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Die Galizien-Connection : gelobtes Land

Esther Schapira, 1987

Frankfurt 1925. Die Bahnhofsuhr zeigt Punkt sieben. Mit nur fünf Minuten Verspätung ist der Eilzug aus Krakau nahezu pünktlich eingetroffen. Dichtes Gedränge, Menschengewimmel in Eile und mit festem Ziel im Blick. Dazwischen Shulamith Rabinowitsch mit abgeschabtem Lederkoffer. Ängstlich. Fremd. Suchend. 19 Jahre alt, schwarze Haare und des Deutschen unkundig, versucht sie sich zu erinnern, wie er denn eigentlich aussieht, der Fremde, der eines Tages über das Elend ihrer Judengasse hinweggestiegen war, ihre Eltern mit Tuch, Wein und koscherem Fleisch reichhaltig beschenkt und sie wenige Tage später geheiratet hatte. Von Amerika hatte er geschwärmt, von Amerika, dem Land, in dem es keine Armut mehr gab. Amerika, dem Land, in dem auch für Juden eine neue Zeit angebrochen war. Amerika, das gelobte Land. Die Hochzeit war schlicht, der Ehevertrag schnell unterzeichnet, der Ehemann kurz darauf abgereist, vorausgefahren, um die Formalitäten zu erledigen. Shulamith Jizchok hieß also jetzt Rabinowitsch und hatte sich in den Zug nach Frankfurt gesetzt, um in eine ungewisse Zukunft nach Amerika zu fahren. Zwanzig Minuten sind vergangen. Noch immer steht die junge Frau mit ihrem Koffer auf dem Bahnsteig. ,,Auf wen warten Sie?", fragt eine freundliche Stimme erst auf Deutsch, dann auf Polnisch. Die Stimme stellt sich vor: „Shalom, ich heiße Anna Bernstein und komme von der Jüdischen Bahnhofshilfe."

Glücklicher Endpunkt einer Reise, die auch ganz anders hätte verlaufen können, wäre nicht Shulamiths „Ehemann" tags zuvor wegen wiederholten Mädchenhandels festgenommen worden. Shulamith könnte auch Judith, Sarah oder Dora heißen. Statt aus Krakau könnte sie auch aus einem kleinen Dorf in Galizien, aus Lemberg oder aus Bukarest stammen. Anstelle der Heirat hätte es auch eine harmlose ,,Stellenanzeige" oder eine unverdächtige „Heiratsannonce" sein können, die sie auf die Reise geschickt hätte. Oder aber einfach die Armut des Ghettos, die sie ihr Glück im reichen Westen hätte suchen lassen. Angeworben, angelockt mit falschen Versprechungen und gefälschten Eheverträgen strandeten diese Mädchen in einem der zahlreichen Bordelle zwischen München und Hamburg, London und Buenos Aires. Ohne Geld, ohne Ausbildung, ohne Sprachenkenntnisse waren sie der fremden Umgebung und damit dem Willen der Mädchenhändler hilflos ausgeliefert.

„Ich erinnere mich noch der Zeit, da - trotzdem ich schon einige Jahre in sozialer Hilfsarbeit tätig war - zum erstenmal das Wort Mädchenhandel an mein Ohr klang. Es war mir fremd, und ich wußte nicht, was es bedeutete und konnte gar nicht fassen, daß es Menschen geben sollte, die Menschen, Mädchen und Kinder, kaufen und verkaufen zu Zwecken, die meinem damaligen Erfahrungskreise auch so fern lagen wie vielleicht heute noch manchen von Ihnen. Und die grauenhafte Tatsache der Existenz eines Mädchenhandels, sie bedrückte und verfolgte mich. Ich forschte, hörte, ließ mich belehren, und ich erfuhr zu dem an sich Schrecklichen noch das tief Beschämende: viele Juden sind Händler, viele jüdische Mädchen sind Ware."

Schrecklich war diese Wahrheit für Berta Pappenheim auch deshalb, weil sie zu Recht fürchten mußte, mit deren Veröffentlichung dankbaren Nährboden für antisemitische Propaganda zu liefern. Tief beschämend, weil sie, die gläubige Jüdin, auf die Ethik und reine „Sittlichkeit" ihres Volkes baute. Dennoch entschied sie sich dafür, den Kampf gegen den Mädchenhandel aufzunehmen, denn: ,,So widerstrebend und widerwärtig uns der Gedanke auch sein mag, er ist Tatsache, wir können sie nicht verleugnen."
Für die Freilegung des Verdrängten, die Suche nach der Wahrheit, die Entdeckung des Unbewußten ist sie berühmt geworden, wenn auch nicht als Frauenrechtlerin Berta Pappenheim, sondern als Patientin Anna O. des Arztes Josef Breuer. 1895 veröffentlichte er ihre Fallgeschichte in den gemeinsam mit Freud geschriebenen, berühmt gewordenen „Studien zur Hysterie". Als Anna O. erfand sie, nicht Freud, das „chimney-sweeping", wie sie selbst es nannte, das kathartische Verfahren, die ,,talking-cure", freie Assoziation, kurz: die Psychoanalyse. Darüber hat sie später nie wieder gesprochen. Wohl aber über die Versklavung der Frau. Und sie entdeckte sie auch dort, wo sie eigentlich doch gar nicht hätte vorkommen dürfen, „in unserem Volk, dessen Familienleben vorbildlich rein genannt wird".

Eine Hoffnung, die sie als Illusion erkannte. Zwar hielten sich die Mehrheit der in Osteuropa lebenden Juden an die religiösen Gesetze, aber es lag nicht zuletzt gerade an den jüdischen Ehegesetzen und einer Kultur, in der die Frau als Mutter verehrt und von der Bildung ferngehalten wurde, daß junge Mädchen zur leichten Beute für falsche Heiratsversprechen wurden. Frauen, die wie Shulamith betrogen worden waren, Frauen, die als „Aguna", als Sitzengelassene von keinem gläubigen Juden mehr geheiratet werden durften, unverheiratete Frauen; Frauen mit unehelichen Kindern.
Da der Mädchenhandel untrennbar mit der Prostitution verbunden war, reihte Berta Pappenheim sich in den Kampf der Abolitionisten zur Abschaffung der Prostitution ein. Und sie betonte immer wieder die grausamen sozialen Zwänge, denen die Juden Osteuropas, insbesondere aber die jüdischen Frauen ausgeliefert waren. Drei Viertel der galizischen Juden lebten unter dem Existenzminimum. Pogrome durch die nichtjüdische Bevölkerung verschärften die Situation zusätzlich. Diskriminierende Gesetze machten den Weg in die Prostitution häufig zum einzig verbleibenden Fluchtweg. So durften etwa in Rußland Jüdinnen nur dann außerhalb des ihnen zugewiesenen Ansiedlungsgebietes leben, wenn sie als Prostituierte registriert waren. Etwa sechs Millionen russischer Juden lebten zu dieser Zeit in tiefster Armut. Berta Pappenheim wußte, wovon sie sprach. 1902 war sie das erste Mal nach Galizien gereist, um sich an Ort und Stelle über das Elend der jüdischen Bevölkerung zu informieren, gesandt vom „Israelitischen Hilfverein". Fünf Jahre später, inzwischen Vorsitzende des von ihr initiierten Jüdischen Frauenbundes, reiste sie wieder nach Galizien und organisierte dort Frauen-Komitees, die die Mädchen bei ihrer Arbeitssuche unterstützten und sie auf Reisen betreuten. Der Jüdische Frauenbund finanzierte Kindergärten und Waisenhäuser, Informationszentren für Mädchen und Kulturzentren. Doch all das schien ihr unzureichend, mußte Stückwerk bleiben, solange sich an der Struktur nichts änderte. Immer wieder wandte sie sich daher an Rabbiner um deren Unterstützung bei der Frage der Eheschließung, forderte sie auf, sich dafür zu verwenden, daß Gemeindemitglieder auch standesamtlich und nicht nur religiös heiraten sollten, um den Frauen wenigstens eine minimale Rechtsgrundlage zu garantieren.
1904 und 1910 wurden endlich internationale Abkommen zur Bekämpfung des Mädchenhandels geschlossen, aber die direkte Hilfe vor Ort blieb weiterhin unentbehrlich. Berta Pappenheim und ihre „Weibliche Fürsorge" sowie der Jüdische Frauenbund richteten Anlaufstellen auf Bahnhöfen und Häfen ein, um Frauen wie Shulamith abzufangen, bevor sie von Mädchenhändlern aufgegriffen werden konnte.
Um die Mädchen dauerhaft vor einem Leben als Prostituierte zu bewahren, gründeten sie „Mächenclubs" und „Wohnheime", in denen die Frauen mehr als nur eine billige Unterkunft fanden: Schlupflöcher, Gemeinsamkeit, Geborgenheit, ein Zuhause und - eine Berufsausbildung. Mit ihrem engagierten Einsatz verschaffte sich Berta Pappenheim Respekt. Wenn schon keine Beliebtheit. Jedenfalls nicht bei der Administration der Jüdischen Gemeinde. Der Rabbiner Caesar Seligmann charakterisierte sie als eine „harte Forderin, hart bis zum Asketismus gegen sich selbst, aber auch hart gegen andere. Sie erkannte nur soziale Tätigkeit an und machte kein Hehl aus ihrer Verachtung gegen alle, die nicht, wie sie, das Soziale zu ihrem Lebensinhalt machten. . . Mit Männern vertrug sie sich schlecht, wenn sich die Männer nicht ihrem Willen und ihrer Führung unterordneten."

Ob ihr Lebensinhalt nun wirklich nur „das Soziale" war, kann bezweifelt werden. Tatsache ist: Berta Pappenheim war nicht verheiratet und hatte keine Kinder. Eine Liebesbeziehung zu einem Mann ist nicht bekannt. Das aber war eine bewußte Entscheidung dieser ungewöhnlich klugen und schönen Frau, die 1922 als 63jährige feststellte: „Wenn es eine Gerechtigkeit im Jenseits gibt, werden drüben die Frauen die Gesetze machen und die Männer die Kinder kriegen. Ob dann der heilige Petrus ,beamtet' bleibt?!" Ihre Briefe lassen jedenfalls vermuten, daß sich gegen Männer und für Frauen entschieden hat. Und für ihre Arbeit.

Trotz aller Widerstände eröffnete sie 1907 ein Heim für „gefährdete" Frauen und ledige Mütter in Neu-lsenburg bei Frankfurt: ihr Lebenswerk. 1928 lebten hier bereits über 150 Frauen und Kinder in Großfamilien zusammen, spartanisch, in strenger Disziplin und Religiosität. Berta Pappenheim, die das karge Heimleben mit ihren Zöglingen teilte, glaubte, daß „Erzieher innerlich nachsichtiger sein können als äußerlich".
So gab es keine Zentralheizung, waren die Zimmer äußerst schmucklos eingerichtet, Alkohol und Zigaretten genauso verboten wie „Sensationsfilme" oder der Besuch von Vergnügungslokalen. Von Selbstverantwortlichkeit und den kleinen Freuden des Lebens hielt sie offenbar nicht viel. Ausgebildet wurden die jungen Frauen als Hauswirtschafterinnen.

1936 starb Berta Pappenheim. So blieb es ihr erspart, die Zerstörung des Heims durch die Nationalsozialisten zu erleben. Nachdem zwei der vier Häuser bereits einen Tag nach der „Kristallnacht" am 9. November 1938 niedergebrannt worden waren, wurde das Heim im März 1942 endgültig geschlossen, die Häuser der Hitlerjugend zugeschlagen. Die Bewohnerinnen, vier Mitarbeiterinnen und 15 „Zöglinge", wurden im KZ Auschwitz ermordet.

(Quelle: Schapira, Esther (1987): Die Galizien-Connection : gelobtes Land. - In: EMMA, Nr. 1, S. 37 - 39)

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