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Unsere Schwestern von gestern

Anita Augspurg 1857 - 1943 ; Lida G. Heymann 1868 - 1943

Ursula Scheu, 1977

Sie kämpften gegen die Prostitution und für das Frauenstimmrecht. Sie gründeten ebenso Mittagstische für Arbeiterfrauen wie eine Schauspielerinnen-Gewerkschaft. Sie zogen Arm in Arm mit den englischen Suffragetten durch London und gingen im Berliner Reichstag ein und aus: Anita Augspurg und Lida Gustave Heymann. Noch vor zwei Generationen gehörten sie ein halbes Jahrhundert lang zu den aktivsten und kämpferischsten Frauenrechtlerinnen. Schon 1923 standen sie für den Fall eines „siegreichen" Putsches an der Spitze der nationalsozialistischen Liste der „zu liquidierenden" Personen. Heute, nur 50 Jahre danach, kennt kaum jemand auch nur ihre Namen.

Ihren langen und mutigen Weg legten Anita und Lida in den letzten 40 Jahren ihres Lebens gemeinsam zurück: wie sie zusammen arbeiteten und lebten, wissen wir heute vor allem aus Lidas Memoiren „Erlebtes und Erschautes". Bei Lektüre dieses Buches zeichnet sich auch ab, wie sehr die Lage der ersten deutschen Frauenbewegung der der neuen Bewegung gleicht: dieselben Inhalte und Ziele, dieselben Konflikte mit außen - Hohn von der Presse und Frauenfeindlichkeit von linken Parteien - und dieselben Probleme innen.

Mit dem Unterschied, daß Frauen wie Anita und Lida in ihren Handlungen damals oft weiter gingen als heute die neuen Feministinnen; daß sie einfallsreicher und mutiger waren und auch immer stark genug, durch Polemiken, Aktionen und Gegenvorschläge zugunsten der Frauen direkt auf die Männerpolitik einzuwirken.

In den Jahren 1897 bis zum Ausbruch des ersten Weltkrieges gab es im sozialen, wirtschaftlichen und politischen Bereich kaum eine frauenfreundliche Maßnahme, kaum ein Gesetz, daß Anita, Lida und die mit ihnen kämpfenden Frauen nicht beeinflußt hatten - auch wenn in den Chroniken des artigen „Bundes deutscher Frauenvereine", in den von Helene Lange und Gertrud Bäumer herausgegebenen Jahrbüchern kein Wort darüber zu finden ist...

Auch das war wie heute: der Konflikt zwischen kompromißlerischen, konservativen auf der einen und den radikalen Frauen auf der anderen Seite. Im Rückblick hielten Anita und Lida es für einen „Fehler der radikalen Frauen, daß sie - ganz hingegeben an die ihnen heilige Sache - ihre ganze Arbeitskraft kämpferisch ausnutzten und sich nie die Zeit nahmen, die von ihnen geleistete Arbeit und gegebenen Anregungen rückschauend für die Nachwelt systematisch zu registrieren". Was sie von den konservativen Frauen trennt, beschreiben sie so: „Die Konservative, die wollte immer unter Betonung der Andersartigkeit des weiblichen Geschlechts den Frauen Bildungs- und Berufsmöglichkeiten schaffen, um ihnen stufenweise über soziale Tätigkeit in der Gemeinde das Hineinwachsen in eine helfende und unterstützende Betätigung im bestehenden Männerstaat zu ermöglichen. Ihre darauf hin zielende Taktik hieß natürlich immer: Vorsicht! Nicht anstoßen! Man darf die Männer nicht zu stark herausfordern, denn sie sind die Herrschenden im Staat, einflußreiche Kreise müssen uns geneigt werden, wir brauchen sie." Vertraute Töne . . .
Anders die Radikalen wie Anita und Lida. Sie erklären: „Diese willkürliche aber schlau erfundene Einteilung männlicher und weiblicher Eigenschaften wurde durch Jahrhunderte von Männern so lange gepredigt, und der Frau durch Erziehung suggeriert, bis die domestizierten Weibchen sie gläubig nachbeteten, ohne der vielen lebendigen Gegenbeweise zu achten."

„Bin ich erwachsen, so gründe ich eine Erziehungs- und Besserungsanstalt für Ehemänner" - so verkündete es Anita schon als kleines Mädchen. Sie kam aus einer Gelehrtenfamilie (Mutter allerdings Hausfrau und Hobbygärtnerin), die geistig und politisch sehr aufgeschlossen war: Ihr Vater, ein Jurist, kämpfte in der 1848er Revolution an der Seite der Unterdrückten. Anita hat nur das Pech, eine Frau zu sein. Sie darf zwar noch zur Mädchenschule, der Familien-Stipendienfonds aber, der seit Generationen allen Studierwilligen zur Verfügung steht, wird ihr verweigert: Er sei nur für Männer vorgesehen und nicht für „eine Abnormität" wie eine studierende Frau.

Sie verläßt die Kleinstadt, geht nach Berlin, macht ein Lehrerinnenexamen und gleichzeitig eine Ausbildung als Schauspielerin. Mit Schauspieltruppen reist sie bis in die russischen Ostprovinzen. Später gründet sie zusammen mit einer Freundin ein Fotoatelier in München. „Daß zwei Anfang der Dreißiger stehende Frauen sich mit Erfolg selbständig und unabhängig machten, in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts Titusköpfe trugen, in der Öffentlichkeit für die Frauenbewegung kämpften, Sport trieben, ritten, radelten, wanderten, sich erdreisteten, nach eigenem Belieben zu leben, erregte natürlich allgemein Aufsehen in München." Ein Hauch von Bohème umweht Anita. Nicht so Lida, die in einer Hamburger Patrizierfamilie aufwächst und von klein an für soziale Gerechtigkeit und die Frauen kämpft: schon als Kind empörte sie, daß das männliche Hauspersonal größere Fleisch- und Butterrationen erhielt, als das weibliche.
Früh mischt sie sich in die Verwaltung des Familienvermögens und setzt als erste Frau in ihren Kreisen nach dem Tode des Vaters durch, das sie Nachlaßvollstreckerin wird. Als erstes benutzte Lida das Geld, um in der Hamburger Paulstraße einen Mittagstisch für arbeitende Frauen nebst Kinderhort aufzumachen. Die Frauen kommen in Scharen: Büroangestellte, Verkäuferinnen, Schauspielerinnen und Arbeiterinnen. Bald zeigt sich, daß nicht nur Essen, sondern auch Rat und Aufklärung nötig sind.Die Paulsstraße 9 wächst sich rasch zu einem Frauenzentrum aus, und die Frauen, die es betreiben, lernen viel von den Frauen, die Hilfe brauchen.

Lida: „Die Ausbeutung durch den Arbeitgeber war wenig erfreulich, aber die durch den Ehemann geradezu verzweiflungsvoll. Was ich früher instinktiv ahnte, wurde hier zu lebendigen Erkenntnis: nur von Ausnahmen abgesehen, besteht zwischen Männern und Frauen in den wichtigsten Dingen intimer Lebensgemeinschaft ein abgrundtiefer, kaum zu überbrückender Zwiespalt!"
In Berlin trifft Lida 1896 auf dem ersten internationalen Frauenkongreß an der Seite Minna Cauers Anita, die zu der Zeit schon sehr aktiv war, inzwischen auch ein Studium der Rechte in der Schweiz absolviert und promoviert hatte, um besser auch für die politischen Rechte der Frauen eintreten zu können.

Und das war damals die Lage der Frauenbewegung: Nach den Revolutionsjahren von 1848, nach der Initiative von Luise Otto-Peters, die für alle Frauen das Recht auf Bildung und Arbeit und die politische Freiheit forderte, begannen Frauen wie Auguste Schmidt in den Zeiten der Reaktion zu bremsen und die Fraueninitiative in kleinherzige, spießbürgerliche Vereinsmeierei zu verwandeln. Seit 1865 entstanden in vielen deutschen Städten Ortsgruppen des „Allgemeinen deutschen Frauenvereins", die mit dem ursprünglichen Elan der Frauenkämpferinnen nicht mehr allzuviel gemein hatten.

Im politischen Leben Deutschlands merkte man in diesen Jahren nur wenig vom ehemals schon so kraftvollen Kampf der Frauen um ihre Rechte. Erst Ende der achtziger Jahre änderte sich das wieder. Der Kampf begann - nicht nur gegen die Männerwelt, sondern auch innerhalb der Frauenwelt. Die radikalen Frauen beschäftigt zunächst der Kampf um die Aufnahme gleicher Rechte für Frauen in dem neuen Bürgerlichen Gesetzbuch. Sie gründen in vielen Orten Zentren der Agitation und Aufklärung. Anita gibt Kurse in Familienrecht, regt die Frauen an, sich über ihre Rechte und Pflichten zu orientieren und davon auch Gebrauch zu machen: „Den Ehefrauen wurde zur Kenntnis gebracht, daß sie sich aufgrund des BGB nicht mehr den brutalen Forderungen des Mannes in der Ehe zu fügen brauchten, wie es so viele in ihrer Unwissenheit glaubten tun zu müssen." In Berlin gibt Anita zusammen mit Minna Cauer, mit der sie zu der Zeit eine innige Beziehung verbindet, die unabhängige Zeitschrift „Die Frauenbewegung" heraus.

1902 gründete Anita zusammen mit Lida und anderen Frauen den „Deutschen Verein für Frauenstimmrecht", der sich in sehr kurzer Zeit mit vielen Ortsgruppen über das ganze Reich verbreitete. Beide traten auch kurz in die bayrische Volkspartei ein, mußten aber dort die Erfahrung machen, daß „Parteiinteressen und Parteivorurteile, nicht menschliche Ziele ausschlaggebend waren"! Ihre Konsequenz: „Es ist nicht die Aufgabe der Frauen, sich ins Schlepptau politischer Männerparteien nehmen zu lassen."

Sie standen in engem Kontakt mit englischen und amerikanischen Suffragetten, informierten in Deutschland über deren Aktivitäten, versuchten die grotesken Verleumdungen der Presse richtig zu rücken und nahmen an Aktionen im Ausland teil. „An Verleumdungen und Hohn hat es denen, die für das Frauenstimmrecht in den deutschen Landen kämpften, wahrlich nicht gefehlt. Aber Spott und Verleumdung ließen uns völlig gleichgültig. Wir erkannten gerade daraus, wie wirkungsvoll unser Kampf war und wie leer die Abwehr der Widersacher."

Der erste Weltkrieg unterbrach den Frauenkampf. Die konservativen Frauen schwenkten nun ganz auf die patriotische Linie, appellierten an den Mutterstolz, auf die Söhne an der Front und mobilisierten zum „Durchhalten"! Die Radikalen waren gegen diesen Krieg und organisierten 1915 einen internationalen Frauenkongreß in Haag, auf dem sie die kriegführenden Länder aufforderten, das Blutvergießen einzustellen. Lida und Anita wurden daraufhin aus Bayern ausgewiesen.
So war es nach dem Krieg für beide selbstverständlich, daß sie all ihre Kraft der Völkerverständigung widmeten. Aber auch hier arbeiteten sie vor allem mit Frauen zusammen und gründeten 1919 die Zeitschrift „Die Frau im Staat", die nach ihren eigenen Worten die wesentlichen Zusammenhänge von Frauenpolitik, Völkerverständigung und dauerndem Frieden klarlegen will". Auf dem Haager Kongreß 1922 fordern sie vorausschauend das Verbot chemischer und bakteriologischer Kriegsführung.

Erstaunlich ist an beiden Frauen, daß sie trotz dieses leidenschaftlichen und kräftezehrenden Engagements für die Politik nie die anderen Bereiche des Lebens aus den Augen verloren: sie interessierten sich sehr für Kunst und Literatur, bauten selbst Modellbauernhöfe auf und bereisten die Welt. Noch im Alter von 71 und 60 machten sie den Führerschein!
Auf einer Mittelmeerreise erfuhren sie von der Machtübernahme Hitlers und blieben in Zürich. Die Nationalsozialisten konfiszierten ihren gesamten Besitz und vernichteten die Bibliothek und alle Unterlagen. Das deutsche Morgengrauen erlebten sie nicht mehr. Beide starben 1943 in der Emigration.

(Quelle: Scheu, Ursula (1977): Unsere Schwestern von gestern : Anita Augspurg 1857 - 1943 ; Lida G. Heymann 1868 - 1943. - In: EMMA, Nr. 6, S. 44)

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