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Das Wesen der Ehe

Louise Dittmar, 1849

Ehe ist die Vereinigung zweier Personen verschiedenen Geschlechts, die innigste Verbindung von Mann und Weib. Die Verbindung zweier Wesen beruht auf der Anziehungskraft. Die menschliche Anziehungskraft nennen wir Liebe; Liebe ist demnach die Grundbedingung der Ehe, da sie die allein wirkende Ursache ist. [...]

Nun fragen wir, wenn die Liebe Bedingung der Ehe ist und Glückseligkeit der Zweck des Lebens, also vor allem auch der der Ehe, was ist die Ursache der Nichterfüllung beider? Weshalb sehen wir mehr Ehen, welche der Zufall, der äußere Zwang schließt, und so wenige, welche auf einer inneren Notwendigkeit beruhen? Mit einem Wort, warum gibt es so viel unglückliche und so wenig, ja beinahe keine glücklichen Ehen?
Wir glauben diese Frage kurz beantworten zu können: die Ursache ist die ökonomische und politische Abhängigkeit des Weibes. [...]

Die Nichtachtung des Weibes, ihre gesellschaftliche Unterdrückung, hängt aufs engste mit der Nichtachtung und Unterdrückung der Sinne zusammen. Die Barbarei, welche das Weib zum Eigentum des Mannes machte, ließ nur diese einzige Eigenschaft, nur das Weib im Weibe erkennen; dieses Eigentumsverhältnis ließ die menschliche Natur des Weibes nicht in einer dem Manne entgegengesetzten Erscheinung zur Geltung gelangen. Darum blieb das Weib Sklavin mit allen Eigenschaften einer unterdrückten Menschlichkeit; darum blieb die Liebe Monopol des Mannes und die Ehe das Privilegium der Begüterten, und darum tragen Weib, Ehe und Liebe das Sklavenbrandmal. [...]

Die Treue ist eine notwendige Bedingung zur menschlichen Veredelung. Die nur sinnliche Liebe ist einem steten Wechsel unterworfen; allein da die geistige Liebe zur Entwicklung des Menschen durchaus erforderlich ist und die beiden Geschlechter nicht anders geistig aufeinander einwirken können als durch einen andauernden Austausch ihrer Eigentümlichkeit, so ist die Treue eine sittliche Notwendigkeit. Diese Notwendigkeit darf sich aber niemals auf Zwang stützen, niemals zur Vorschrift werden, indem sie aus der menschlichen Natur von selbst hervorgeht. »Der Staat machte aus der Treue eine Pflicht«, wie die Menschen überhaupt alles, worin sie eine Wahrheit fanden, zum Dogma machten, statt es als Ideal aufzufassen. Das Ideal ist niemals gleich dem Dogma bindend, niemals die Eigentümlichkeit unterdrückend, denn gleich wie die Ehe nur durch die Liebe ihr Ideal erreicht, so kann auch Treue nicht ohne Liebe bestehen. Wo aber Liebe ist, da ist auch Treue; Liebe und Treue ist eins und dasselbe. Die Treue als Ideal ist darum nichts weniger als eine Vorschrift, sondern eine der menschlichen Natur entnommene Wahrheit.

Sobald der Staat seine Einmischung in die Schließung und Trennung der Ehe aufgegeben hat, wird es zweierlei Arten von Ehen geben: beständige und wechselnde. Wir glauben durchaus nicht, daß selbst bei völlig freier Wahl alle Ehen beständig sein werden; allein wenn die Wahl so frei und ungebunden ist wie die unserer Freunde, dann ergibt sich von selbst, daß die Zahl der beständigen Ehen groß sein wird und die wechselnden oder unbeständigen jedenfalls ihrer Natur entsprechender als die jetzigen, indem sie mindestens mit der Überzeugung der Liebe geknüpft sein werden. Die Untreue muß notwendig mit der Zeit ganz verschwinden, und nur in der Jugend, ehe das Herz zu Verstand gekommen ist, wird es bestandlose Ehen geben. Das Herz wird aber alsdann nicht mehr wie jetzt sein ganzes Leben hindurch eine Übereilung, einen Irrtum büßen müssen. [...]

Fragen wir nach den Ursachen dieser Einmischung, dann finden wir alle in dem ökonomischen Gesichtspunkt vereinigt, hervorgegangen aus dem uralten Vorrechte des Besitzes und der Gewalt, welchem das Bestreben, bevorrechtigte Personen, Klassen und privilegierte Stellungen zu erhalten und zu beschützen, folgte. Die politische Stellung des Mannes dem Weibe gegenüber ist die des Patriziers zum Plebejer, des Freien zum Sklaven. [...]

Entfernen wir uns mit tiefer Indignation von dieser staatlichen Kloake. Aber lernen wir aus diesen unheiligen Zeichen, daß wir noch im Zustand der Barberei leben, und ersehen wir daraus, wie das arme, erdrückte Weib auch hier wieder die ganze Schmach einer unsittlichen Politik tragen muß; bedenken wir, daß solche Ehescheidungsprozesse stets das Gefühl und meist die Ehre des Weibes verletzen und in vielen Fällen vernichten; bedenken wir, daß die Brutalität, die Gemeinheit des Mannes die niederträchtigsten Beschuldigungen auf das Weib zu haufen fähig ist und daß die rohe, gemeine Moral des Publikums stets geneigt ist, das unglückliche, verfolgte Weib vollends zu steinigen.
Die Ehescheidungsprozesse sind die bündigsten Belege für die Notwendigkeit der Beteiligung des weiblichen Geschlechts an den sie betreffenden Rechts- und Sittenverträgen. Wie können die Männer allein über ein so durchaus gemischtes Verhältnis urteilenund entscheiden? Beides muß durchaus einseitig ausfallen. [...]

Es läßt sich gar nicht verkennen, daß der Polizeistaat die Liebe als ein rohes Naturprodukt betrachtet, welches nur die Ehe in ihrer gemeinsten Erscheinung ist. Dies ergibt sich daraus, daß er sie denselben Gesetzen unterwirft wie eine Handelsware und die Frau als untrennbare Verkäuferin derselben mit in die Handelsbedingungen aufnimmt, sie doppelt straft, wenn sie den Vertrag bricht usw. [...]

Die ökonomische Befreiung des Weibes wird den segensreichsten Einfluß auf die Neugestaltung des Lebens haben, dadurch wird eine der Kultur und Zivilisation entsprechende Sittlichkeit im engeren und weiteren Sinn erreicht werden können. Wir behaupten, daß die größten Opfer, diesem Zweck gebracht, nur Saatkörner gegen Fruchtfelder sind. Von der Befreiung des Weibes hängt die Befreiung des Lebens ab, denn gerade daß die ökonomische Selbständigkeit der Frauen größere Schwierigkeiten verursacht, gerade daß sie größere Anforderungen macht, beweist, daß hier die größten Mißstände zu beseitigen sind. Und geht man einmal von dem Recht und der Notwendigkeit persönlicher Freiheit aus, dann muß, wie bei einem kranken Körper, der am meisten leidende Teil zuerst geheilt werden. [...]

(Textauszug aus: Dittmar, Louise (1849): Das Wesen der Ehe. - In: EMMA, Nr. 8, 1984, S. 33; Original in: Dittmar, Louise (1849): Das Wesen der Ehe : nebst einigen Aufsätzen über die soziale Reform der Frauen. - Leipzig : Wigand, S. 47 - 62)

(Quelle: Dittmar, Louise (1845): Die geträumte männliche Natur. - In: Dittmar, Louise (1845): Skizzen und Briefe aus der Gegenwart. - Darmstadt : Leske, S. 94 - 95)

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