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Christine de Pizan (1365- ca. 1430)

"Die Natur hat die Frauen mit ebenso vielen körperlichen und geistigen Gaben ausgestattet wie die weisesten und erfahrensten Männer."

Christine de Pizan in ihrer Studierstube
London, British Library, Ms. Harley 4431, fol. 4r.

Die venezianisch-französische Schriftstellerin und Philosophin Christine de Pizan gilt als erfolgreichste Schriftstellerin des Mittelalters. In ihrem ‚Buch von der Stadt der Frauen’,  das in seiner historischen Bedeutung Beauvoirs ‚Das andere Geschlecht’ gleichkommt, entwirft sie die Utopie von einer Welt, in der Frauen Männern gleichgestellt sind. Als Gegenentwurf zur patriarchalen Gesellschaft entwickelt Pizan ein weibliches Universum, das sie mit Göttinnen, Philosophinnen, Kriegerinnen und anderen Frauengestalten bevölkert. 1894, 500 Jahre nach diesem visionären Werk, nennt der französische Literaturkritiker Gustave Lanson die Autorin „einen der vollkommensten Blaustrümpfe in unserer Literatur“.
 

Im Saal der Fortuna
München, Bayerische Staatsbibliothek, Cold. Gall. 11., fol. 53.

Christine de Pizan wird 1365 in Venedig geboren. Vater Tomaso di Pizzano, Astronom und Mediziner, der 1368 als Hofastronom nach Paris gerufen wird, fördert die Neigung seiner ältesten Tochter zu Literatur und Wissenschaft und vermittelt ihr eine für ein Mädchen ungewöhnlich breite Bildung. Im Alter von 15 Jahren wird sie an Etienne du Castel verheiratet, einen königlichen Sekretär und Kollegen des Vaters. Als zuerst Vater Tomaso und drei Jahre später auch ihr Ehemann Etienne an der Pest sterben, gerät Christine in große finanzielle Nöte. Aber sie weigert sich, den für eine Frau vorgesehenen Weg zu gehen: Weder heiratet sie erneut, noch geht sie in ein Kloster. Stattdessen prozessiert die 25-Jährige gegen die Schuldner ihres verstorbenen Ehemannes und beschließt, als neues Familienoberhaupt für ihre drei Kinder, ihre Mutter und die zwei jüngeren Brüder zu sorgen. Zunächst verdient sie ihren Lebensunterhalt, indem sie Manuskripte per Hand vervielfältigt. Schließlich beginnt sie, selbst zu schreiben.

Christine und Königin Isabella von Bayern
London, British Library, Ms. Harley 4431, fol. 3.

So verfasst sie unter anderem das Kindererziehungsbuch ‚Buch der Klugheit’, eine Biografie Karls V. und feiert mit ihren Balladen bei einem Dichterwettbewerb Erfolge. Es folgen das ‚Buch des Staatswesens’ und das ‚Buch des Friedens’. Darin setzt sich Pizan für eine Beendigung des ‚Hundertjährigen Krieges’ (1339-1453) zwischen Frankreich und England ein, unter dem das Land Zeit ihres Lebens leidet. In Briefen an die französische Königin und andere hochgestellte Persönlichkeiten ermahnt die erklärte Pazifistin die Herrschenden zum Handeln für den Frieden.

Christine de Pizan und ihr Sohn
London, British Library, Ms. Harley 4431, fol.261v, 1410-1411.

Als Feministin berühmt wird Christine de Pizan 1401 mit ihrer Attacke auf den ‚Rosenroman’ von Jean de Meung. Die Frau sei dazu geschaffen, den Männern zu dienen „wie die Kühe den Stieren“, behauptet der Gelehrte an der Sorbonne. Schriftstellerin Pizan wendet sich entschieden gegen die behauptete moralische und geistige Unterlegenheit der Frau und entgegnet: „Wenn jemand sagt, dass wir Büchern Glauben schenken sollen, die von berühmten Männern geschrieben wurden, welche noch niemals die Unwahrheit gesagt hätten, und die gleichwohl immer nur die Schwächen der Frauen herausstellen, so sage ich darauf, dass solche Autoren niemals etwas anderes im Sinn hatten, als die Frauen zu verleumden und zu betrügen. (...) Es verhält sich doch so, dass die Männer über die Frauen und keineswegs die Frauen über die Männer Herrschaft ausüben.“ Die Folge ist der erste „Literaturstreit“ der europäischen Kulturgeschichte. Die Debatte geht als ‚Querelles des Femmes’ in die Annalen ein. Ihre Kontrahenten attackieren die Frauenrechtlerin, indem sie die Unverheiratete als „Lebedame“ von zweifelhaftem Ruf diffamieren.

Die Stadt der Frauen: Christine und die drei Tugenden
London, British Library, Ms.Harley 4431, fol. 290, 1410 -1411.

Von nun an widmet sich Pizan verstärkt der Frauenfrage. Pizan bezieht Stellung gegen die vorherrschende Lehre von der geistigen, körperlichen und moralischen Minderwertigkeit der Frau. „Wenn es üblich wäre, die kleinen Mädchen eine Schule besuchen und genau wie die Söhne die Wissenschaften erlernen zu lassen, dann würden sie die letzten Feinheiten aller Künste und Wissenschaften ebenso mühelos begreifen wie jene.“ 1405 verfasst sie ihre Utopie von der ‚Stadt der Frauen’. Hier entwirft sie die Utopie eines ‚Königreichs Fémenie’, das symbolisch aus den lobenswerten Taten und Werken von Frauen erschaffen ist.

Christine de Pizan und die Cumäische Sibylle bei der Betrachtung der Himmelskörper
London, British Library, Ms. Harley 4431, fol. 189, 1410-1415.

Ihre letzten Lebensjahre verbringt die Visionärin, die 15 Bücher und mehrere Hundert Gedichte, Essays und andere Schriften hinterlässt, in einem Kloster bei Paris. Ihr letztes schriftliches Zeugnis ist eine Huldigung der Johanna von Orléans, die als „Jungfrau von Orléans“ für ihr Vaterland in die Schlacht gegen England zog und auf dem Scheiterhaufen endete. Pizan rühmt ihre Zeitgenossin 1429 als „Ehre für das weibliche Geschlecht“. Christine de Pizan stirbt um 1430 in Poissy.

Schon die Historische Frauenbewegung bemühte sich um eine Würdigung ihrer berühmten, aber fast vergessenen Vorgängerin. Zum zweiten Mal wiederentdeckt wurde Christine de Pizan Anfang der 1970er Jahre von der französischen Frauenbewegung. 1986 wird ihr ‚Buch von der Stadt der Frauen’ endlich aus dem Mittelfranzösischen ins Deutsche übersetzt.