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Hedwig Dohm (1831–1919)

"Ich bin des Glaubens, dass die eigentliche Geschichte der Menschheit erst beginnt, wenn der letzte Sklave befreit ist, wenn das Privilegium der Männer auf Bildung und Erwerb abgeschafft, wenn die Frauen aufhören, eine unterworfene Menschenklasse zu sein."

Jugendbild von Hedwig Dohm, Bildquelle: unbekannt

Die deutsche Frauenrechtlerin, Philosophin und Autorin zahlreicher Essays, Romane und Novellen gilt als brillanteste und radikalste Feder der Historischen Frauenbewegung und bedeutendste Vordenkerin des radikalen Flügels. Als zweite deutsche Frau fordert sie – nach Mathilde Franziska Anneke  – bereits 1873 das Frauenwahlrecht. Die sogenannte „Natur der Frau“ entlarvt sie – fast ein Jahrhundert vor Simone de Beauvoir – als soziales Konstrukt. Dem Geschlechterdualismus – hier das Gefühlswesen Frau, dort der rationale Mann - hält sie ihre Idee von Frauen und Männern als „Ganzmenschen“ entgegen und erklärt die Kategorie ‚Geschlecht’ zur „Privatsache“: „Gleichgültig, ob ich Mann, Weib oder Neutrum bin – vor allem bin ich Ich, eine bestimmte Individualität, und ein bestimmter Wert beruht auf dieser Individualität.“

Die Sklaverei der Schwarzen, Antisemitismus und Frauenunterdrückung analysiert sie als Ausdruck des selben Prinzips: der Abwertung des „Anderen“. In ihren Schriften attackiert sie mit Humor und Scharfsinn die Unterdrückung der Frauen auf allen Gebieten: Dohm will gleichberechtigte Bildung und Ausbildung für Mädchen sowie die freie Wahl eines Berufs, der Frauen die ökonomische Selbstständigkeit sichert. Sie fordert das Recht auf Abtreibung, kritisiert Eherecht und die Mystifizierung der Mutterschaft, Doppelmoral und Prostitution („diese abstoßende Karikatur von Erotik“), unzureichende sexuelle Aufklärung junger Mädchen sowie den Jugendwahn, der „das Weib entmenscht“. Viele ihrer Texte sind bis heute beklemmend aktuell.

Dohm mit ihrer Schwester Anna Schleh
Dohm mit ihrer Schwester Anna Schleh, die dieses Portrait gemalt hat

Hedwig Dohm wird am 20. September 1831 in Berlin geboren. Sie ist das vierte Kind – und die erste Tochter von Gustav Adolph Schlesinger und Henriette Wilhelmine Jülich. Tochter Hedwig ist – zur damaligen Zeit eine Schande – unehelich, denn Mutter Henriette gilt als nicht standesgemäße Ehefrau für den Tabakfabrikantensohn Gustav. Daher heiratet das Paar erst 1838, nach dem Tod des Schwiegervaters. Es bekommt insgesamt 17 Kinder. Nachdem er zum Protestantismus konvertiert ist, ändert Gustav Adolph Schlesinger 1851 den jüdisch klingenden Namen Schlesinger in Schleh.

Während die Eltern bei Hedwigs Brüdern Wert auf eine gute Ausbildung legen, darf die hochintelligente älteste Tochter nur die Mädchenschule besuchen und fühlt sich dort komplett unterfordert. Zu Hause verbietet die strenge und gewalttätige Mutter dem Mädchen das Lesen und sperrt die wenigen Bücher der Familie in den „Giftschrank“. Mit 15 muss Hedwig ihre Schulausbildung gezwungenermaßen beenden. Sie ringt ihren Eltern ein Lehrerinnenseminar ab, das sie aber ebenfalls „stumpfsinnig“ findet und nur dazu geeignet, „einen lebendigen Geist in eine mechanische Lernmaschine zu verwandeln.“

Die vier Töchter von Hedwig Dohm
Die vier Töchter von Hedwig Dohm, die linke ist die Mutter von Katia Mann

Erst als sie im Alter von 22 Jahren den Autor Ernst Dohm heiratet, der als Redakteur beim Satiremagazin Kladderadatsch arbeitet, bekommt sie Zugang zu intellektuellen Kreisen. Hedwig Dohm betreibt in Berlin einen Salon, in dem Theodor Fontane, Fanny Lewald und Franz Liszt verkehren. Im Alter von 40 Jahren – da hat Dohm bereits fünf Kinder großgezogen (eine ihrer Töchter ist Gertrude Hedwig Anna, die spätere Hedwig Pringsheim und Mutter Katia Manns) – beginnt sie, über die Frauenfrage zu schreiben. Kurz zuvor haben sich Hedwig und Ernst Dohm kurzfristig getrennt: Ernst Dohm ist ein „Lebemann“, der seine Frau betrügt, spielt und 1870 vor der Schuldhaft aus Berlin fliehen muss. Hedwig Dohm verbringt ein Jahr allein bei ihrer Schwester, der Malerin Anna Schleh, in Rom. Bald darauf beginnt sie mit ihren Veröffentlichungen.

Schon der erste ihrer vier feministischen Essaybände, der 1872 erscheint, macht sie schlagartig berühmt. In diesem ersten Text ‚Was die Pastoren von den Frauen denken’ attackiert Dohm die Kategorisierung der Geschlechter in Wesen des Geistes bzw. des Herzens. Diesen „Ergänzungstheoretikern“, die verhindern wollten, dass die „seelische Anmut der Frau durch angestrengtes Denken verloren geht“, hält die Feministin ihre Vision von Frauen und Männern als „Ganzmenschen“ entgegen: „Die Ergänzung der Geschlechter besteht nicht darin, dass der Eine von seinem Verstand, die Andere von ihrem Herzen abgibt. Nur bei annähernder Übereinstimmung der Herzen und Köpfe gibt es im höheren Sinne eine glückliche Ehe.“ Mit satirischer Bissigkeit entlarvt sie den Biologismus ihrer Gegner: „Der Mann hat längere Beine als die Frau, bemerkt sehr richtig Herr von Bischof. Ein Schlußsüchtiger könnte allenfalls daraus schließen, dass der Mann sich mehr zum Briefträger eigne als die Frau; ihr aber aus diesem Grunde die Fähigkeit zum Erlernen des Griechischen und Lateinischen absprechen zu wollen, ist mehr kühn als logisch gedacht.“

Ein Jahr später erklärt Dohm mit ihrer Schrift ‚Der Jesuitismus im Hausstande’ das Hausfrauendasein für gesellschaftlich überflüssig. 1874 folgt ‚Die wissenschaftliche Emanzipation der Frau’, und schließlich fordert Dohm 1876 in ‚Der Frauen Natur und Recht’  das uneingeschränkte Stimmrecht für Frauen: „Ich frage jeden aufrichtigen Menschen, wären Gesetze wie die über das Vermögensrecht der Frauen, über ihre Rechte an den Kindern, Ehe, Scheidungen usw. denkbar in einem Lande, wo die Frauen das Stimmrecht ausüben? Hätten sie die Macht, sie würden diese Gesetze von Grund auf ändern.“ Und sie fordert ihre Geschlechtsgenossinnen auf: „Mehr Stolz, ihr Frauen! Der Stolze kann missfallen, aber man verachtet ihn nicht. Nur auf den Nacken, der sich beugt, tritt der Fuß des vermeintlichen Herrn!“

Dem gemäßigten Flügel der Frauenbewegung, der den Geschlechter-Dualismus und die „natürliche Bestimmung“ der Frau zur Hausfrau und Mutter nicht in Frage stellt, sind Dohms Ideen schlicht zu radikal. „Radikal heißt wurzelhaft“, erklärt Dohm, „und bezeichnet am besten das Wollen und Handeln jener streitbaren Frauen, die die Axt an die Wurzel der Übel legen.“ Erst als der radikale Flügel um 1890 erstarkt und für Frauen „uneingeschränkte Freiheit fordert, Freiheit auch von dem Glauben, dass mit der Mutter oder der Gattin die Lebensaufgabe des Weibes erledigt sei, Freiheit von jeder autoritativen Vorschrift, von jedem Verbot, die der Frau den Daseinszweck bestimmen wollen“, findet Hedwig Dohm mit Minna Cauer, Anita Augspurg und Lida Gustava Heymann ein Forum, in dem sie sich organisiert.

Sie wird Gründungsmitglied des ‚Frauenverein Reform’, der eine umfassende Bildungsreform und den Zugang von Frauen zu den Universitäten fordert, und tritt auch Helene Stöckers ‚Bund für Mutterschutz und Sexualreform’ bei, der sich u.a. für das Selbstbestimmungsrecht der Frau über ihren Körper, das Recht auf Abtreibung und gegen die Stigmatisierung lediger Mütter einsetzt. Auch im von Minna Cauer gegründeten ‚Verein Frauenwohl’ für das Recht von Frauen auf Bildung und Berufstätigkeit engagiert sich Dohm. Die neu gegründeten Zeitschriften des radikalen Flügels der Frauenbewegung bieten der scharfsinnigen Schreiberin neue Möglichkeiten: Zwischen 1895 und ihrem Tod 1919 veröffentlicht sie über 80 Artikel.

Dohm in ihrer Wohnung

Dohm sucht außerdem nach anderen literarischen Formen, um ein größeres Publikum zu erreichen. Sie beginnt, Romane und Novellen zu schreiben, in denen sie anhand individueller Frauenschicksale deren Unterdrückung und Wege der Befreiung aufzeigt. Als um die Jahrhundertwende die Attacken auf die Radikalen schärfer werden, schlägt Dohm mit ihren Schriften zurück. In ihrem Werk ‚Die Antifeministen’ unterteilt sie die Gegner der Frauenbewegung in vier Kategorien („Altgläubige“, „Herrenrechtler“, „praktische Egoisten“ und „Ritter der mater dolorosa“) und entlarvt Nietzsche, Schopenhauer und Maupassant als pathologische Frauenfeinde, die entweder pervertierte („Sie sehen vor lauter Dirnen das Weib nicht.“) oder gar keine Beziehungen zum anderen Geschlecht haben („Aus der Biografie seiner Schwester dürfen wir schließen, dass Nietzsche niemals intime Beziehungen zu Frauen gehabt hat.“)

Hedwig Dohm ist nicht nur Feministin, sondern auch Pazifistin. Im Ersten Weltkrieg ist sie eine der wenigen öffentlichen Stimmen in Deutschland, die mit Texten wie ‚Der Missbrauch des Todes’ dem allgemeinen nationalen Kriegswahn widersteht. „Es gibt keine Vaterlandsliebe, die den Feindeshass heiligt“, schreibt sie 1915. Nach Ende des Ersten Weltkriegs erlebt die Frauenstimmrechts-Pionierin als 87-Jährige, wie der ‚Rat der Volksbeauftragten’ im November 1918 das Wahlrecht für Frauen verkündet. Hedwig Dohm stirbt am 1. Juli 1919 in Berlin.

Ausgewählte Texte herausgegeben im trafo-Verlag

Hedwig Dohm, die zu ihrer Zeit eine berühmte Frau gewesen ist und über die zu ihren Lebzeiten eine Flut von Texten erschien, war über ein halbes Jahrhundert lang völlig vergessen. Die Neue Frauenbewegung entdeckte die Frauenrechtlerin wieder. Heute sind zahlreiche Schriften von ihr wieder aufgelegt und mehrere Biografien über sie erschienen. Zu ihrem 175. Geburtstag im September 2006 begann der trafo-Verlag mit einer kommentierten Edition ihres Gesamtwerks.