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Louise Dittmar (1807–1884)

„Meine Natur besteht im Widerstand gegen das Unrecht, nicht in der frommen Duldung des scheinbar Unvermeidlichen.“

Die deutsche Frauenrechtlerin, Publizistin und Philosophin gilt als eine der bedeutendsten Frauenfiguren des Vormärz. Einige der radikalsten und kritischsten Schriften der Historischen Frauenbewegung stammen aus ihrer Feder. So kritisierte sie das „verkochte, verwaschene und verbügelte Leben“ der Frauen und entwarf in ihrem Aufsatz ‚Das Wesen der Ehe’ eine verblüffend  moderne Vision des Zusammenlebens der Geschlechter. Auch als Philosophin, die die Philosophie stets in den Dienst der Geschlechterfrage und der gesellschaftlichen Veränderung stellte, machte sich Louise Dittmar einen Namen. „Sie werden staunen, wie diese Dame unsre Philosophen und Theologen durch die Freiheit ihres Geistes beschämt“, erklärte Dittmars Zeitgenosse Ludwig Feuerbach. In ihrer Zeitschrift 'Die sociale Reform', die sie im Revolutionsjahr 1848 gründete, vertrat die Pionierin die These, dass eine neue und sozial gerechtere Gesellschaft nur dann entstehen könne, wenn beide Geschlechter gleichberechtigt an ihrer Erneuerung mitwirkten.

Johanna Friederieke Louise Dittmar wird am 7. September 1807 in Darmstadt geboren. Sie wächst in einem akademisch gebildeten Haushalt auf: Ihr Vater Heinrich Karl Dittmar, ist Finanzbeamter am herzoglichen Hof, auch die Mutter Friederike Caroline stammt aus einer Beamtenfamilie. Tochter Louise spürt früh ihre geistige Begabung, darf ihr aber nicht nachgehen. Ein Studium ist nur für ihre acht Brüder vorgesehen. Diese Ungleichbehandlung prägt das Mädchen früh: „Seit meiner frühesten Jugend empfand ich nichts schmerzlicher als die Nichtachtung und Geringschätzung meines Geschlechts.“ Auch eine Heirat mit teurer Mitgift kann sich die Familie nur für die ältere Schwester leisten. So bleibt Louise immerhin das klassische Frauenschicksal – die gesetzliche Entmündigung an der Seite eines Ehemannes – erspart. Das bildungshungrige Mädchen, das zunächst die Rolle der „Haustochter“ übernimmt, eignet sich ihr Wissen als Autodidaktin an, beschäftigt sich mit politischen, juristischen und philosophischen Fragen. Besonders begeistert sie sich für den Philosophen Feuerbach, mit dem sie ab Mitte der 40er Jahre eine intensive Korrespondenz führt und der sie bei ihren späteren publizistischen Projekten unterstützt.

Doch erst nach dem Tod der Eltern beginnt die nun von ihren Verpflichtungen befreite 33-jährige Tochter zu schreiben. Geprägt durch das fortschrittliche Klima in ihrer Familie - Vater und Bruder Hermann waren bekennende Demokraten und Republikaner – ist Dittmars zentrales Thema die soziale Frage. 1845 erscheint – noch anonym – ihr erstes Werk ‚Bekannte Geheimnisse’, eine Satire auf die angepasste Biedermeiergesellschaft und deren Hang zu Militarismus und Religiosität. Schon hier bezieht Dittmar in ihre Sozialkritik die Geschlechterfrage ein: „Nach dem neuesten Rechenexempel des vollkommenen Staates muss der ganze Mensch darin aufgehen, nichts durfte übrig bleiben als eine Null, und das war die Frau.“

Bewaffnete Revolutionärin

Ihren Durchbruch hat die Autorin im Jahr 1847. Sie beschließt, nun auch „vor einer zahlreichen Versammlung durch das lebendige Wort zu wirken“ und stellt ihre ‚Vier Zeitfragen’ in Mannheimer Montags-Klub vor. Dabei entwickelt die Demokratin im vorrevolutionären Land die These, dass ein politisches System nur dann den Anspruch auf Gerechtigkeit erfülle, wenn beide Geschlechter die Chance auf die „Entwicklung des Selbstgefühls“ hätten. Die Ideen ihres Zeitgenossen Karl Marx widerstreben ihr, weil sie in ihnen das Individuum unterdrückt sieht: „Dem Freiheitspferch der konstitutionellen Monarchie entspricht der Einheitsstall der politischen Kommunisten. Sie haben ein fertiges System, in welches sie das Leben einschrauben.“

Dittmar sieht in der Dominanz des männlichen Prinzips das zentrale Problem, das es zu lösen gilt. Erst ein Umbau der Gesellschaft, der aus dem männlichen Prinzip ein menschliches Prinzip mache und die Eigenschaften der Materie und des Geistes beiden Geschlechtern zugestehe, könne wirkliche Veränderung mit sich bringen. „Mit unserer Revolution beginnt tatsächlich eine neue Stufe der Entwicklung (...), die umfassendste, welche je die Gesellschaft neu gestaltete.“
Diese Vorträge machen Louise Dittmar als Philosophin und Frauenrechtlerin über Darmstadt hinaus bekannt. Bald ist sie zu Vortragsreisen in vielen deutschen Städten unterwegs. Anfang 1849 macht sie durch ein neues Projekt von sich reden: Sie gründet eine Zeitschrift; ,Die sociale Reform : eine Zeitschrift für Frauen und Männer' ist gedacht als Bildungsorgan für Frauen und politisches Diskussionsforum. Die erste Ausgabe erscheint im Januar 1849, noch vor Louise Otto-Peters Frauen-Zeitung. Allerdings muss das Monatsblatt schon nach vier Ausgaben wieder eingestellt werden.

Das Wesen der Ehe

Ein zentraler Aufsatz, der in ,Die sociale Reform' erscheint, wird ein Jahr später noch einmal als Einzelschrift nachgedruckt: ‚Das Wesen der Ehe’. Hier kritisiert Dittmar - Jahrzehnte vor der Sexualreformerin Helene Stöcker – die gesellschaftliche Doppelmoral und fordert das Recht auf Sinnlichkeit und Erotik auch für Frauen. Die so genannte Konvenienzehe verurteilt sie scharf als das „fluchwürdigste Verbrechen, welches der Staat an seinen Angehörigen begeht“ und erklärt die Liebe als einzigen zulässigen Grund für eine Eheschließung. Die staatliche Ehe betrachtet sie als rechtswidrigen Eingriff in die Privatsphäre. „Fragen wir nach den Ursachen für diese Einmischung, dann finden wir alle in dem ökonomischen Gesichtspunkt vereinigt, hervorgegangen aus dem uralten Vorrecht des Besitzes und der Gewalt, welchem das Bestreben, bevorrechtete Personen, Klassen und privilegierte Stellungen zu erhalten und zu beschützen, folgte. Die politische Stellung des Mannes dem Weibe gegenüber ist die des Patriziers zum Plebejer, des Freien zum Sklaven.“

Dissertation Nagel

Nach 1850 veröffentlicht Dittmar nicht mehr. Sie ist in doppelter Hinsicht ausgebremst: Mit ihren emanzipatorischen Ideen, die erst Ende des Jahrhunderts wieder vom radikalen Flügel der Historischen Frauenbewegung aufgegriffen werden, ist sie ihrer Zeit weit voraus und findet unter den Frauen nur geringfügige Anhängerschaft. Und die Niederschlagung der Revolution und die darauf folgende Reaktion – die mit einem Vereins- und Versammlungsverbot für Frauen zurückschlägt - bedeutet für Dittmar das Ende einer politischen Utopie. In den folgenden Jahrzehnten lebt sie als „allein lebende Privatin“ in ihrer Darmstädter Wohnung. Ihre letzten vier Lebensjahre verbringt sie, schon schwer erkrankt und verarmt, bei ihren zwei Nichten in Bessungen, einem Dorf bei Darmstadt. Dort stirbt Louise Dittmar am 11. Juli 1884.

Lange gab es über die brillante Vordenkerin kaum biografische Angaben, auch ihr Werk schien größtenteils zerstört. Erst Gabriele Käfer-Dittmar entdeckte die Schriften ihrer Vorfahrin wieder und veröffentlichte sie 1992 in ihrem Buch ‚Un-erhörte Zeitzeugnisse’ im Justus-von-Liebig-Verlag. 2005 erschien von Christa Nagel die Dissertation über Louise Dittmar ‚In der Seele das Ringen nach Freiheit’ (Helmer).