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Der Missbrauch des Todes

Hedwig Dohm, 1917

Lieber, alter, treuester Freund! Ich bin in Seelennot! Hilf mir! Ich verstehe ja nichts von Politik. Ich brauche deine klare Objektivität. Deine unbeirrbare Logik. Voll düstern Erschauerns erlebe ich diesen Weltkrieg. Ich kann nachts nicht schlafen. Zwangsvorstellungen von Blutströmen, die ich durchwaten muß, lassen mich nicht los, von furchtbaren Schreien, die weißen Lippen entgellen, von Augen, die nicht aufhören zu weinen. Meine Speisen sind mir vergiftet; die Blumen im Zimmer ekeln mich; wie sie duften, duften! Fühllos, zudringlich in das große Sterben hinein. Hilf mir, oder ich gehe an Kriegspsychose zugrunde. Dir will ich all meine Gedanken sagen, dir allein; sagte ich sie auch anderen, man würde mich steinigen; denn ich kann die Kriegsjahrmode der prunkend-patriotischen Pathetik nicht mitmachen. Die widersprechendsten Gefühle verbrennen mir das Herz. Sieh, dieser Krieg hat für mich einen Januskopf. Das eine Antlitz gleicht dem der Medusa. In Entsetzen erstarrt, wer es schaut. Das andere Gesicht ist von hoheitsvoller Schönheit. Im Anfang des Krieges sah ich nur das Medusenhaupt, und ich dachte: Christus ist vergebens gestorben, sein Erlösungswerk hat er nicht vollbracht. Wie vor Jahrtausenden herrscht noch immer die Macht der Finsternis. Im Krieg sind die Gesetze der Menschheit aufgehoben, in den Urzustand ist sie zurückversetzt. In einem ungeheuren Irrtum waren wir befangen. Wir glaubten an die innere Kultur der europäischen Völker. Wir müssen umlernen. Es war nur Firnis, Tünche. Noch war die Tierheit, das Raubtier in ihnen. Nun ist es wieder ausgebrochen, und mit derselben zerreißenden Wildheit wie vor Jahrtausenden wütet es. Ich vergehe an diesem Erkennen. Wie soll ich den schaurigen Wahnsinn des Gedankens fassen, daß Millionen schuldloser Geschöpfe sich gegenseitig abwürgen, die einander nie etwas zuleide getan! - »Wer über gewisse Dinge den Verstand nicht verliert, der hat keinen zu verlieren.« Das gewisseste dieser Dinge ist der Krieg - Kannibalismus. Sättigt der Kannibale sich buchstäblich vom Fleisch seines Mitmenschen, so mietet der Krieg unzählige Mäuler, die der Kanonen, die unersättlich nach Menschenfraß gieren. Brennendes Blut speien die vesuvischen Entladungen der Schlachten über die Erde. Die Sense des Todes hat der Teufel geschliffen, daß er ganze Generationen blühender Jugend fortmähte wie Gras. Der Höllenspaß der Zentralisationslager vollendet das Weltbild eines Tollhauses.

Vor den Posaunen des Jüngsten Gerichts mögen die Urheber solchen nie erlebten Krieges erzittern. Millionen in Qualen Verendete werden als Blutzeugen gegen sie aufstehen. Jawohl, jawohl, der Krieg ist die verruchteste aller Gotteslästerungen! Ob ich diesen Brief zerreiße, ehe deine hellen Augen sich darüber verfinstern? - Schrieb ich's nicht schon, daß ich politisch ganz und gar ungebildet bin? Aber sie behaupten doch immer, Frauen brauchten nichts zu wissen, nichts zu lernen, sie wüßten alles aus sich selbst, intuitiv, mit dem Gefühl. Da siehst du, was aus dem Nurgefühl herauskommt: Fieber der Kriegspsychose, das in dem Krieg nur ein Gemetzel sieht, nicht den Geist, der über den Blutströmen schwebt. - Schwebt er? Ist das deine Meinung? Ach nein - nein - siehst du sie nicht? - die vielen, vielen selig grinsenden Kadaver? Weh, ach weh! Aus Massengräbern steigen sie. Schatten nur, und doch rinnen aus furchtbaren Wunden ihnen Bäche von Blut. Gierig, gierig trinkt sie die Erde, und Dämpfe wallen auf wie blutendes Feuer, ihre Funken zersprühen mir das Herz. Weinen muß ich, alle Tage, alle Tage, und alle Nächte muß ich weinen - immerfort!

Ein Wort des sterbenden Chamford liegt mir im Sinn: »Je m'en vais enfin de ce monde, où il faut, que le coeur se brise ou se bronce.« Ich will nicht, daß mein Herz bricht. Darum fort - fort mit dem grauenvollen Medusengesicht.

Und meine Blicke glitten hinüber zu des Janus' zweitem Gesicht!

Und ich höre und lese hymnische Worte über die »Seligkeit des Sterbens in der Schlacht«. »Der Krieg ist Religion, der Krieg ist Leben, nicht Tod.« Und ich lese, »daß die Erde in dem langen Frieden arm, eng, reizlos geworden ist, und daß Neid und Schmerz in den Seelen derer wühlen, die Tag für Tag grollend, hadernd - den altgewohnten Weg zur Arbeit schleichen müssen, während andere jauchzend, todesbereit in den Krieg ziehen.« Der Krieg die Verheißung eines neuen Werdens und Wachsens der Menschheit. »Krieg« - so kündet ein Enthusiast - »muß sein, um den Begriff der Menschheit zu realisieren.« . . . Vielleicht, die »Begeisterung« für diesen Krieg war »tief und echt«. Was beweist es? Tief und echt war auch die fromme Inbrunst, die Heiligkeit der Überzeugung, mit der man einst zur Ehre Gottes und zur Rettung ihrer Seelen Ketzer und Hexen verbrannte. Man kann sich ebenso für Irrtümer und Aberglauben (Dummheit nicht ausgeschlossen) begeistern, wie für Wahrheiten, die den Stempel: ewig! tragen . . .

Und das sei unsere Proklamation an die Kommenden: Tod dem Mißbrauch des Todes im Krieg! Das Leben den Lebenden im Frieden bis zu seiner natürlichen Vollendung.

(Textauszug aus: Dohm, Hedwig (1917): Der Missbrauch des Todes. - In: Frauen gegen den Krieg. - Brinker-Gabler, Gisela [Hrsg.]. Frankfurt/M. : Fischer-Taschenbuch-Verl., 1980, S. 55 - 57; Original in: Dohm, Hedwig (1917): Der Missbrauch des Todes : senile Impressionen. - Berlin-Wilmersdorf : Verl. Die Aktion, S. 3 ff.)

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