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1978

Die Klage gegen die sexistischen Titelbilder des Stern macht den beginnenden Kampf gegen Pornografie populär. Autonome Feministinnen und traditionelle Frauenpolitikerinnen suchen den Austausch.

Januar 1978

EMMA-Artikel

Die Rote Zora überfällt sechs Kölner Dr. Müller’s Sexshops und raubt Porno-Artikel im Wert von 100.000 Mark. In einem anonymen Flugblatt erklärt die militante Gruppe, die sich den Zielen der autonomen Frauenbewegung verpflichtet fühlt: „Diese Läden stinken uns schon lange. Die Frau wird auf ihren Körper reduziert – zur Sexmaschine degradiert, die nach Belieben der Käufer zu handhaben ist. Mit List und Tücke hauen wir die Pornoshops in Stücke!“

7. Januar 1978

In Berlin eröffnet der erste Frauen-Notruf. Nach amerikanischem Vorbild – in den USA haben Feministinnen nicht nur 24-Stunden-Notrufe, sondern bereits so genannte ‚Rape Crisis Centers’ eingerichtet – haben rund 40 Frauen den Notruf und Beratung für vergewaltigte Frauen initiiert. Über eine Notruf-Nummer sind sie rund um die Uhr erreichbar. Außerdem kündigen sie an, vergewaltigte Frauen beim Gang zu Polizei, Gerichten und ÄrztInnen unterstützen.

12. Februar 1978

Erstausgabe der Beiträge zur feministischen Theorie und Praxis

In Darmstadt gründen Sozialwissenschaftlerinnen den Verein Sozialwissenschaftliche Forschung und Praxis für Frauen. „Berufliche Diskriminierungen von Sozialwissenschaftlerinnen – dazu gehören alle Disziplinen, die sich mit Gesellschaftswissenschaft befassen – müssen öffentlich gemacht werden, ebenso die Verweigerung von feministischen Forschungsprojekten und Lerninhalten.“ Der Verein beginnt mit dem Aufbau von Frauenarchiven an den Universitäten und gibt noch im selben Jahr die erste Ausgabe der Beiträge zur feministischen Theorie und Praxis heraus.

8. März 1978

Kofra-Artikel
Kofra-Artikel zum Mädchentreff Frankfurt

In Frankfurt eröffnet der erste Mädchentreff. Er ist offen für „alle deutschen und ausländischen Mädchen ab 13 Jahren, für Schülerinnen, arbeitslose Mädchen und Lehrlinge“. Themen sind „Beziehungen, Liebe, Sexualität“, aber auch die schwierige Situation der Mädchen auf dem Arbeitsmarkt: „Mädchen stellen 2/3 der arbeitslosen Jugendlichen, obwohl sie bessere Schulabschlüsse haben und sich ausdauernder bewerben als Jungen. Sie werden häufiger auf Berufe mit geringerer Qualifikation orientiert, die unterbezahlt und stärker rationalisierungsgefährdet sind.“ Der Treff will auch „andere Einrichtungen, Betriebe, Lehrer/innen, Eltern für die besondere Situation der Mädchen sensibilisieren.“ Die feministische Mädchenarbeit beginnt.

10.- 12. März 1978

In Frankfurt treffen sich rund 300 Frauen zum Kongress ‚ Frauenbewegung und Repression’. Die Teilnehmerinnen diskutieren den Status Quo und die Perspektiven der Frauenbewegung vor dem Hintergrund von Terrorismus und Kriminalisierung. - Erstmalig wird der „Rückzug der Frauenbewegung“ thematisiert. Das Frauenzentrum Köln klagt: „Die desolate Situation in den Frauenzentren ist gekennzeichnet von einer unüberschaubaren Auflösung in Einzelaktionen und – initiativen. Frauen ziehen sich resigniert oder desillusioniert von der Gruppenarbeit zurück. Der eindeutige Zusammenhang während der Anfangsphase der Frauenbewegung, der durch die § 218-Kampagne da war, ist in der gleichen Form heute nicht mehr möglich.“

April 1978

Die Zeitschrift EMMA veröffentlicht ein Dossier über ‚Das Verbrechen, über das niemand spricht’. Zum ersten Mal im deutschsprachigen Raum wird damit das bisher vollständig tabuisierte Thema ‚Sexueller Missbrauch’ thematisiert. Der Bericht wird zum Auslöser der ersten Wildwasser-Gruppen gegen sexuellen Missbrauch.

15. April 1978

Frauenbeziehung - Frauenliebe
Informationsveranstaltung im Münchener Frauenzentrum

Im Münchner Schwabingerbräu lädt das Frauenzentrum München zur Informationsveranstaltung ‚Frauenbeziehung – Frauenliebe’. Anlass ist die Hetzkampagne, mit der die christlich-fundamentalistische Schauspielerin Anita Bryant aus Florida in den USA gegen Homosexualität zu Felde zieht. Bryants Hetze gegen die „homosexuellen Sünder“ zieht Kreise bis nach Deutschland. Themen der Münchner Veranstaltung sind: ‚Lesben und Frauenbewegung’, ‚Weibliche und männliche Homosexualität’ oder ‚Wie erfahren wir als Lesben die Arbeitssituation?’.

20. April 1978

Die Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen (AsF) initiiert in Bonn eine Gesprächsrunde ‚Parteifrauen und Feministinnen’. Nach der ‚Berliner Frauenkonferenz’ vom September 1977 kommt es nun zu einer weiteren öffentlichen Annäherung zwischen traditionellen Frauenpolitikerinnen und Vertreterinnen der autonomen Frauenbewegung.

28.- 30. April 1978

Auf Initiative des Kölner Frauenzentrums veranstalten Delegierte aus den Frauenzentren ein nationales Tribunal ‚Gewalt gegen Frauen’. Der „Gewaltkatalog“, den die Initiatorinnen aufgestellt haben reicht von „Gewalt in der Ehe“ über den „Mode- und Schönheitsterror“ bis zur „Männerorientierten Sprachentwicklung“.

30. April 1978

Zum zweiten Mal demonstrieren in der ‚Walpurgisnacht’ Tausende Frauen in vielen deutschen Städten gegen Gewalt gegen Frauen. In den darauffolgenden Jahren wird die Protestnacht zur Tradition werden.

Juni 1978

Ein Editorial von Alice Schwarzer über  ‚Frauen ins Militär?’ löst heftige Debatten innerhalb der Frauenbewegung und linker Gruppen aus. Schwarzer räsonniert darin aus aktuellem Anlass über das Recht auf Kriegsdienstverweigerung („Ich wäre ein Kriegsdienstverweigerer“), das Frauen nicht haben, weil sie im Namen der ‚Natur der Frau’ vom Kriegsdienst ausgeschlossen sind. Die erklärte Pazifistin fordert, im Namen der Gleichberechtigung, den uneingeschränkten freiwilligen Zugang von Frauen zum Militär. - Die Aufregung ist groß. Der Kommentar erscheint in einer Zeit, in der die ‚natürliche Friedfertigkeit’ von Frauen in großen Teilen der Frauenbewegung Konsens ist. Eine DKP-nahe Frauengruppe startet die Initiative ‚Frauen in die Bundeswehr – nein danke!’ Courage-Macherin Sybille Plogstedt bezieht in einem Pro und Kontra gegen Alice Schwarzer Position.

4. Juni 1978

Zu den Hamburger Bürgerschaftswahlen kandidiert zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik ein Frauenbündnis. In der Bunten Liste/Wehrt euch haben sich rund 30 Fraueninitiativen zusammengeschlossen. Denn: „Wir Frauen sehen nicht mehr schweigend zu, wie die Herren in den großen und kleinen Parteien unsere Interessen verschaukeln.“ Im Wahlprogramm der Bunten Liste stehen die Forderungen nach Streichung des § 218, öffentlich finanzierten Frauenhäusern oder gleichem Lohn für gleiche Arbeit. - Die Bunte Liste hat historische Vorgängerinnen. (Lida Gustava Heymann: Frauenlisten – aus eigener Kraft, 1927)

23. Juni 1978

Wild, Meysel, Schwarzer
Bildnachweis: Uwe Schaffrath

Vor dem Hamburger Landgericht klagen Alice Schwarzer und weitere neun Frauen - darunter Inge Meysel, Erika Pluhar und Margarete von Trotta – exemplarisch gegen die sexistischen Titelbilder des Stern. Ihre Rechtsanwältin Dr. Gisela Wild fordert, „die Beklagten dazu zu verurteilen, es zu unterlassen, die Klägerinnen dadurch zu beleidigen, dass auf den Titelseiten Frauen als bloße Sexualobjekte dargestellt werden und dadurch beim Betrachter der Eindruck erweckt wird, der Mann könne beliebig über die Frauen verfügen und sie beherrschen.“ (Klageschrift)

Nannen & Schwarzer
Bildnachweis: Uwe Schaffrath

Stern-Herausgeber Henri Nannen wirft den „freudlosen Grauröcken“, sprich: den Klägerinnen, eine „Zwangsfixierung aufs Objektsein“ vor, Spiegel-Herausgeber Rudolf Augstein diagnostiziert solidarisch „ärgerliches Selbstmitleid“ bei den Klägerinnen. Ein differenzierter Artikel von Spiegel-Ressortleiter Hellmuth Karasek wird in letzter Minute vom Herausgeber aus dem Blatt genommen.

Maibom & Schwarzer
Bildnachweis: Bundesbildstelle
EMMA 8/1978
EMMA-Sternklage

Initiiert wird diese erste ‚Sexismus-Klage’ der Bundesrepublik durch die Zeitschrift EMMA. Unter dem Vorsitz von Irmgard von Maibom (Evangelischer Frauenverband) schließt sich der gesamte Deutsche Frauenrat der Initiative an. Der Frauenrat ist der Dachverband aller organisierten Frauenverbände mit sechs Millionen Mitgliedern: von traditionellen Frauenverbänden wie dem Akademikerinnenbund über die kirchlich, bis hin zu den gewerkschaftlich und parteipolitisch organisierten Frauen.

Stern-Prozess
Bildnachweis: Goethe-Institut Inter Nationes e.V.

Die Klage wird abgewiesen. Allerdings begründet das Gericht die Abweisung rein formal. Zum politischen Anliegen der Klägerinnen erklärt Richter Engelschall in seiner Urteilsbegründung: „Die Kammer verkennt nicht, dass es ein berechtigtes Anliegen sein kann, auf eine der wahren Stellung der Frau in der Gesellschaft angemessenen Darstellung des Bildes der Frau in der Öffentlichkeit und insbesondere in den Medien hinzuwirken.“ Und: „In 20 oder 30 Jahren werden die Klägerinnen vielleicht gewinnen können.“ - Die so genannte Stern-Klage ist über Wochen Thema in den Schlagzeilen und trägt entscheidend dazu bei, den alltäglichen Sexismus ins öffentliche Bewusstsein zu rücken.

12. Juli 1978

Protestaktion
Protestaktion vor dem Bonner Korrespondentenbüro des Spiegel

Das Bonner Frauenforum kippt vor das Bonner Korrespondentenbüro des Spiegel rund 2.000 Spiegel-Ausgaben und überschüttet sie mit grüner und gelber Götterspeise. Die Protestaktion richtet sich gegen die frauenfeindliche Berichterstattung und Titelgestaltung des Magazins, insbesondere aber gegen den „glitschigen schleimigen  Kommentar"des Herausgebers Rudolf Augstein zur Stern-Klage. - Am selben Tag gründen rund 70 Journalistinnen aus ganz Deutschland die Aktion Klartext  (AKT) zur Gleichstellung der Frauen in den Medien. Ihre Ziele: Ein realistischeres Frauenbild in den Medien und mehr Frauen in Gremien und Führungspositionen der Medienanstalten.

September 1978

Cover der Troubadoura
Erstausgabe der Troubadoura September 1978

Die erste Frauenmusikzeitschrift Troubadoura erscheint.

27.- 29. Oktober 1978

Die ‚Sekretärinnen-Gruppe’ des Frankfurter Frauenzentrums lädt zum ‚Büroarbeiterinnen-Kongress’. 111 Teilnehmerinnen aus ganz Deutschland, Österreich und Frankreich diskutieren über „Widerstand im und Alternativen zum Büro“.

14.- 16. Oktober 1978

Der Münchner Buchverlag Frauenoffensive lädt zur 1. Internationalen Konferenz Feministischer Verlage.
(Bericht) 30 Teilnehmerinnen aus fünf Ländern beraten über Vernetzung und Koproduktionen. Zu diesem Zeitpunkt gibt es in Deutschland 20 Frauenbuchläden und Frauenbuchvertriebe.

9.- 11. November 1978

Taschenbuch von Pro Familia
Wir wollen nicht mehr nach Holland fahren

Im Frankfurter Frauengesundheitszentrum tauschen sich rund 100 Teilnehmerinnen aus 30 Frauenzentren über die Erfahrungen mit dem reformierten § 218 aus. Speziell in den CDU-regierten Bundesländern und Bayern wird das Gesetz besonders rigide ausgelegt: Ärzte weigern sich, Indikationen auszustellen, es werden keine Krankenhausbetten für Schwangerschaftsabbrüche zur Verfügung gestellt. Nach wie vor müssen Zehntausende bundesdeutsche Frauen für einen Schwangerschaftsabbruch nach Holland fahren. Zum fünften Jahrestag des Verfassungsgerichtsurteils, das die Fristenlösung im Februar 1975 kippte, planen die Aktivistinnen ein Tribunal.
(Presseerklärung) - Bereits im Juli hatte Pro Familia Bremen das Buch Wir wollen nicht mehr nach Holland fahren herausgegeben. Es prangert an: „Zwei Jahre nach der Neuregelung des § 218 verdichtet sich die Handhabung und Wirkungsweise des Gesetzes in der Öffentlichkeit zu einem bedrückenden Bild von Willkür und Schikane.“ - Am 30. November 1975 wird in Frankreich die Fristenlösung unter einer konservativen Regierung Gesetz.

18./19. November 1978

Rund 130 Frauen aus Medienberufen kommen auf Einladung der Aktion Klartext zum Herbsttreffen Frauen in den Medien  nach Frankfurt. Sie fordern „eine wirklichkeitsgetreue Darstellung der Interessen und Lebensbedingungen von Frauen. Voraussetzung dafür ist, dass Frauen Programm machen und bestimmen.“

24.- 26. November 1978

Plakat zum Kongress
Plakat zum Kongress "Feministische Theorie und Praxis in sozialen und pädagogoschen Berufsfeldern"
FFBIZ Berlin
Frauenforschungs-, -bildungs- und -informationszentrum e.V.

Der Verein Sozialwissenschaftliche Forschung und Praxis für Frauen veranstaltet den Kongress ‚Feministische Theorie und Praxis in sozialen und pädagogischen Berufsfeldern’. Die rund 1.200 Teilnehmerinnen tauschen sich aus über ‚Feministische Pädagogik in der Schule’ oder ‚Feministische Praxis in der Sozialpädagogik’.

In Berlin eröffnet das Frauenforschungsbildungs- und informationszentrum, kurz: FFBIZ. Die FFBIZ-Initiative, die sich nach der ‚Berliner Frauenkonferenz’ im September 1977 gegründet hat und sich dementsprechend aus Vertreterinnen der traditionellen Frauenverbände und der autonomen Frauenbewegung zusammensetzt, erklärt: „Wir brauchen weder eine neue ‚Akademie der Wissenschaft’ noch ein ‚Museum für Deutsche Geschichte’. Wir schaffen das Wissen und machen die Geschichte selbst.“

7. Dezember 1978

Der Deutsche Presserat ergänzt seinen Ehrenkodex um das Merkmal Geschlecht. Ab jetzt heißt es: „Niemand darf wegen seines Geschlechts, seiner Zugehörigkeit zu einer rassischen, religiösen oder nationalen Gruppe diskriminiert werden.“ Das Selbstkontrollorgan hat dem Antrag der EMMA-Redaktion auf Ergänzung des Pressekodex stattgegeben, den sie im Zuge der Stern-Klage im Juni gestellt hatte.