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Von kundigen Frauen und Hexen...

Manuela Reichart, 1977

Feministisches Gesundheitszentrum in Zehlendorf eröffnet

Daß viele Frauen nur mit Widerwillen zum (Gynäkologen gehen, liegt an der gewöhnlichen Fließbandabfertigung; in der durchschnittlichen Fünf-Minuten-Behandlung bleibt kaum Zeit für Probleme und Fragen der Patientin.
Zu viele Frauen wissen nichts über ihren Körper, können gar keine Fragen stellen. „In unseren Dia-Vorträgen saßen oft Mütter von drei oder vier Kindern, die staunten, als sie den Bau ihreren inneren Geschlechtsorgane begriffen", berichtet eine der Frauen, die jetzt in Westberlin eine Alternative zur herkömmlichen gynäkologischen Beratung vorstellten: ein Feministisches Frauen Gesundheitszentrum (FFGZ).

Alternativ sind nicht nur Atmosphäre und Einrichtung — der gewöhnliche ,kranke Geruch' in Behandlungs- und Wartezimmer fehlt in der geräumigen und gemütlich hergerichteten Ladenwohnung im Bezirk Zehlendorf —, sondern auch das feministische Gesundheitskonzept: Gynäkologische Beratung und Untersuchung von Frauen für Frauen. 25 sind es in der Berliner Gruppe, die seit drei Jahren zusammen arbeiten. Sie veranstalteten Volkshochschulkurse und Vorträge zum Thema „Frau und Gesundheit" und boten seit eineinhalb Jahren einen festen Beratungstermin im Frauenzentrum an. Sie kommen aus den verrschiedensten Berufen: die Krankenschwester, die promovierte Amerikanistin, die Pädagogin, die Gesundheitspflegerin arbeiten mit der Sozialarbetterin, der Psychologin.

Jede Frau soll die Möglichkeit haben, ihren Körper besser kennenzulernen. Darum ist Selbstuntersuchung auch einer der Schwerpunkte. Das Zentrum veranstaltet Selbsthilfekurse, in denen die Frauen lernen, durch Umgang mit Speculum und Spiegel unnormale Veränderungen zum Beispiel des Muttermundes sofort selbst zu bemerken. Gesunderhaltung, betonen die Frauen, sei der Schwerpunkt ihrer Arbeit im Zentrum. Natürlich wollen sie keine akuten Fälle behandeln, wie ihnen immer wieder vorgeworfen wird, nicht die Ärzte ersetzen. Im Gegenteil, sie möchten mit Medizinern zusammenarbeiten, an die sie Frauen weitervermitteln können.

Das Zentrum, in dem auch zwei Medizinisch-Technische Assistentinnen und zwei Ärztinnen mitwirken, die den größten Teil der diagnostischen und therapeutischen Arbeit leisten, bietet gynäkologische Versorgung (unter anderem Krebsvorsorge, Abstriche), Sexualitäts- und Verhütungsberatung, Schwangerschaftberatung. Behandlung und Beratung bedeuten hier in den meisten Fällen Gruppengespräche, denn der Austausch von Erfahrungen und Informationen ist wichtig. Die Frauen sollen sich nicht als Patientinnen fühlen.

Auch Afternativen werden angeboten, wenn es um die Therapie geht. Natürliche Behandlungsmethoden und die Kräuterezepte der Großmütter gelten im Feministischen Gesundheitszentrun nicht als veraltet. Für die gängigen Verhütungsmittel, Pille und Spirale, findet man hier keine Fürsprecherin, es wird das alte und jetzt wiederentdeckte Diaphragma empfohlen.

Im Moment müssen die Klientinnen (schon vor der offiziellen Eröffnung gab es eine Warteliste) noch für alle Leistungen bezahlen, wenig allerdings. Die Gruppe bemüht sich jedoch um die Anerkennung durch die Kassenärztliche Vereinigung (KV). Einen Institutsvertrag, wie ihn in Berlin nur die Pro-Familia-Beratungsstelle hat, sollte das Gesundheitszentrum bekommen. Allerdings stehen die Chancen zur Zeit schlecht; der Vorsitzende der KV in Berlin verweist darauf, daß die gynäkologische Versorgung in West-Berlin ausreichend gewährleistet, ein solches Institut, damit nicht nötig sei. Die beiden Gruppen-Ärztinnen müßten sich also in den Räumen am Kadettenweg niederlassen, um dann einzeln die Leistungen des Zentrums mit der Kasse abzurechnen.Vor einem Jahr stellte die Gruppe den Antrag auf Gemeinnützigkeit ihres eingetragenen Vereins, doch generelle Bedenken, ob in dieser Gruppe nicht Vorurteile gegenüber Vertretern der Humanmedizin geschürt würden, ließen damals das Gutachten des Gesundheitssenators negativ ausfallen.

Bisher wurde das Gesundheitszentrum allein durch Spenden finanziert; es wären, wie eine aus der Gruppe erzählt, zum Teil „hohe Spenden von älteren Frauen aus der Provinz", denen dieser Versuch, an die Geschichte der „Hexen", der heilkundigen Frauen und Hebammen des MittelaIters, anzuknüpfen, offensichtlich wichtiger war als die Erbschaft für den Medizin studierenden Enkel.

(Quelle: Die Zeit, 9.12.1977)