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Helene Stöcker (1869–1943)

„Es müssen Mittel und Wege gefunden werden, auch denen zu helfen, die durch das Übel der Schwangerschaftsunterbrechung ein noch größeres Übel nämlich das der Zerstörung von Gesundheit und Lebensglück der schon Lebenden – vermeiden wollen.“

Passfoto Helene Stöcker

Die deutsche Frauenrechtlerin, Philosophin und Publizistin gilt als die Vertreterin des radikalen Flügels der Historischen Frauenbewegung, die Fragen der Geschlechterbeziehungen sowie der Sexualreform in den Mittelpunkt ihres Wirkens stellte. In ihrer Philosophie der ‚Neuen Ethik’ erkennt Stöcker nicht die Ehe, sondern ausschließlich die Liebe als Legitimation für sexuelle Beziehungen an. Sie plädiert für die Überwindung der Unterdrückung der Sexualität wie sie die christliche Moral vertritt; gleichzeitig bekämpft sie den Status der Frauen als Sexualobjekt. Ihre Utopie ist der Einklang von Sexualität und Seele – eine zivilisatorische Stufe, die Frauen laut Stöcker schon weitgehend erreicht hätten und die sie nun den Männern vermitteln müssten. Stöcker geht davon aus, „dass in der Frau die Hoffnung erwacht ist, ihre vertiefte Auffassung der Liebe auch dem Mann suggerieren zu können. Die Erfüllung dieser Hoffnung würde die Freude und das Glück der Frau nicht nur, sondern in eben so hohem Grade das des Mannes und nicht in letzter Linie das der Kinder erhöhen.“

Zehn Jahre ‚Bund für Mutterschutz’, 1915

Die Grundlage für diese ‚Kultur der Liebe’ ist die finanzielle Unabhängigkeit der Frauen. Stöcker kämpft mit ihrem ‚Bund für Mutterschutz und Sexualreform’ für die Abschaffung des § 218, den besseren Schutz lediger Mütter und gegen ihre gesellschaftliche Ächtung; für Sexualaufklärung und das Recht der Frauen auf Selbstbestimmung über ihren Körper – Anliegen, die die Frauenbewegung dieser Zeit auch international als zentrale Ziele verfolgt. Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs engagiert sich Stöcker in pazifistischen Organisationen und ist damit eine der wenigen Stimmen in Deutschland, die gegen den Krieg protestieren.

Hulda Caroline Emilie Helene Stöcker wird am 13. November 1869 in Elberfeld (heute Wuppertal) geboren. Ihr Vater Peter Heinrich Ludwig Stöcker, der ein „Posamentiergeschäft“ besitzt, in dem Textilien mit Borten und anderen Besätzen versehen werden, wollte ursprünglich Missionar werden. Das Familienleben ist stark vom Calvinismus und der rigiden Frömmigkeit des Vaters geprägt.

Helene Stöcker um 1900

Im Alter von 21 Jahren geht Helene nach Berlin, wo sie eine Lehrerinnen-Ausbildung bei Helene Lange beginnt. Sie kommt mit Minna Cauer  und anderen radikalen Vertreterinnen der Frauenbewegung in Kontakt, die mit Beginn der 1890er Jahre an Einfluss gewinnt. 1893 erscheint Stöckers erste Publikation: In ihrem Aufsatz ‚Die moderne Frau’ erklärt die 24-Jährige die finanzielle Unabhängigkeit der Frau von ihrem Ehemann zur Voraussetzung für ein erfülltes und freies Leben der Frauen und für eine partnerschaftliche Beziehung der Geschlechter.

Als 1896 in Berlin Frauen als Gasthörerinnen zugelassen werden, beginnt Stöcker – gegen den Willen ihrer Eltern – ein Studium der Nationalökonomie, der deutschen Literatur und der Philosophie. Ihr besonderes Interesse gilt Friedrich Nietzsche, zu dem sie bald Kontakt aufnimmt und dessen Ideen zu Staat, Kirche und Moral sie bei der Entwicklung ihrer ‚Philosophie der Neuen Ethik’ stark beeinflussen werden.

WILPF-Congress: Augspurg;Baer;Stöcker, Heymann, 1919
Quelle: Swathmore

Gemeinsam mit Minna Cauer, Anita Augspurg und Lida Gustava Heymann  gründet Helene Stöcker im Oktober 1899 den ‚Bund fortschrittlicher Frauenvereine’ als radikalen Gegenpol zum gemäßigten ‚Bund deutscher Frauenvereine’. Weil sie als Gasthörerin keinen Universitätsabschluss machen darf, geht Helene Stöcker nach Bern, wo sie 1902 als eine der ersten Frauen in Literatur promoviert. Ihr Thema: ‚Die Kunstanschauung des 18. Jahrhunderts’. Im selben Jahr gründet sie, wiederum gemeinsam mit den führenden Köpfen der Radikalen, den ‚Verein für Frauenstimmrecht’.

Werbung für die ‚Neue Generation’

1905 hebt Stöcker den ‚Bund für Mutterschutz und Sexualreform’ aus der Taufe. Ziel des Bundes, dessen Vorsitzende sie über viele Jahre sein wird, ist der Kampf für die sexuelle Selbstbestimmung der Frauen und Mädchen über ihren Körper. Die Gründerin kritisiert die gesellschaftliche Doppelmoral, die das Sexualverhalten von Männern und Frauen mit zweierlei Maß misst: „Für den Mann ist gewissermaßen die ganze Welt da, die Prostitution, das Verhältnis, die Ehe. Die Frau ist durch die moralische Ächtung, jedenfalls nach außen hin, zur vollkommenen Abstinenz gezwungen. Auf jede natürliche Befriedigung ihrer Liebessehnsucht ist der bürgerliche Tod gesetzt, der Verlust ihrer Existenz.“

Stöcker in ihrer Wohnung, 1921

Da der Bann der Gesellschaft vor allem ledige Mütter trifft, richtet der ‚Bund für Mutterschutz und Sexualreform’ Heime für sie ein und fordert die rechtliche Gleichstellung ehelicher und unehelicher Kinder. Stöcker engagiert sich für frühzeitige Sexualaufklärung, den Zugang zu Verhütungsmitteln und die Streichung des § 218: „Solange die Gesellschaft die Mutterschaft nahezu ohne Schutz lässt, ja in gewissen Fällen die Mutterschaft mit Schande straft und den Mann von der Verantwortung für sein Kind entlastet, hat sie jedenfalls kein Recht, die Vermeidung der widerwilligen Mutterschaft der Frau als zuchthauswürdiges Verbrechen anzurechnen.“ Sie stellt die Frage, „wo und mit welchem Recht das Strafrecht einem Individuum verbiete, voll über sich selbst zu verfügen“. Mit der gleichen Begründung setzt sich Helene Stöcker auch für die Abschaffung des § 175 ein, der männliche Homosexualität unter Strafe stellt und über dessen Ausdehnung auf weibliche Homosexualität immer wieder debattiert wird.

Vortrag Februar 1918
Vortragsankündigung Helene Stöcker Februar 1918

Als Philosophin entwickelt Helene Stöcker ihre Idee der ‚Neuen Ethik’. Ihr Ziel: „Wir können die Beziehungen zwischen den Geschlechtern auf eine reichere, tiefere Basis gründen.“ Sie wendet sich gegen die kirchliche Definition der körperlichen Liebe als Laster und forderte das Recht auf sexuelle Lust und Selbstbestimmung auch für Frauen. Gleichzeitig kritisiert sie die Trennung von Sexualität und Liebe und entwirft ein Beziehungsideal zweier gleichwertiger PartnerInnen, deren ökonomische Unabhängigkeit und geistiger Austausch Voraussetzung sind für die „Vereinigung der Seelen“. Diese stelle den Menschen auf eine höhere zivilisatorische Entwicklungsstufe. Stöcker, die von 1905 bis 1931 unverheiratet mit dem Berliner Rechtsanwalt Bruno Springer zusammenlebt, erklärt die Ehe für überflüssig. Erstens entmündige das geltende Eherecht die Frauen, zweitens bedeute Liebe in ihrer höchsten Form ohnehin Bindung und Verantwortung für das Glück des anderen.

Festschrift
Festschrift zum 60. Geburtstag am 13. November 1929

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs erschüttert Helene Stöcker, die an den Fortschritt der Menschheit und an eine Höherentwicklung von Kultur und Moral geglaubt hatte, zutiefst. Sie nimmt am ‚Internationalen Frauen-Friedenskongress’ in Den Haag teil und arbeitet von nun an in vielen pazifistischen Organisationen mit. Auch nach Kriegsende liegt Stöckers Schwerpunkt nun auf dem pazifistischen Engagement. Als sie am 13. November 1929 ihren 60. Geburtstag feiert, ist die Frauenrechtlerin und Pazifistin auf dem Höhepunkt ihrer Popularität. Rund 400 Zeitschriften im In- und Ausland würdigen ihre Arbeit.

Nach dem Reichstagsbrand flüchtet die 63-Jährige vor den Nationalsozialisten über die Tschechoslowakei, die Schweiz, England, Schweden, Russland und Japan in die USA. Am 23. Februar 1943 stirbt Helene Stöcker verarmt und vereinsamt im New Yorker Exil.

Stöcker, eine der bekanntesten und schillerndsten Frauen der Weimarer Republik gerät in Vergessenheit. Erst die Neue Frauenbewegung und die Friedensbewegung entdecken die Vorkämpferin wieder. 1991 erscheint die Biografie ‚Helene Stöcker: Frauenrechtlerin, Sexualreformerin und Pazifistin’ von Christl Wickert. 1992 wird in Stöckers Geburtsstadt Wuppertal das Helene-Stöcker-Haus für obdachlose Frauen eingeweiht. Zu Stöckers 130. Geburtstag am 11. November 1999 gründet sich in Berlin die ‚Helene-Stöcker-Gesellschaft’, die erste philosophische Gesellschaft mit einer weiblichen Leitfigur.