gegenteil das Sprachrohr dieser vielfältigsten Frauenvereine, die auch eine stattliche Mitgliederzahl aufwiesen: In seiner besten Zeit zählte allein der Mainzer demokratische Frauenverein 1700 Mitglieder! Doch seit Mitte des Jahres 1850 wurden sie aufgelöst, die widerständischen Vorstände verhaftet. Im Zuge der verstärkten Konterrevolution wurden auch die Fröbelschen Kindergärten verboten, die Hamburger Frauenhochschule stellte ihre Arbeit ein.

Die letzte, die noch revolutionäres Bewußtsein aufrechterhielt, war Luise Ottos „Frauen-Zeitung". Welche bewußtsemsfördernde Wirkung sie hatte, belegen die vielen Leserinnenbriefe, deren Verfasserinnen bestätigen, sie seien wie „unzählige Frauen aufgeweckt (worden) aus ihrem Halbschlummer''.

Die sexuelle Frage

„Den Tag, wo ich so glücklich war, die ,Frauen-Zeitung' zuerst zu lesen", schrieb eine Arbeiterin, „werde ich ewig als den Tag meiner geistigen Lebensrettung anerkennen." Zwar erreichte die „Frauen-Zeitung" nur wenige Arbeiterinnen, doch engagierte sie sich in Fragen der Kapitalismuskritik und Sozialkritik ebenso kontinuierlich wie in der Forderung nach Pressefreiheit und Bürgerrechten. Schon früh hatte Luise Otto erkannt: „Wir werden dann immer nur die Rechte eines Teils verfechten, die Rechte der Bourgeoise, die Rechte des Proletariats aber verleugnen und dadurch ganz in denselben Fehler verfallen, welchen wir an der Partei tadeln, die zum Beispiel nur die Rechte des Adels verficht. Es wird dann eine Zeit notwendig kommen, wo der Proletarier gegen den Bourgeois auftritt, wie dieser jetzt gegen den Baron."

1852 konnte selbst die „Frauen-Zeitung" dem Druck der Repression nicht mehr standhalten. Sie stellte ihr Erscheinen ein. Die wenigen erhaltenen Exemplare, die nicht in Privatbesitz waren, wurden von der reaktionären Zensurbehörde einbehalten, die Zeitung geriet in Vergessenheit. Erst 1927 wurde sie von Helene Lange wiederentdeckt. Doch erst heute wird diese Wiederentdeckung reaktualisiert: Die kürzlich im Syndikat-Verlag erschienenen Ausgaben der „Frauen-Zeitung" Hegen zur Analyse vor. Die „Frauen-Zeitung" könnte zeigen, daß nicht wenige der Debatten, die wir heute führen, schon einmal ausgetragen wurden. Daß Frauen auch eine kämpferische, revolutionäre Tradition haben. Daß heute noch ähnliche Gefahren lauern, wie vor hundert Jahren . ..

Nach dem Tod ihres Mannes führte Luise Otto-Peters die Feuilletonredaktion der gemeinsam mit Peters herausgegebenen „Mitteldeutschen Volkszeitung" weiter, bis sie 1865 zusammen mit Henriette Goldschmidt und Auguste Schmidt den „Allgemeinen Deutschen Frauenverein" gründet. Der Kampf ging weiter. Nicht nur in Europa: 1848, im Jahr der europäischen Freiheitskriege, hatten sich in Seneca Falls in Amerika etwa hundert Frauen versammelt, um die „gesellschaftliche, rechtliche und kirchliche Stellung der Frau und ihre Rechte" zu erörtern. Und im Jahre 1852, als die „Frauen-Zeitung" ihr Erscheinen einstellte, erschien in der amerikanischen Stadt Milwaukee die erste Nummer von Mathilde Franziska Annekes „Deutscher Frauenzeitung".

(Quelle: Strobl, Ingrid (1980): "Dem Reich der Freiheit werb' ich Bürgerinnen". - In: EMMA, Nr. 2, S. 34 - 39)

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