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Frauen, die forschen - Ein Werkstattbericht

»Die Karte? Wo ist die Karte?« ruft Michael unvermittelt, mit unüberhörbarer Unruhe in der Stimme. »Hier«, beruhige ich ihn und klopfe mir auf die hintere Hosentasche. »Nein!«, seine Stimme schraubt sich etwas höher, »nein, da kann sie rausrutschen, sie muss ins Portemonnaie.« Mein Puls steigt. Die Access-Karte zum CMS am CERN, dem größten Forschungszentrum für Teilchenpysik der Welt in Genf. Nur zehn dieser Besucherkarten gibt es, ich habe eine davon in der Tasche. In zwei Wochen werden hier die ersten Experimente starten. Die Sicherheit ist auf Alarmstufe 1. Ich bin es inzwischen auch.

Heute ist der letzte Tag, an dem Außenstehende das Gelände betreten dürfen. Ich halte die Karte an den Scanner. Eine kurze Verzögerung – und dann bewegt sie sich doch, die stählerne Drehtür, und gibt den Weg frei. Kurze Zeit später stehe ich neben Professor Felicitas Pauss und ihrem Mitarbeiter Michael Dröge im Fahrstuhl. Wir sausen hundert Meter hinunter ins Erdinnere, tief hinein ins Reich der Erkenntnis. In wenigen Tagen werden hier Elementarteilchen in quasi Lichtgeschwindigkeit aufeinander prallen. Das Ziel: Die Simulation des Urknalls. Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus aller Welt sind der Entstehung des Universums auf der Spur. Eine von ihnen ist Felicitas Pauss von der ETH Zürich. Sie arbeitet am CMS, einem der vier gigantischen Detektoren, die entschlüsseln sollen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Deutschland trägt zwanzig Prozent der Kosten an diesem europäischen Projekt. Kurz vor mir war Bundesforschungsministerin Annette Schavan zu Besuch.

Als sich die Fahrstuhltür in der Tiefe wieder öffnet, habe ich das Gefühl, geradewegs in einem James-Bond-Film gelandet zu sein. Hinter dem Betontunnel mit der letzten Sicherheitsschleuse, dem so  genannten Iris-Scanner, für den später nur noch der Blickkontakt einiger weniger Menschen das Sesam-öffne-dich sein wird, verbirgt sich eine Halle von gigantischen Ausmaßen. Ein riesiger Detektor, den die Außenwände gerade eben so umschließen, davor Menschen, so groß wie Ameisen, die auf Gerüsten hin- und herklettern. Es herrscht eine angespannte Atmosphäre. Überall werden die letzten technischen Details überprüft, die letzten Teile installiert. Männer mit Helmen und Arbeitsanzügen laufen schnell an uns vorbei, ziehen Kabel, stecken die Köpfe zusammen. Im Kontrollraum, vollgepfropft mit Monitoren, schaut niemand auch nur vom Bildschirm auf, als wir durchgehen.

Es sind die letzten Tage vor dem großen Knall. Eine zwanzig Meter hohe Arbeitsbühne steht noch am Detektor, der Rest ist schon abgebaut. Wir dürfen noch einmal hoch, über dünne, leicht schwankende Leitern. Hier oben, tief drinnen im Herzen des Detektors, ist die Anspannung kaum noch auszuhalten. Plötzlich funktioniert irgendetwas nicht, die Techniker beugen sich vor und starren in die kreisrunde Mitte des stählernen Kolosses. Horst Breuker, Physiker, der vor 26 Jahren zum CERN gekommen ist und seit 13 Jahren an der Vorbereitung des Experiments mitarbeitet, steht ein wenig abseits. Er tritt von einem Bein auf das andere und schaut in den Abgrund. Er wirkt wie ein Vater im Kreissaal. Wir verziehen uns lieber wieder.

Als wir nach einer Stunde erneut auf dem Gerüst stehen, sind wir nur noch zu dritt hier oben. Das Problem scheint gelöst, der Reparaturtisch und alle Geräte sind verschwunden, morgen wird auch dieses letzte Gerüst demontiert werden. Selbst die Arbeitsleuchten sind schon abgebaut, alles ist in ein unwirkliches schummeriges Licht getaucht. Wir sind mit dem Koloss allein. Ich fotografiere.
»Die Karte!«, ruft Frau Prof. Pauss plötzlich, als wir nach einer Stunde wieder im Fahrstuhl nach oben stehen, »haben Sie die Karte?« Hektisch öffne ich meinen Fotokoffer. »Hier!« Der Scanner klickt, die Schleuse öffnet sich, wir sind wieder im Sonnenlicht.

Als ich am nächsten Morgen im Gästehaus des CERN aufwache, ist das Telefon tot. Das Licht geht nicht an und die elektrischen Jalousien bewegen sich nicht einen Zentimeter nach oben. Auf dem Flur begegnet mir ein verstrubbelter schwedischer Wissenschaftler. »No current?« Nein, kein Strom, auf dem ganzen Gelände nicht. An der Rezeption im Nachbargebäude kann ich meine Rechnung nicht bezahlen, auch hier sind alle Computer schwarz. Oh, oh, denke ich, das darf aber nicht passieren, wenn das Experiment läuft. Ich starte den Wagen und verlasse das Gelände.

Seit drei Monaten reise ich nun durch Deutschland und die Schweiz, um Naturwissenschaftlerinnen zu fotografieren. Wochenlang haben die Mitarbeiterinnen vom FrauenMediaturm in Köln, die Journalistin und Physikerin Jeanne Rubner und ich recherchiert. Wir sind Listen durchgegangen, haben Wissenschaftsjournalisten und Institute befragt, sowie ExpertInnen aller Disziplinen. Zusammengekommen sind 25 Spitzenforscherinnen aus allen Bereichen. Sie sind dem Aids-Virus oder Krebs auf den Fersen, sie schauen hinein in unser Gehirn und unserem Denken zu, oder sie sehen hinauf ins All. Wir hätten noch so viele spannende Forscherinnen mehr in die Liste aufnehmen können.

An einem heißen Sommertag stehe ich mit der Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard in ihrem verwunschenen Garten bei Tübingen. Als ich die Genforscherin in ihren Seerosenteich bat, zögerte sie nicht eine Sekunde und glitt hinein, in die Ursuppe. Eigentlich war ja sie damals der Auslöser für das Buch »Frauen mit Visionen« über große Europäerinnen: Porträts von Frauen, die Herausragendes in Forschung, Politik, Kultur oder Wirtschaft geleistet haben. Denn als Nüsslein-Volhard 1995 den Nobelpreis für Medizin bekam, gab es kein einziges Foto der renommierten Wissenschaftlerin. Das hatte ich in der EMMA-Redaktion mitbekommen. Händeringend wurde ein Foto gesucht, bei Fotografen und Agenturen – nichts. Irgendwann kam jemand auf die Idee, Prof. Nüsslein-Volhard selbst um ein Bild zu bitten. Das kam dann auch, einen Tag später. Auf diesem Foto sitzt die Nobelpreisträgerin mit Spaghetti-Trägern im Garten. Der Garten ist gut zu sehen und auch richtig belichtet. Und auch Frau Nüsslein-Volhard ist noch mit drauf, links in der Ecke, etwas unscharf. Nur eines war ganz deutlich: das Foto war eher privater Natur. Ein Porträt der Wissenschaftlerin gab es nicht.

Und so kam die Idee zu den Europäerinnen und auch zu diesem neuen Projekt: Forscherinnen und ihre Arbeit sichtbar zu machen.
In Zürich stehe ich zwischen Laserstrahlen, in Berlin vor Kreideformeln, bin auf Wolfsspuren im Sand der Muskauer Heide in der Lausitz und blicke in Heidelberg zum Himmel hinauf. Ich sehe Frauen, die hinter gigantische Apparaturen mit Leitungen, Schrauben und zischenden Hähnen verschwinden, und Frauen, die sich über mikroskopisch winzige Punkte beugen. Hier wird in Millionen von Lichtjahren gerechnet und dort in einer Attosekunde, den milliardsten Teil einer milliardsten Sekunde. Ich sehe Hinweisschilder »Gentechnisches Labor«, »Sicherheitsstufe 1« und »Sicherheitsstufe 2«, Dreiecke, die vor radioaktiver Strahlung warnen, Hauben, Brillen, Schutzhandschuhe. Und ich sehe ein einfaches kariertes Blatt Papier und einen Bleistift. Ich höre Italienisch, Russisch, Koreanisch und alle anderen Sprachen der Welt. Ob Genf oder Kiel, München oder Leipzig, die Wissenschaft ist eine internationale Gemeinschaft.

Eine der ersten, die ich für dieses Projekt fotografiere, ist Dr. Gerda Horneck. Die Astrobiologin schickt Mikroorganismen auf die Raumstation ISS, um zu erforschen, welche Bakterien die außerterrestrischen Bedingungen überleben. Letztendlich er-kundet sie, ob es Leben außerhalb unseres Planeten gibt. Ich treffe Gerda Horneck am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Köln. Die 69-Jährige kommt gerade aus China und fährt nächste Woche nach Montreal zum Weltraumkongress. Dazwischen ist sie in Frankreich, um die Mars-Mission vorzubereiten: »Da würde ich gerne mitfliegen.« Im Jahr 2030, wenn der Abstand von Mars und Erde am kleinsten ist, soll ein bemanntes Raumschiff losgeschickt werden. Die Astrobiologin weiß: »Die Reise dauert dann nur 180 Tage – einfache Fahrt«, präzisiert Gerda Horneck, wie am Bahnschalter. Und dann? 520 Tage Aufenthalt, 180 Tage Rückfahrt. Im Laufe dieses Projekts lerne ich neue Dimensionen von Zeit und Raum kennen.

Mit Gerda Horneck verbringe ich einen spannenden Tag. Ich schaue mir die stählerne Box an, die, mit Bakterien bestückt, gerade reisefertig gemacht wird für die Fahrt ins All (»Nicht fallen lassen, davon haben wir nur eine …«). Wir sehen im Labor riesige Lichtwannen zur Simulation kosmischer Strahlung und gehen ins benachbarte Trainingszentrum der Europäischen Raumfahrtagentur ESA für Astronauten, die ins All fliegen. Um sechs Uhr abends bin ich leicht erschöpft. Aber Gerda Horneck will noch mal eben schnell aufs Dach, das hatte ich leichtsinniger Weise am Vormittag vorgeschlagen (»Würde mich nun doch interessieren, wie es da oben aussieht«.) Und da ist sie auch schon auf der Feuerleiter, ein paar Meter über mir. Oben angekommen erzählt sie kichernd von ihrem letzten Ausflug in die Berge. Da hatte sie statt der Dose mit den Picknick-Broten dummerweise die Dose mit den Sporenpilzen eingepackt. »Aber mein Mann, auch Wissenschaftler, hatte am Ende dann doch Verständnis.«

Julia Fischer begegne ich leider nicht im Senegal, sondern in Göttingen. Hier sitzt die Biologin in ihrem nüchternen Büro im Deutschen Primatenzentrum und wertet Schreie aus. Schreie von Affen, die sie in der Savanne von Afrika aufzeichnet und in ihrem Laptop mitgenommen hat. Sie erforscht die Sprachentwicklung. Es dauert etwas, bis ich im Randgebiet von Göttingen so etwas wie eine Savanne gefunden habe. Ein Feld mit vertrockneten Gräsern, das sieht ein bisschen nach Afrika aus, findet auch die Affenforscherin. Und da fotografieren wir.

Es ist nicht immer leicht, eine Umgebung zu finden, die auch visuell aussagekräftig ist. Denn moderne Forscherinnen arbeiten die meiste Zeit am Computer. Die Biologin ebenso wie die Physikerin, die Chemikerin ebenso wie die Mathematikerin. Und selbst die Astronomin schaut eigentlich nur noch zum Vergnügen durchs Fernrohr und lädt ansonsten die Himmelsbilder von fernen Riesenteleskopen auf ihren heimischen Bildschirm. Es gilt jedoch für die Fotografin, die Forschung, die in Kopf und Computer steckt, sichtbar zu machen. Es gilt, einerseits die Forschende zu porträtieren, andererseits die Forschung in Bilder zu übersetzen.

Ich stelle fest, bei den meisten Wissenschaftlerinnen gibt es ein Zauberwort. Einen goldenen Schalter, der, einmal betätigt, ein kleines Glitzern in den Augen auslösen kann. Wenn ein Fotomotiv nicht spontan einleuchtet (»Warum soll ich denn in dem kleinen grünen Plastikboot in brackigem Wasser treiben?«), dann sage ich leichthin: »Wir können es ja einfach mal ausprobieren.« Und da leuchtet sie fast immer auf, die pure Lust am Experiment. Wenn es dann auch noch ein Problem zu lösen gibt, dann ist die volle Aufmerksamkeit da. So hat meine Frage an die Physikerin Prof. Gisela Schütz, ob man sie nicht mittels starker Magnete an die Metallwand des Max-Planck-Institutes für Metallforschung in Stuttgart hängen könnte, ernsthafte physikalische Überlegungen ausgelöst. Wie stark müssten die Magneten sein, wie viele bräuchten wir … Wir haben es dann doch nicht getan, denn eine Frage blieb ungelöst und hätte vermutlich unangenehme Folgen gehabt: Ich hätte Frau Professor Schütz aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mehr abkriegt von der Wand. Mir ist auf dieser Reise durch das Wissen klar geworden, wie groß die Leidenschaft ist, die alle porträtierten Wissenschaftlerinnen antreibt. Sie lieben ihre Arbeit – und steht ihre Forschung im Mittelpunkt dieser Porträts.

Bettina Flitner,
Köln, September 2008

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