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Über das erste deutsche Frauenzentrum in Hamburg

Lida Gustava Heymann / Anita Augspurg, 1897

Auszüge aus den Memoiren Heymanns

Aber dieses Vorkommnis und der Einblick, den meine Mitarbeiterinnen und ich durch den Verkehr mit unseren Tischgästen in die damalige Lage berufstätiger und proletarischer Frauen gewonnen hatten, ließ uns schnell erkennen, daß wir durchaus ein eigenes Haus haben mußten und daß durchgreifende Hilfe durch einen billigen Mittagstisch allein nicht geschaffen werden könne. Es galt, die berufstätigen Frauen zu organisieren und ihnen bessere Vorbildungsmöglichkeiten zu schaffen; für so weittragende Pläne waren die vorhandenen Lokalitäten viel zu klein. Es wurde auf den erstzulässigen Termin gekündigt, ein Haus im Zentrum der Stadt in der Paulstraße 25 gekauft, die erforderlichen baulichen Veränderungen gemacht und schon im April 1897 bezogen.

War das für uns alle ein stolzes Gefühl! Eine zweite und dritte Etage, ein Kellergeschoß und Hofraum standen uns zur freien Verfügung, dort konnten wir schalten und walten, wie es uns gefiel. D.h. so bildeten wir uns damals in unserer Harmlosigkeit ein; nur zu bald schon sollten wir mit den Hamburger Behörden, besonders der Sitten- und Vereinspolizei in Konflikt geraten.

Es folgten beglückende Jahre des Schaffens, des Helfens, des Aufbauens, des Kampfes für die Befreiung der Frau, für Gleichheit und Freiheit. Der Himmel hing uns voller Geigen.

Im Souterrain und Hof, der zum Garten gewandelt war, wurde der Kinderhort untergebracht; Wannen und Brausebäder eingerichtet, die von allen Bewohnern der Umgegend benutzt werden konnten.

Dem Mittagstisch standen jetzt vier Räume in der dritten Etage zur Verfügung: ein kleines Bureau, ein großes Eßzimmer und zwei behaglich eingerichtete Wohnzimmer mit Büchern, Klavier und Nähmaschine.

Die Zahl der Mittagsgäste betrug an manchen Tagen 150 Personen. Es wurden Unterhaltungsabende eingerichtet: Vorträge, Vorlesungen, Gesang und Deklamationen fanden statt. Hilfskräfte und Besucherinnen traten in immer nähere Beziehungen zueinander.

In der zweiten Etage wurde die so notwendig gewordene Beratungsstelle eingerichtet; Sprechstunden wurden erst zweimal wöchentlich, dann täglich von zwei bis vier Uhr angesetzt, die sich aber häufig bis sechs Uhr abends ausdehnten. Als mich einmal ein bekannter Rechtsanwalt aufsuchte, viele Leute wartend antraf und erfuhr, um was es sich handelte, meinte er lächelnd: "Um eine so zahlreiche Klientel würde mancher Hamburger Rechtsanwalt Sie beneiden."

Nichts in meinem ganzen Leben hat mir einen besseren Einblick in die Ausbeutung der Frau durch den Mann im allgemeinen, den Ehemann und Arbeitgeber im besonderen, verschafft wie diese Sprechstunden. Da lernte ich die korrupten Einrichtungen der sogenannten guten Gesellschaft, der Familie und des Staates gründlich kennen.

Der Wille in mir wurde immer stärker zu tun, was in meinen Kräften stand, um Aufklärung zu verbreiten, welche Bewandtnis es mit der sogenannten guten Gesellschaft, der Heiligkeit der Familie und den Einrichtungen des Staates habe.

Nicht nur, daß Eltern von Hortkindern, daß die Mittagsgäste in den Sprechstunden Rat und Auskunft suchten, Außenstehende aus allen Kreisen stellten sich ein, im verschiedensten Alter, überwiegend Frauen, aber ziemlich oft auch Männer. Da kam die höhere Tochter, die sich hinaussehnte aus der Enge des Familienkreises, sie forderte Betätigung, sie wollte leben und arbeiten.

In der Paulstraße fand sie Arbeit aller Art: von der Kinderbetreuung bis zum Wirken im politischen Leben; so konnten Befähigung und Interesse auf den verschiedensten Gebieten frei zur Auswirkung kommen.

Viele Schwierigkeiten ergaben sich für die berufstätigen Frauen, Kopf- wie Handarbeiterinnen, es fehlte vor allen Dingen an den notwendigen Vorbedingungen, an gründlicher Vorbereitung für einen bestimmten Beruf. Viele der Frauen wurden bei schlechter Bezahlung stark ausgebeutet.

Jung verheiratete Frauen suchten Rat und Trost in ihrer maßlosen Verzweiflung. Sie waren, so unglaublich das der heutigen Generation klingen mag, völlig ahnungslos eine Ehe eingegangen, empörten sich, daß sie jetzt nicht einmal mehr - wie der Mann ihnen einzureden wußte - über den eigenen Körper zu verfügen hätten.

Ausbeutung durch den Arbeitgeber war wenig erfreulich, aber die durch den Ehemann geradzu verzweiflungsvoll. Was ich früher nur instinktiv ahnte, wurde hier zur lebendigen Erkenntnis; nur von Ausnahmen abgesehen, besteht zwischen Männern und Frauen in den wichtigsten Dingen intimer Lebensgemeinschaft ein abgrundtiefer, kaum zu überbrückender Zwiespalt.

(Quelle: Erlebtes - Erschautes: deutsche Frauen kämpfen für Freiheit, Recht und Frieden 1850-1940, 1972)