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Johanna Elberskirchen (1864–1943)

„Sind wird Frauen der Emanzipation homosexual – nun dann lasse man uns doch! Dann sind wir das doch mit gutem Recht.“

Johanna Elberskirchen, 1905
Johanna Elberskirchen, 1905, © C. Leidinger, Quelle: http://www.lesbengeschichte.de

Die deutsche Frauenrechtlerin, Medizinerin, Juristin und Publizistin gilt als eine der wenigen offen lesbisch lebenden Frauen und bedeutendste Homosexuellen-Aktivistin der Historischen Frauenbewegung. Während die meisten ihrer Kampfgefährtinnen des radikalen Flügels keine offene Parteinahme für die – teils selbst gelebte – Frauenliebe wagten, engagierte sich Johanna Elberskirchen im ‚Wissenschaftlich-Humanitären Komitee’ des Sexualwissenschaftlers Magnus Hirschfeld und in der ‚Weltliga für Sexualreform’ für die Rechte homosexueller Frauen und Männer: „Man gebe dem Homosexualen, was ihm gehört: seinen vollen Menschheitsrang.“

Gedenktafel am Geburtshaus in Bonn
Gedenktafel am Geburtshaus in Bonn,  © I. Boxhammer, Quelle: http://www.lesbengeschichte.de

Johanna Elberskirchen wird am 11. April 1864 in Bonn geboren. Ihr Vater Martin ist Kaufmann, ihre Mutter Julia ist im Haushalt für die insgesamt fünf Geschwister – ein älterer Bruder, drei jüngere Schwestern – zuständig. Johanna wird Buchhalterin, „emancipiert sich“ aber im Alter von 27 Jahren „aus dieser Tretmühle“ und geht in die Schweiz, wo das Frauenstudium, anders als in Deutschland, bereits zugelassen ist. Sie studiert Medizin und schreibt sich später auch für Jura ein, „um der Frauenwelt später mit einem wohl diplomierten Doctor juris mehr dienen zu können“.

Geburtshaus in Bonn
Johanna Elberskirchens Geburtshaus in Bonn,  © C. Leidinger,

Kurz vor der Jahrhundertwende beginnt Johanna Elberskirchen – zunächst unter dem männlichen Pseudonym Hans Carolan – zu publizieren: 1896 erscheint ‚Die Prostitution des Mannes’, im Jahresabstand folgen ‚Socialdemokratie und sexuelle Anarchie’ und ‚Das Weib, die Klerikalen und die Christsozialen’. Die Sozialdemokratin (die später wegen ihrer Mitgliedschaft in einem Frauenstimmrechtsverein aus der SPD ausgeschlossen werden wird) wendet sich entschieden gegen die linke Theorie der Frauenfrage als „Nebenwiderspruch“: „Die Socialdemokratie bilde sich nicht ein, dass die Überwindung des ökonomischen Kapitalismus die Menschheit von allem Übel erlöst. (...) Die tiefsten Wurzeln liegen im Sexus. Der ökonomische Kapitalismus hat den sexuellen Kapitalismus gefördert und unterstützt.“ Klar ordnet sich Johanna Elberskirchen dem radikalen Flügel zu: „Die Frauenbewegung muss alle Rechte für alle Frauen verlangen, sie ist eo ipso radikal oder sie ist es nicht!“

1904 veröffentlicht Elberskirchen, die mit ihrer Lebensgefährtin Anna Eysoldt wieder in Bonn lebt, ihr erstes Buch zum Thema Homosexualität: ‚Die Liebe des dritten Geschlechts. Homosexualität, eine bisexuelle Varietät – keine Entartung, keine Schuld’. Sie erklärt: „Ich protestiere dagegen, dass der Homosexuale eo ipso als Psychopath, als entartetes, demoralisiertes, minderwertiges Subjekt gebrandmarkt wird.“ Und fordert: „Sind wir Frauen der Emanzipation homosexual – nun dann lasse man uns doch!“

In der Tat gibt es einige Paare unter den „Frauen der Emanzipation“ – wie zum Beispiel Anita Augspurg & Lida Gustava Heymann, Käthe Schirmacher & Karla Schleker oder Helene Lange & Gertrud Bäumer –, die meisten jedoch ziehen es vor, über ihr Privatleben zu schweigen und ihr politisches Engagement auf die klassischen Themen der Frauenbewegung zu beschränken. Sie befürchten, den Gegnern der Frauenbewegung noch mehr Angriffsfläche zu bieten. Denn diese versuchen, das Streben der Frauen nach Gleichberechtigung als „unnatürlich“ und „pervers“, als „Symptom krankhaften Mannweibtums“ zu diffamieren. Auch im Wissenschaftlich-Humanitären Komitee (WHK) von Magnus Hirschfeld, der die Theorie der Homosexualität als ‚Drittes Geschlecht’ entwickelt hat, bleibt Johanna Elberskirchen eine Exotin: Im WHK sind überwiegend einflussreiche Männer organisiert und Frauen in der Minderheit. Ab 1928 referiert Elberskirchen bei den Kongressen der ‚Weltliga für Sexualreform’ in Kopenhagen, London und Wien und wird international bekannt.

Wohnhaus in Berlin-Rüdersdorf ab 1920
© I. Boxhammer, Quelle:http://www.lesbengeschichte.de
Hildegard Moniac um 1953
© Gutsche/Leidinger, Quelle: www.lesbengeschichte.de

Ab 1920 lebt Elberskirchen, die nun auch zu medizinischen Themen veröffentlicht, mit ihrer neuen Lebensgefährtin Hilde Moniac und zwei ihrer Schwestern in Berlin-Rüdersdorf, wo sie eine homöopathische Praxis eröffnet. Nach der Machtergreifung 1933 erhält Elberskirchen Berufsverbot, da weibliche Ärzte nur noch eingeschränkt praktizieren dürfen. Auch Hilde Moniac fällt als Lehrerin und Beamtin unter das Berufsverbot der Nationalsozialisten für Frauen bestimmter Berufsgruppen. 1938 wird Elberskirchens ‚Die Liebe des dritten Geschlechts’ auf die ‚Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums’ gesetzt. Dennoch bleibt das Frauenpaar – vermutlich aufgrund eines gut funktionierenden Netzwerks von UnterstützerInnen – weitgehend unbehelligt. Johanna Elberskirchen stirbt am 17. Mai 1943 in Rüdersdorf.

Gemeinsames Grab Elberskirchen/Moniac
© Ralf Dose, Quelle:http://www.lesbengeschichte.de
Gedenktafel am Grab von Johanna Elberskirchen
© H. Kleemann

Johanna Elberskirchen wird erst in den 1980ern von der Neuen Frauenbewegung und noch später von der Homosexuellenforschung wiederentdeckt. Im Jahr 2002 wird bekannt, dass ihre Urne 1975 auf dem Rüdersdorfer Friedhof von zwei Frauen heimlich in das Grab ihrer Lebensgefährtin Hilde Moniac umgebettet wurde. Die Gemeindevertretung beschließt, das Grab des Frauenpaares unter Schutz zu stellen, erklärt es zum Ehrengrab und finanziert zwei Gedenktafeln. Am 23. August 2003 findet auf dem Friedhof eine offizielle Gedenkfeier für Johanna Elberskirchen und Hilde Moniac statt.