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Man wird nicht als Frau geboren

50 Jahre nach dem "Anderen Geschlecht" ziehen Schriftstellerinnen und Politikerinnen gemeinsam Bilanz: Wo stehen die Frauen heute?

Vorwort von Alice Schwarzer

Sie kamen aus fünf Kontinenten und redeten und diskutierten drei Tage lang leidenschaftlich miteinander. Für die ReferentInnen selbst war diese Begegnung mindestens ebenso spannend wie für die ZuhörerInnen. Denn im Oktober 1999 treffen in Köln erstmals 22 Frauen (und ein Mann) aufeinander, die zwar manches gemeinsam haben, sich jedoch noch nie in der Konstellation begegnet waren: von der französischen Philosophin Elisabeth Badinter und der österreichisch-amerikanischen Historikerin Gerda Lerner, über die algerische Menschenrechtlerin Khalida Messaoudi und die kroatische Schriftstellerin Slavenka Drakulic, bis hin zu der amerikanischen Beauvoir-Forscherin Margaret Simons und den deutschen Politikerinnen Christine Bergmann oder Rita Süssmuth, die ins Mikrofon sagt: »Feministin zu sein, ist das Mindeste, was eine Frau tun kann!«

Ein Resultat dieses von mir, in Zusammenarbeit mit dem FrauenMediaTurm, initiierten Kongresses ist dieses Buch. Es spiegelt in einer ungewöhnlichen Breite und Lebendigkeit den aktuellen Erkenntnisstand und die Zukunftsvisionen einiger der international wichtigsten Denkerinnen. Dabei geht die Spanne der Themen von philosophischen Fragen (War Beauvoir die Schülerin Sartres – oder war es genau umgekehrt?) bis hin zu alltäglichen Problemen wie: dem Antifeminismus in den Medien, der Kriegsstrategie der Massenvergewaltigungen oder dem expandierenden religiösen Fundamentalismus. Daneben stehen Erfolgsmeldungen. Eine wahre kulturelle
Revolution ist in den letzten 50 Jahren zu verzeichnen, »Erfolge, die nie mehr zurückzudrehen sind« (Gerda Lerner).

»Man wird nicht als Frau geboren, man wird es«, so lautete der Titel der Kölner Konferenz und dieses Buches. Es ist der Kernsatz von Simone de Beauvoirs epochaler Analyse »Das andere Geschlecht«, das mehrere Generationen von Frauen und die Neue Frauenbewegung tief beeinflusst hat. Gleichzeitig aber waren Leben und Werk von Simone de Beauvoir auch innerhalb der Frauenbewegung von Anbeginn an heftig umstritten – und im angrenzenden »linken« Lager sowieso. Das war schon bei Erscheinen des Buches 1949 so. Denn Beauvoirs Forderung einer radikalen Gleichheit der Geschlechter und ihre Analyse der Rolle von Liebe und Sexualität bei der Unterdrückung der Frauen passte weder den Rechten noch den Linken. »Das andere Geschlecht« löste bei Erscheinen unter Pariser Intellektuellen Häme, ja Tumulte aus und wurde sowohl im Vatikan als auch in der Sowjetunion auf den Index gesetzt.

Im Ton hat sich bei der Kritik am Feminismus seither nicht viel geändert; ich weiß, wovon ich rede. Doch in der Sache ist viel passiert. Die Idee einer Gleichheit der Geschlechter ist durch alle Widerstände unbeirrbar ihren Weg gegangen und scheint heute selbstverständlicher denn je – auch wenn der Rückschlag, nämlich eine erneute Propagierung der Differenz, nicht lange auf sich warten ließ. Doch diese Reaktion ist nicht neu, selbst innerhalb der Frauenbewegung nicht: Seit es Frauenrechtlerinnen bzw. Feministinnen gibt, zerfallen sie in zwei Hauptströmungen.

Die eine Strömung, das sind die Antibiologistinnen, genannt die Radikalen bzw. Universalistinnen bzw. Gleichheitsfeministinnen. Sie gehen von einer grundsätzlichen Gleichheit der Menschen und damit auch der Geschlechter aus. Nicht der biologische Unterschied, sondern die sozialen, ökonomischen und politischen Unterschiede sind für sie die Ursache der heutigen Differenz zwischen den Geschlechtern. In dieser Tradition stehen historische Feministinnen wie Olympe de Gouges (1748–1793), Susan B. Anthony (1820–1906), Hedwig Dohm (1833–1919) oder Anita Augspurg (1857–1943) – und alle AutorInnen dieses Buches.

Die andere Stömung beruft sich auf den Unterschied der Geschlechter, auf die Differenz. Die Differenzialistinnen halten den Unterschied zwischen Frauen und Männern für unabänderlich; sei es, dass er naturgegeben oder aber, dass er irreversibel geprägt, also quasi genetisch verankert sei. Sie sind für »Gleichberechtigung«, aber gegen »Gleichheit« und wollen den bestehenden Unterschied nicht aufheben, sondern umwerten. Nicht selten haben die Differenzialistinnen dabei Tendenz, das »Weibliche« im Gegensatz zum »Männlichen« zu erhöhen (Frauen sind das bessere, friedlichere etc. Geschlecht). Für diese Strömung standen früher Namen wie die Sozialistin Clara Zetkin (1857–1933) oder die Frauenrechtlerin Helene Lange (1848–1930), und stehen heute in der akademischen Debatte die französischen Struktura-
listinnen.

Dabei liegt es in der Natur der Sache, dass es immer die Antibiologistinnen waren, die sich am stärksten in Opposition zum Bestehenden befinden. So versuchten auch bei der Machtergreifung der Nazis Frauen wie Helene Lange zunächst – doch letztendlich vergeblich – mit den Machthabern zu dealen, mussten die Radikalen wie Anita Augspurg oder Helene Stöcker ins Exil fliehen.

Weniger dem Differenzialismus, sondern eher dem Universalismus zuzuordnen ist die in der postmodernen akademischen Debatte führende Amerikanerin Judith Butler (die ebenfalls zu dem Kongress geladen, aber verhindert war). Sie steht, auch nach eigenen Worten, durchaus in der Tradition Beauvoirs, greift in ihrer Theorie jedoch die aus der Wissenschaft kommenden Kategorien »sex and gender« auf (bei denen sex für das biologische und gender für das kulturelle Geschlecht steht) und folgert: nicht nur das kulturelle, sondern auch das biologische Geschlecht ist »Konstruktion«. Butler fordert darum zur »Dekonstruktion« von sex and gender auf, zur Aufhebung jeglicher Geschlechterkategorien.

Die meisten Butler-AnhängerInnen scheinen diesen Gedankengang für neu zu halten. In der Tat aber ist er der Kerngedanke des radikalen Feminismus, der spätestens seit dem 18. Jahrhundert eine radikale Aufhebung der Geschlechtskategorien fordert. Auch Simone de Beauvoir stellt schon 1949 im »Anderen Geschlecht« die provokante Frage: »Gibt es überhaupt Frauen?« – und beantwortet sie mit der Erkenntnis, dass »Frauen« nicht geboren, sondern »gemacht«, also konstruiert werden. Auch sie fordert die Aufhebung der Kategorie Geschlecht Richtung Geschwisterlichkeit der Geschlechter. In dieser Tradition stehen auch heutige Radikale wie die Amerikanerin Kate Millett oder die Französinnen Elisabeth Badinter und Monique Wittig (»Ich bin keine Frau«).

Der entscheidende Unterschied zwischen den modernen Universalistinnen und den postmodernen utler-AnhängerInnen ist, dass letztere die Machtfrage nicht stellen. Sie halten die Geschlechterkategorien für beliebig zuweisbar und den Geschlechtsrollenwechsel bzw. die Verweigerung der Rolle für eine Art Spiel (was übrigens Butler selbst wiederum zurückweist – sie fühlt sich bei dieser Interpretation »missverstanden«). Die Universalistinnen aber sehen in der Zuweisung der Geschlechterrollen ein Instrument der Machtausübung. Für sie ist der spielerische Rollenwechsel Augenwischerei und jeder Rollenbruch bedroht von Sanktionen, weil eine Gefährdung der bestehenden Ordnung. Darüber hinaus stellen die Universalistinnen den Geschlechterantagonismus in den Kontext anderer gesellschaftlicher Antagonismen. Für sie haben Frauenhass und Fremdenhass ein und dieselbe Wurzel.

Auch sie sehen den heute bestehenden Unterschied zwischen den Geschlechtern. Sie halten ihn jedoch für überwindbar. Simone de Beauvoir bringt es in der Einleitung zum »Anderen Geschlecht« auf den Punkt: »Die Begriffe vom Ewigweiblichen, von der schwarzen Seele, vom jüdischen Charakter abzulehnen, bedeutet ja nicht zu verneinen, dass es heute Juden, Schwarze, Frauen gibt: diese Verneinung wäre für die Betroffenen keine Befreiung, sondern eine Flucht ins Unauthentische. Selbstverständlich kann keine Frau, ohne unaufrichtig zu sein, behaupten, sie stünde jenseits ihres Geschlechts.«

»Unaufrichtig« in diesem Sinne sind weder die Gleichheits- noch die Unterschieds-Feministinnen, doch sie ziehen unterschiedliche Schlüsse. Den auch heute wieder klaffenden tiefen Graben zwischen den Universalistinnen und Differenzialistinnen gab es schon immer, er ist scheinbar nur in Phasen des Aufbruchs verdeckt: also Mitte und Ende des 19. Jahrhunderts oder zu Beginn der 70er Jahre. Denn am Anfang wollen beide Strömungen einfach nur mehr Rechte für die Frauen. Erst in einem zweiten Schritt beharren die Differenzialistinnen auf einer »Gleichheit in der Ungleichheit« und die Universalistinnen auf der uneingeschränkten »Gleichheit«. Letztere kritisieren »Männlichkeit« wie »Weiblichkeit« als Verkrüppelung einer für beide Geschlechter anzustrebenden »Menschlichkeit« – und ecken damit nicht nur bei Männern, sondern auch bei so manchen Frauen an. Ihre Kritik am Männlichkeitswahn und Weiblichkeitswahn entzweit auch das feministische Lager.

Ihre Parallele zu Schwarzen oder Juden als ebenfalls »Andere« stößt allerdings nur im deutschen Sprachraum auf Unverständnis und ist im Ausland selbstverständlich. Die aus Wien in die USA emigrierte Historikerin Gerda Lerner analysiert in ihrem Beitrag die Gemeinsamkeiten bei der Unterdrückung von Juden, Schwarzen und Frauen – mit einem Unterschied: »Frauen haben noch nicht einmal eine Geschichte.« Und die als Frau und Jüdin sensibilisierte Französin Elisabeth Badinter warnt vor den Gefahren der Remystifizierung der Mutterschaft und des neu aufflammenden Weiblichkeitswahns im Zusammenhang mit der Renaissance des Männlichkeitswahns.

Es ist kein Zufall, dass jede dritte Autorin in diesem Buch zweifach betroffen ist: als Frau und als Jüdin oder als Frau und als Nicht-Weiße. Diese doppelte Betroffenheit schärft ganz besonders den Blick für jegliche Art der Zuweisung eines »Andersseins« – das de facto immer gleich ist mit Mindersein. Denn es ist der Herrschende, der die Definitionsmacht hat und bestimmt, wer der »Eine« und wer der abweichende »Andere« ist. Eine Unterscheidung, die tödlich sein kann.

So nutzt die seit Jahren von einer Fatwa bedrohte Khalida Messaoudi aus Algier den deutschen Kongress zu einem Appell: »Ohne die Unterstützung der Feministinnen und MenschenrechtlerInnen der westlichen Länder verlieren wir unseren Kampf um Leben und Tod«, beschwört sie in ihrem Beitrag und warnt speziell die Deutschen vor anbiederndem Populismus und falsch verstandener Toleranz. Messaoudi: »Das Argument, die religiösen Fundamentalisten seien schließlich vom Volk gewählt worden, gab es schon einmal. Auch Hitler wurde damals vom Volk gewählt.«

Nicht zufällig ist der Sexualpolitik ein ganzes Kapitel dieses Buches gewidmet, von der Pornografie über die häusliche Gewalt bis zum Frauenhandel. So schildert Marlene Streeruwitz in ihrem lakonischen Text die Auswirkungen des pornografisierten Männerblicks auf alle Frauen, inklusive sich selbst. Sheila Jeffreys analysiert die Entstehung der »Erotisierung des Unterschiedes« und Kathleen Barry die Prägung der Heterosexualität durch die Prostitution: Sie fordert das Verbot von Sexualität als Ware (was in Schweden bereits Gesetz ist). Die deutsche Ministerin Christine Bergmann kündigt ein »Aktionsprogramm gegen Gewalt« an, und die österreichische Sozialarbeiterin Rosa Logar berichtet über das erfolgreiche Zusammengehen von Feministinnen und Staat an der häuslichen Geschlechterfront.

Auch daran erkennen wir die Gleichheitsfeministinnen: Sie stellen die Machtfrage und sparen dabei deren dunklen Kern, die (Sexual)Gewalt, nicht aus. Sie lassen sich auch von dem Etikett des »Opferfeminismus« nicht mundtot machen und scheuen sich weder, die einschüchternde Gewalt gegen Frauen zu benennen, noch ihren Anteil an der Welt zu fordern. Sehr konkrete Strategien zur Eroberung der Macht geben in diesem Buch die deutschen Professorinnen Barbara Schaeffer-Hegel und Sigrid Metz-Göckel, die sich auf das für sie beispielhafte Leben von Beauvoir beruft.

Einen ganz neuen Blick auf dieses Leben eröffnen uns die Texte am Schluss: Simons und Fullbrooks Analysen des Werkes von Simone de Beauvoir. Sie begeben sich auf die Spuren des Entstehens von Beauvoirs Denken – und machen Entdeckungen, die nicht nur für diese eine feministische Pionierin, sondern für die meisten Denkerinnen in einer männerdominierten Gesellschaft typisch sind. Sie zeigen auf, wie Beauvoir neue Ideen nicht in abstrakte Philosophie fasst, sondern in ihren Romanen und Essays erzählerisch mit dem Stoff des Lebens verwebt – und, wie sie ihre Ideen immer wieder am Leben, am eigenen Leben überprüft.

Dabei entdecken die ForscherInnen, dass es Simone de Beauvoir war, die vieles von dem, was später originär Jean-Paul Sartre zugeschrieben wurde, als Erste gedacht hatte – und dass sie selbst dabei mitgemacht hatte, es zu vertuschen. Aus weiblicher Selbstverleugnung? Aus der (bereits gemachten) Erfahrung heraus, dass das Denken einer Frau nicht so ernst genommen wird wie das eines Mannes? Als Preis zum Erhalt ihrer großen Liebe, ihrer Liebe zu Sartre?

In den bisher unbekannten Tagebüchern der 19-jährigen entdeckte Margaret Simons den Kern des »Sartreschen« Existenzialismus lange vor der Begegnung mit ihm bei Beauvoir. Und sie spürt die Frau auf, die schon sehr früh um die Versuchungen und Gefahren der »weiblichen« Liebe weiß. Simons: »Ihrer Sehnsucht nach Liebe, dem Wunsch, im anderen aufzugehen, steht das Gefühl entgegen, ›sich dominiert zu fühlen‹« Und in der Tat notiert schon die junge Philosophiestudentin klarsichtig: »Ich hätte selbst auch so gerne das Recht, sehr einfach und sehr schwach, eben eine Frau zu sein. In was für einer ›verwüsteten Welt‹ wandere ich, so unfruchtbar: die einzige Oase darin ist die brüchige Wertschätzung für mich selbst. (. . .) Ich baue auf mich, ich weiß, dass ich auf mich bauen kann. Aber ich würde es so gerne nicht nötig haben, mich auf mich selbst verlassen zu müssen.«

»Kann ich mich mit dem zufrieden geben, was man Glück nennt? Oder soll ich diesem Absoluten entgegengehen, das mich so anzieht?« fragt sich Beauvoir weiter. Und sie entschließt sich gegen die (»weibliche«) Immanenz und für die (»männliche«) Transzendenz: »Ich erschaffe mich selbst, ich erschaffe meine Geschichte.«

Zwanzig Jahre später erkennt Beauvoir in der Einleitung zum »Anderen Geschlecht«: »Das Drama der Frau besteht in diesem Konflikt zwischen dem fundamentalen Anspruch jeden Subjekts, das sich immer als das Wesentliche setzt und den Anforderungen einer Situation, die sie als unwesentlich konstituiert. Wie kann ein Mensch sich im Frau-Sein verwirklichen? Welche Wege stehen ihm offen? Welche landen in der Sackgasse? (. . .) Wenn ich also an den Möglichkeiten des Individuums interessiert bin, so nicht in Begriffen des Glücks, sondern in Begriffen der Freiheit.«

Und damit benennt Simone de Beauvoir präzise den aktuellen Konflikt der Frauen heute, am Beginn dieses dritten Jahrtausends. Wieder sind sie im Aufbruch. Wieder wollen sie nicht länger behandeltes Objekt, sondern handelndes Subjekt sein. Und wieder wagen sie in einer Welt, in der Männer noch immer im Zentrum stehen und Frauen vom Rande kommen, den aufrechten Gang.

Quelle: Schwarzer, Alice (Hrsg.): Man wird nicht als Frau geboren. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2000. S.11-21


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