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Können Frauen sich verkaufen ohne Käufer?

Marianne Brentzel, 2004

Alles nicht neu: Schon um 1900 lockten Menschenhändler arme Frauen von Ost nach West und verschacherten sie, über die Drehscheibe Frankfurt, in die ganze Welt. Und Feministinnen bekämpften den Menschenhandel!

Im Jahr 1900 machen die Armenpflegerinnen der Stadt Frankfurt eine erschreckende Entdeckung: Es gibt immer mehr ledige junge Mütter, die aus Osteuropa einwandern und ein elendes Leben fristen, häufig an Geschlechtskrankheiten leiden, in ärmlichen Zimmern hausen oder in Bordellen kaserniert werden. In den Ämtern spricht man von wöchentlich am Hauptbahnhof eintreffenden „Ladungen". Wer schickt die Frauen? Wer organisiert ihren Transport? Offensichtlich kommen die jungen Frauen mit der Hoffnung auf Arbeit, werden mit falschen Versprechungen in den Westen gelockt und zur Prostitution gezwungen. Man munkelt, dass nicht nur die Opfer meist Jüdinnen seien, sondern auch die Täter Juden. Bertha Pappenheim, Tochter aus gutem jüdischen Hause, leitet ein jüdisches Mädchenwaisenhaus und ist städtische Armenpflegerin. Als sie mit dem Problem konfrontiert wird, hält sie dem männlichen Establishment der jüdischen Gemeinde Frankfurts deren Doppelmoral vor Augen und fragt: „Könnten die Frauen sich denn verkaufen, wenn es keine Käufer gäbe?" Denjenigen, die ihr vorwerfen, mit ihren Ausführungen dem Antisemitismus Vorschub zu leisten, entgegnet sie: „Totschweigen kann eine Todsünde sein."

Bertha Pappenheim, 1859 in Wien geboren, gehört mütterlicherseits zum Frankfurter Geldadel, den Goldschmidts. Ihr war nicht in die Wiege gelegt, ausgerechnet gegen Zwangsprostitution und Frauenhandel zu kämpfen. Sie ist die erste Patientin in den „Studien über Hysterie" von Josef Breuer und Sigmund Freud und wurde als Anna O. berühmt. Im Leben befreite sie sich mit Hilfe einer „Redekur" die sie mit ihrem Arzt Dr. Breuer entwickelte, aus der Krankheit, die man damals Hysterie nannte und erfand so ganz nebenbei, mit ihrem Arzt zusammen die psychoanalytische Methode.
1903 reist Bertha Pappenheim in Auftrag einer jüdischen Hilfsorganisation nach Galizien (heute Polen), um den Ursachen des Frauenhandels auf den Grund zu gehen. Dort herrscht in der Tat in den jüdischen Gettos bitterste Armut. Die Männer gehen nach Übersee, die Frauen bleiben allein zurück. Zeitungen mit verlockenden Stellenangeboten machen die Runde. Nach Einsendung einer Fotografie wird das Reisegeld übergeben. Die Frauenhändler begleiten sie zum Zug und liefern sie am Zielort persönlich bei der Arbeitsstelle ab - die sich dann als Bordell entpuppt. Frankfurt ist oft nur Durchgangsstation für den weiteren Transport nach Übersee oder in den Vorderen Orient.
Aus den Statistiken geht hervor, dass sich zu der Zeit allein in Deutschland 200.000 Frauen prostituierten. Ihr „Stückpreis" unter den Frauenhändlern war 600 bis 1.000 Reichsmark. Um dieser „weißen Sklaverei", wie man den Frauenhandel damals nannte, organisiert entgegen zu treten, gründete Bertha Pappenheim 1902 in Frankfurt den „Verein Weibliche Fürsorge", der erste rein weibliche jüdische Verein Deutschlands und ein Meilenstein auf dem Weg zu einem reichsweit organisierten Jüdischen Frauenbund.

Die Zeit war reif. Anlässlich eines Kongresses des „International Council of Women" in Berlin im Juni 1904 entschlossen sich die aktiven jüdischen Frauen, es den christlichen Frauenverbänden endlich gleich zu tun und den Jüdischen Frauenbund (JFB) zu gründen. Langjährige und prägende Vorsitzende wurde Bertha Pappenheim.

Rahel Straus, jüdische Ärztin und Feministin aus München, berichtete: „Es war eine der ersten Aufgaben des Jüdischen Frauenbundes, auch für jüdische, allein reisende Mädchen einen Bahnhofsdienst einzurichten, wie er längst in allen großen Städten für evangelische und katholische Mädchen bestand. Aber bald wuchs dieser Jüdische Frauenbund weit über seine anfänglichen Aufgaben hinaus. (...) Es ist heute völlig unbegreiflich, dass sich solch ein Sturm der Entrüstung gegen Bertha Pappenheim erheben konnte, die es wagte, von unehelichen Kindern, von den gefallenen jüdischen Mädchen und der jüdischen Dirne im Bordell zu schreiben. Man hätte sie am liebsten mundtot gemacht."

Einerseits verstand sich der Bund als feministische Organisation mit dem Ziel, die Rechte der Frauen in allen Bereichen zu stärken, was auch die Solidarität mit nicht jüdischen Frauen einschloss. So war Bertha Pappenheim lange Jahre hindurch im Vorstand des „Allgemeinen Deutschen Frauenbundes". Im Ersten Weltkrieg arbeitete der Jüdische Frauenbund selbstverständlich mit den christlichen Verbänden gemeinsam im „Nationalen Frauendienst". Zum anderen war der JFB eine jüdische Organisation, die die religiöse Verwurzelung und die jüdische Identität stärken wollte.

Den jüdischen Männern, die Pappenheim auch als Menschenhändler kennen und verachten gelernt hatte, traute sie nicht allzu viel Widerstandskraft gegen die Verlockungen der Welt zu. In ihren Augen lastete auf der jüdischen Frau die Bestimmung, Garantin und zugleich Pionierin bei Erhalt und Weiterentwicklung des Judentums zu sein. 1918 zählte der Jüdische Frauenbund bereits 45.000 Mitglieder. Angesichts der Pogrome in Polen im Herbst 1918 bat Bertha Pappenheim im Namen des JFB den Präsidenten der USA, Wilson, das Augenmerk auf die grausamen Massaker gegen Juden in Polen zu richten und appellierte an den Papst, die Katholiken von ihren Gewalttaten gegen die jüdische Minderheit in Polen abzuhalten.

Neben der Entwicklung einer nachhaltigen Sozialarbeit ging es dem JFB um die Präsenz der Frauen in den Gremien der Jüdischen Gemeinden, die sich trotz des Wahlrechts für Frauen in der Verfassung der Weimarer Republik immer noch weigerten, ihnen auch ein gleichberechtigtes Stimmrecht in den Gemeinden zuzugestehen und von der „positiven Andersartigkeit" des weiblichen Geschlechts redeten.

Nach dem Ersten Weltkrieg strömten auch junge, gut ausgebildete Sozialfürsorgerinnen und Erzieherinnen in den Bund, die schon beruflich den Kampf gegen die Verelendung und den Frauenhandel zu ihrem Thema gemacht hatten.

In Neu-Isenburg bei Frankfurt entstand auf Bertha Pappenheims Initiative hin ein Heim für jüdische Mädchen und Frauen, die dort ihre Kinder zur Welt bringen und sie in den ersten Jahren dort aufwachsen lassen konnten, bis sie in ihre angestammten Wohnorte zurückkehren und ein selbständiges Leben führen konnten.

In der Zeit übersetzte Bertha Pappenheini Schlüsseltexte aus dem Westjiddischen ins Deutsche, darunter die „Memoiren der Glückel von Hameln" und die Frauenbibel. „Es ist nicht genug", lautete die Bilanz zu ihrem eigenen Lebenswerk. Den Kampf gegen den Mädchenhandel bezeichnete sie zeitlebens als eine „Sisyphusarbeit". Bertha Pappenheim starb 1936 im Alter von 77 Jahren. Noch wenige Wochen vor ihrem Tod musste sie, bereits schwerkrank, ein Verhör der Gestapo über sich ergehen lassen.

Der Jüdische Frauenbund musste nach der Machtübernahme der NSDAP 1933 seine Programmatik und seine Aufgaben verändern. Er war nun vor allem mit dem Kampf ums Überleben jüdischer Menschen in Deutschland beschäftigt. Nach der zwangsweisen Auflösung des Bundes im November 1938 setzten einige Frauen ihre Arbeit für den JFB in der „Reichsvereinigung der Juden in Deutschland" fort. 1953 wurde der Jüdische Frauenbund wiedergegründet, unter anderem durch Jeanette Wolf und Ruth Galinski. 2004 haben Frauen in Europa ganz ähnliche Probleme wie hundert Jahre zuvor: Das Ost-West-Gefälle macht es erneut möglich, dass Frauen aus Osteuropa verschachert werden in den Westen, nicht selten über die Drehscheibe Frankfurt.

(Quelle: Brentzel, Marianne (2004): Dossier : Mutterland Europa ; können Frauen sich verkaufen ohne Käufer? - In: EMMA, Nr. 3, S. 70 - 71)

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