Kontakt

FrauenMediaTurm
Das Archiv und
Dokumentationszentrum
Bayenturm / Rheinauhafen
50678 Köln

Fon 0221/931881-0
Fax 0221/931881-18
info@frauenmediaturm.de

Öffnungszeiten

Montag bis Freitag
von 10 bis 17 Uhr
Die Nutzung der Bibliothek ist nur nach Voranmeldung möglich. Sie können sich einfach telefonisch oder per E-mail anmelden.

weitere Informationen

FMT Literaturdatenbank

Direkt zum Bibliothekskatalog
zur Recherche

FMT Bilddatenbank

Direkteinstieg ins Bildarchiv
zur Recherche

EMMAdigital

Über 40 Jahre EMMA Volltext im elektronischen Lesesaal

FMT-DigiBib

Metasuche in Bibliothekskatalogen und Fachdatenbanken weltweit
zu FMT-DigiBib

FMT-DigiLink

Feministische Linkliste
zu FMT-DigiLink

META

Zentrale Suche in den Beständen der Einrichtungen des i.d.a.-Dachverbandes. zum META-Katalog

1971

Der Kampf gegen das Abtreibungsverbot wird in ganz Westeuropa zum Auslöser der Frauenbewegung. Mit ihrem Start im Frühling 1971 sind die Westdeutschen Frauen die letzten, die aufbegehren.

5. April 1971

Le Nouvel Observateur, Nr. 334, 5. April 1971

Das französische Wochenmagazin Nouvel Observateur veröffentlicht das „Manifest der 343“. 343 Französinnen bekennen: „Je me suis fait avorter“ – „Ich habe abgetrieben“. Unter den Unterzeichnerinnen sind u.a. Simone de Beauvoir, Marguerite Duras, Françoise Sagan und Jeanne Moreau. Initiatorinnen der Aktion sind die Féministes Révolutionaires vom Mouvement de Libération des Femmes (MLF).

April/Mai 1971

Die Frauenzeitschrift Brigitte beklagt in einem Artikel  über die „internationale Emanzipationswelle“: Deutsche Frauen verbrennen keine Büstenhalter und Brautkleider. Es gibt keine ‚Schwestern der Lilith’ wie in Amerika, nicht einmal ‚Dolle Minnas’ mit Witz wie in Holland. Es gibt keine kämpferische Zeitschrift, es gibt keine wüsten Pamphlete, kein bedeutendes, aufrührerisches Buch. Es gibt keine Wut.“ All das wird sich bald ändern.

Info zur Selbstbezichtigungskampagne

Alice Schwarzer, die zu dieser Zeit als Korrespondentin in Paris lebt und eine der Initiatorinnen des MLF-Manifestes ist, exportiert die Aktion der Französinnen nach Deutschland. Die Journalistin gewinnt den Stern für eine Veröffentlichung eines deutschen Manifestes, findet aber nur drei Frauengruppen, die die Aktion gegen den § 218 mittragen wollen: Die Frankfurter Frauenaktion 70, die SPD und FDP nahe stehen, einen Teil der sozialistischen Münchner Roten Frauen und den Sozialistischen Frauenbund Berlin. Nach einigem Zögern beteiligt sich auch der Frankfurter Weiberrat, der die Aktion zunächst für „kleinbürgerlich und reformistisch“ hält. Die meisten Unterschriften für die Selbstbezichtigungs-Aktion werden von einzelnen engagierten Frauen gesammelt.

6. Juni 1971

Stern Nr. 24, 6. Juni 1971

Der Stern erscheint. Auf dem Titel sind 28 Frauen abgebildet - darunter Senta Berger und Romy Schneider - die bekennen: „Wir haben abgetrieben!“ Insgesamt 374 Frauen haben den Appell unterzeichnet, in dem sie erklären: „Ich bin gegen den Paragraphen 218 und für Wunschkinder!“ - Die Stern-Veröffentlichung wird innerhalb von Tagen zum nationalen Skandal – und Auslöser einer Lawine. Frauen schweigen nicht länger. Sie reden über ihre Angst vor nicht gewollten Schwangerschaften. Über ihre Abtreibungen. Über Sexualität. Und über Gewalt. Sie reden überall: In Büros und Fabriken, in Stadtvierteln und Universitäten.

Aufruf zur Demo der Aktion 218 München

In Düsseldorf findet das erste Delegiertentreffen „aller am Kampf gegen den § 218 interessierten Gruppen“ statt. Frauen aus sieben Städten nehmen teil. Es werden weiterhin Selbstbezichtigungen und Solidaritäts-Unterschriften gesammelt: in Stadvierteln, Betrieben, Büros und an Universitäten. Die Selbstbezichtigung bewegt die ganze Nation wochen-, ja monatelang. Aus den einzelnen 218-Frauengruppen wird langsam ein Netz, das die ganze Bundesrepublik überzieht.

22. Juni 1971

Um sechs Uhr früh stürmt die Polizei die Wohnungen der § 218-Aktivistinnen Edda Albrecht-Wagner und Ute Geißler in München. Die Münchner Gruppe ist unter den § 218-Gruppen die bundesweit aktivste und provokanteste. Die Beamten beschlagnahmen rund 2.000 Solidaritätserklärungen und 150 Selbstbezichtigungen. - Anfang Juli durchsucht auch die Essener Polizei die Räume der Aktion 218. Auch hier ist die Staatsanwaltschaft auf der Suche nach Listen mit Selbstbezichtigungen.

Flugblatt Aktion 218 mit Justizminister Jahn

In Frankfurt findet das zweite Delegiertentreffen der „Aktion 218“ statt. Diesmal nehmen knapp 100 Frauen aus 20 Städten teil. Sie zählen 2.345 Selbstbezichtigungen von Frauen, 973 von Männern und über 86.000 Solidaritätserklärungen. In einem Protestschreiben an Justizminister Jahn (SPD) erklären sie: „Die Aktion 218 und ihr weitreichender Erfolg sind der Beweis dafür, dass Frauen den vom Staat auferlegten Gebärzwang nicht länger als ihr individuelles Problem begreifen. Erstmals beanspruchen wir Frauen, nicht als Stimmvieh behandelt zu werden, sondern uns als aktive, politische Bürger zu artikulieren.“

19. Juli 1971

30 Delegierte der „Aktion 218“ überreichen dem Justizministerium die 86.000 Solidaritätserklärungen.

15. August 1971

Der Filmemacher Rosa von Praunheim zeigt in einem Berliner Kino seinen Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Gesellschaft, in der er lebt“. Der Film, den Praunheim im Auftrag des WDR produziert hatte und der in mehreren Fernsehprogrammen ausgestrahlt wurde, wird ein wichtiger Impuls für die deutsche Homosexuellenbewegung.

2. September 1971

Justizminister Jahn (SPD) kündigt eine Reform des §218 an. Allerdings entscheidet sich der Minister für die so genannte Indikationslösung: Ein Schwangerschaftsabbruch soll nur bei „medizinisch-sozialer“, „ethischer“ oder „eugenischer“ Indikation möglich sein, sprich: Bei Gefahr für das Leben der Mutter, nach Vergewaltigung und bei Behinderung des Fötus. Die von den SPD-Frauen und dem Koalitionspartner FDP geforderte Fristenlösung, die einen Schwangerschaftsabbruch in den ersten drei Monaten straffrei lässt, lehnt Jahn ab.

Schwarzer: Frauen gegen den § 218

Alice Schwarzer, die – wie viele ihrer engagierten Kolleginnen – ab Juni 71 in den Medien quasi Schreibverbot zum Thema Abtreibung hat, veröffentlicht ihr erstes Buch: Frauen gegen den § 218. In Gesprächen mit 18 Frauen dokumentiert sie die existenziellen Auswirkungen des Abtreibungsverbotes auf das Leben von Frauen. - Es ist typisch für den Zeitgeist der kollektiven politischen Arbeit, dass Autorin Schwarzer in ihrem Band auch einen Kollektivtext der Sozialistischen Arbeitsgruppe zur Befreiung der Frau – Aktion 218, München  aufnahm. Das sechsköpfige Redaktionskollektiv analysiert darin die politische Funktion des zu dem Zeitpunkt genau 100 Jahre alten § 218. (Schon in der Historischen Frauenbewegung war die Streichung des § 218 eine zentrale Forderung. Minna Cauer: Menschlich oder juristisch? ) Und Alice Schwarzer schildert in ihrem Nachwort den Zeitgeist, den Verlauf der Aktion und die Reaktionen von Politik, Ärzteschaft und Kirchen.

9./10. Oktober 1971

Auf dem dritten Bundestreffen der „Aktion 218“ beschließen die Teilnehmerinnen, zu Demonstrationen in allen größeren Städten aufzurufen, um die SPD/FDP-Regierung unter Druck zu setzen, die ihr Ohr dichter am Vatikan als an den Frauen zu haben scheint.

6. November 1971

Demo Aktion 218

In München, Bremen, Berlin und Frankfurt demonstrieren Tausende Frauen – und solidarische Männer - für die Abschaffung des § 218. Motto: „Weg mit dem Jahn-Entwurf!“ Und: „Von Frauen, die er quält, wird Jahn nicht mehr gewählt!“

20. November 1971

Demo Paris mit Beauvoir

In vielen deutschen Städten und in fast allen westeuropäischen Ländern demonstrieren Frauen für das Recht auf Abtreibung und die Selbstbestimmung der Frauen. - In Paris gehen über 2.000 Frauen auf die Straße, darunter -erstmals an der Seite der jungen Frauenbewegung- Simone de Beauvoir, die Autorin von Das andere Geschlecht, das zum theoretischen Fundament des neuen Feminismus wird. Sie erteilt damit der Priorität des Klassenkampfes (Hauptwiderspruch) eine Absage und setzt auf den Geschlechterkampf (Nebenwiderspruch).

Kate Millet
Bildnachweis: Verlag Kiepenheuer & Witsch

Das Buch „Sexus und Herrschaft“  der amerikanischen Feministin Kate Millett erscheint auf Deutsch. In ihrer Analyse - ihrer Doktorarbeit - konzentriert sich Millett auf zwei Aspekte: Die Funktion der Sexualpolitik und die inneren Fesseln der Frauen: „Da Frauen in einem Patriarchat meist nur ‚Randbürger’ sind, gleicht ihre Situation der anderer Minoritäten und sie weisen die bei einer Minorität zu erwartenden Charakteristiken auf: Gruppenselbsthass und Selbstablehnung, Verachtung sowohl ihrer selbst als auch anderer Frauen.“ - Schon 1849 erklärte Frauenrechtlerin Louise Dittmar in ihrem Aufsatz ‚Über das Wesen der Ehe’: „Weib, Ehe und Liebe tragen das Sklavenbrandmal.“