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Bertha Pappenheim (1859–1936)

„Wenn wir den Lebenslauf dieser Frauen kennen, ihre Jugend, ihre Psyche, dann werden wir verstehen, was sie so weit brachte, Prostituierte zu werden. Dann werden wir in vielen Fällen zugeben müssen, dass von einer Freiwilligkeit im Sinne eines freien Entschlusses nicht die Rede sein kann.“

Die deutsch-jüdische Frauenrechtlerin, Sozialarbeiterin und Schriftstellerin gilt – neben der Britin Josephine Butler – als bedeutendste Kämpferin gegen den Mädchen- und Frauenhandel. Bertha Pappenheim bekämpfte das Geschäft mit der Ware Frau politisch als Teilnehmerin internationaler Konferenzen und konkret als Gründerin diverser Wohlfahrtsorganisationen und Mädchenheime. Pappenheim stritt auch für eine Stärkung der Frauen in den jüdischen Gemeinden. Sie übersetzte nicht nur die ‚Verteidigung für die Rechte der Frauen’ der englischen Frauenrechtlerin Mary Wollstonecraft, sondern auch mehrere Werke aus dem Jiddischen, die den Frauen starke weibliche Figuren der jüdischen Tradition nahe bringen sollten. Bertha Pappenheim, die mit 21 an „Hysterie“ erkrankte, wurde außerdem posthum berühmt als Sigmund Freuds ‚Fall Anna O.’. Ihre aktive Mitarbeit bei der Therapie machte Pappenheim laut Freud zur „eigentlichen Entdeckerin der Psychoanalyse“.

Quelle: www.onb.ac.at/ariadne/vfb/bio_pappenheim.htm

Bertha Pappenheim wird am 27. Februar 1859 in Wien geboren. Ihr Vater Sigmund Pappenheim ist ein jüdisch-orthodoxer Getreidehändler, die Mutter Recha stammt aus der alteingesessenen Frankfurter Familie Goldschmidt. Bertha ist die dritte Tochter. Als ein Jahr später Bruder Wilhelm geboren wird, spürt Bertha zum ersten Mal die Kluft zwischen den Geschlechtern. „Trotzdem den alten Juden die Erfahrung der Unentbehrlichkeit der Frau nicht entgangen sein konnte, wird das weibliche Kind bei ihnen als Geschöpf zweiter Güte betrachtet“, notiert sie später. Bertha muss ihre Schulausbildung – sie besucht in Ermangelung einer jüdischen Mädchenschule in Wien eine private katholische Schule – mit 16 beenden und das Dasein einer ‚Höheren Tochter’ führen.

Als Bertha 21 Jahre alt ist, erkrankt ihr Vater schwer und die Tochter pflegt ihn (die beiden Schwestern sind gestorben). Im selben Jahr machen sich die „hysterischen“ Symptome bei Bertha Pappenheim bemerkbar. Ihre Schwächeanfälle werden zunächst nicht beachtet, bis es zu Lähmungen, Sehstörungen und Angstzuständen kommt. Sie selbst bezeichnet die Flucht vor dem monotonen Frauenalltag in einen anderen Bewusstseinszustand als „Privattheater“. Ihr Arzt Dr. Josef Breuer führt die Symptome – die bei vielen ‚Höheren Töchtern’ dieser Zeit auftreten – darauf zurück, dass die Familie die überdurchschnittlich begabte Tochter unterfordert und ihre Wünsche und Talente völlig brach liegen lässt. Breuers Behandlung besteht in langen Gesprächen, zum Teil unter Hypnose, in denen die Patientin dank ihrer Intelligenz selbst das Prinzip der ‚Talking Cure’ – der Heilenden Rede entwickelt. 1895 werden Breuer und Sigmund Freud gemeinsam ihr Werk ‚Studien zur Hysterie’ veröffentlichen, in dem Bertha Pappenheim als ‚Anna O.’ zum berühmten Fall wird – ein Geheimnis, das erst ein Freud-Biograf 1953 lüften wird. Pappenheim selbst hat über ihre seelische Erkrankung und deren Behandlung nie öffentlich gesprochen.

Deutsches Nationalkomitee zur internationalen Bekämpfung des Mädchenhandels

Nach mehreren Sanatoriumsaufenthalten lebt Pappenheim einige Zeit bei ihrer Cousine, der Schriftstellerin Anna Ettlinger in Karlsruhe, die sie ermutigt, ihren eigenen schriftstellerischen Ambitionen nachzugehen. Tatsächlich veröffentlicht Pappenheim – zunächst noch unter dem männlichen Pseudonym Paul Berthold – ein Buch mit Kindergeschichten. Es folgen weitere Werke.

Im Jahr 1888 zieht Bertha Pappenheim mit ihrer Mutter in deren Heimatstadt Frankfurt. Dort beginnt Pappenheim, sich in der jüdischen Wohlfahrt zu engagieren. Sie schenkt in Armenküchen Suppe aus, arbeitet im städtischen Armenamt und wird später Leiterin eines jüdischen Mädchen-Waisenhauses. Am größten ist die Not unter den Pogrom-Flüchtlingen aus Russland und Osteuropa. Bei ihrer Arbeit wird Pappenheim konfrontiert mit den Folgen des Mädchen- und Frauenhandels, dessen bevorzugte Opfer die diskriminierten und bedrohten Jüdinnen in Galizien, Russland und dem Balkan sind.

Die Arbeit gegen den Mädchenhandel und die Prostitution – deren „Freiwilligkeit“ Pappenheim immer bestritt – wird zum Schwerpunkt ihrer Arbeit. Sie bezeichnet dieses Verbrechen als ‚Weiße Sklaverei’ – ein Begriff, der sich heute wieder durchsetzt. Mehrfach reist Pappenheim in die betroffenen Gebiete, um sich dort über den Mädchenhandel und Möglichkeiten seiner Bekämpfung zu informieren, und veröffentlicht ihre Ergebnisse in mehreren Büchern. Dabei verhehlt sie nie die große Rolle, die jüdische Mädchenhändler bei dem Verbrechen spielen. Die Kritik aus jüdischen Kreisen, diese Informationen könne für antisemitische Propaganda benutzt werden, lässt Pappenheim nicht gelten. Sie publiziert aber nicht nur, sondern leistet praktische Unterstützung vor Ort: So organisiert sie Aktionen an den Bahnhöfen, wo sie die ankommenden, gutgläubigen jungen Frauen vor den drohenden Gefahren warnt. Im Jahr 1901 gründet sie den Verein ‚Weibliche Fürsorge’, der aus Osteuropa geflüchtete Mädchen unterstützt. Ein Jahr später findet in Frankfurt die erste Konferenz zur Bekämpfung des Mädchenhandels statt.

Blätter des Jüdischen Frauenbundes für Frauenarbeit und Frauenbewegung, Titel November 1930

1904 gründet Bertha Pappenheim den ‚Jüdischen Frauenbund’ (JFB). Obwohl Pappenheim dem gemäßigten Flügel der Historischen Frauenbewegung zuzurechnen ist und sie Sozialarbeit und Wohlfahrt als natürliche Bestimmung der Frau betrachtet, streitet sie für die Modernisierung der Rollenverteilung von Frauen und Männern im jüdischen Gemeindeleben. Pappenheim gibt außerdem das Verbandsorgan des Bundes, die ,Blätter des JFB', heraus.

Mädchenheim Neu-Isenburg
Das Heim für sozial entwurzelte jüdische Mädchen und ledige Mütter mit ihren Kindern, Quelle: Seminar- und Gedenkstätte Bertha Pappenheim, Neu-Isenburg

Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs betätigt sich Bertha Pappenheim, wie große Teile der „Gemäßigten“ weiter in der Wohlfahrt, ohne sich – wie die meisten führenden „Radikalen“ – als Pazifistin und Kriegsgegnerin zu positionieren. Ihr Schwerpunkt bleibt der Kampf gegen den Mädchenhandel und für seine Opfer. Mitte der Zwanziger Jahre veröffentlicht sie ihr wichtigstes Werk zum Thema: ‚Sisyphus – gegen den Mädchenhandel’. Fast 20 Jahre lang, bis zu ihrem Tod, leitet Pappenheim das Mädchenheim des Jüdischen Frauenbundes in Neu-Isenburg bei Frankfurt. Nach der Machtergreifung hofft Pappenheim zunächst noch auf eine baldige Beendigung der Nazi-Herrschaft. Als sie begreifen muss, dass diese nicht eintritt, bringt die 75-Jährige selbst einige ihrer Schützlinge nach England und Schottland in Sicherheit. Bald darauf erkrankt Bertha Pappenheim schwer. Dennoch wird sie, obwohl schon bettlägrig, 1936 von der Gestapo vorgeladen. Angeblich hat sich eine Heimbewohnerin regimekritisch geäußert. Pappenheim kann den Verdacht zerstreuen, erholt sich aber nicht wieder von dem Verhör. Sie stirbt am 28. Mai 1936 in Neu-Isenburg.

Pappenheim im Kostüm der Glückl von Hameln
Bertha Pappenheim, in der Tracht einer jüdischen Mutter aus dem 17. Jahrhundert (1910)

In der Reichspogromnacht werden zwei der vier Heim-Gebäude niedergebrannt. Im Jahr 1942 lösen die Nationalsozialisten das Heim auf. Die vier Sozialarbeiterinnen und 15 Bewohnerinnen werden nach Auschwitz deportiert und ermordet.     

Der Name Bertha Pappenheim blieb zumindest innerhalb der Tradition der jüdischen Frauenbewegung erhalten. In welchem Maße sie eine offensive Frauenrechtlerin und Kämpferin gegen Frauenhandel und Prostitution war, geriet erst in jüngerer Zeit wieder ins Bewusstsein, als Anfang der 1990er Schriften von ihr neu veröffentlicht wurden.