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FrauenMediaTurm
Das Archiv und
Dokumentationszentrum
Bayenturm / Rheinauhafen
50678 Köln

Fon 0221/931881-0
Fax 0221/931881-18
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Feministischer Thesaurus

Das feministische Archiv und Dokumentationszentrum Köln legt den ersten feministischen Thesaurus auf Deutsch vor

Vorwort von Alice Schwarzer

Sprache ist der Stoff, in dem wir denken und fühlen. Diese Sprache ist selbstverständlich nicht neutral und formt unsere Gedanken. Spätestens die feministischen Sprachforscherinnen haben bewiesen, wie „männlich" unsere Sprache ist, und daß sie ein Denken an Frauen oft schon deshalb unmöglich macht, weil es für ihre Befindlichkeit und Interessen oft noch nicht einmal Wörter gibt. In einer männerdominierten Welt haben Männer, die Macht des Benennens, die Definitionsmacht.

Neue Gedanken von Frauen brauchen neue Begriffe. Die Sexualpolitik. Die Männerjustiz. Oder die „neue Ethik" zum Beispiel, ein Begriff aus der historischen Frauenbewegung. Nach den Amerikanerinnen, Kanadierinnen, Spanierinnen und Holländerinnen legen jetzt auch deutsche Dokumentarinnen eine erste systematische Erfassung dieser Begriffe vor, einen Thesaurus. Er dient in der Erfassung, Analyse und Vermittlung von Inhalten. Wir hoffen allerdings, daß gerade dieser Thesaurus zwar auch - und vor allem! - aber nicht nur die Expertinnen interessiert. Darum die grundsätzliche Einführung.

Der FrauenMediaTurm („Das Feministische Archiv und Dokumentationszentrum") arbeitet seit zehn Jahren an der Spurensicherung von Frauenleben und -wissen (zunächst unter dem Namen „Das feministische Archiv und Dokumentationszentrum"). Es ist kein Zufall, daß gerade seine Mitarbeiterinnen den ersten feministischen Thesaurus erarbeitet haben. Denn ein solches Instrumentarium ist Voraussetzung für eine ernstzunehmende dokumentarische Arbeit zur sogenannten Frauenfrage.

Ohne die Dokumentation der Spuren ihrer Existenz sind Frauen geschichtslose Wesen. Männer bauen seit Jahrtausenden auf dem auf, was andere Männer vor ihnen gedacht, gesagt und getan haben. Männer sind das nicht. Sie stehen auf den Schultern von Riesen und blicken weiter. Frauen müssen immer wieder von vorne anfangen, treten auf der Stelle.

Als ich Anfang der 70er Jahre begann, mich für die Sache der Frauen zu engagieren, ging es mir wie den meisten: Ich glaubte mich in der Stunde Null. Auch wir neuen Feministinnen waren damals überzeugt, wir seien - abgesehen von ein paar vereinzelten Vorläuferinnen - die ersten, die es wagen, der Männermacht endlich die Stirn zu bieten. Doch weit gefehlt. Es gab un- endlich viele vor uns. Und wir hätten von Anfang an weiterdenken können, statt (wieder einmal) von vorne anzufangen.

Nach dem heutigen Forschungsstand müssen wir davon ausgehen, daß die Dominanz der Männer schon seit Jahrtausenden währt und es nur wenige begrenzte Ausnahmen von wirklicher Gleichheit oder gar Frauenübermacht gab. Umso bemerkenswerter ist es, daß Frauen trotzalledem nie wirklich resigniert haben. Es gab zu allen Zeiten Frauen, die aus ihren (nur selten vergoldeten) Käfigen und Kemenaten ausbrachen.

Daß die lange Geschichte unserer Unterdrückung und unseres Widerstandes kaum aufgeschrieben, wenig beachtet und gerne verfälscht oder geleugnet wird, das hat System. Geschichtslose Frauen sind identitätslose Frauen. Sie sind relative Wesen, die sich selbst nur in Relation zum Mann begreifen können.

Zur Änderung dieser Verhältnisse will der FrauenMediaTurm beitragen. Die politische Idee eines Frauenarchivs ist so alt wie naheliegend. Schon 1895 schrieb Maria Lischnewska in der von Minna Cauer herausgegebenen Zeitschrift „Die Frauenbewegung": „Das Besondere ganz zu erfassen und doch den Blick auf das Allgemeine nicht zu verlieren, bedarf eines ernsten und mühevollen Studiums. Die Frauenzeitungen sind wohl ein wertvoller Wegweiser dafür, doch erschöpfend zu helfen vermögen sie nicht." Daraus ergab sich für die frühe Frauenrechtlerin nur eine Konsequenz: „Wir brauchen eine Bibliothek für die Frauenfrage, und die Reichshauptstadt müßte sie schaffen. Diese Bibliothek denke ich mir als eine Sammelstätte für alles, was Deutschland und das Ausland an bedeutenden Leistungen auf dem Gebiete der Frauenfrage hervorgebracht haben und noch hervorbringen. (...) Die Bibliothek würde der Frauensache der Gegenwart einen großen Dienst leisten. Sie würde uns befähigen, sicherer zu urteilen und konsequenter vorwärts zu schreiten." - Der „Radikale Flügel" der Frauenbewegung setzte die Idee in die Tat um und eröffnete das Archiv „Frauenwohl". Nur ein geringer Teil der Bestände überlebte die Nazizeit...

Es dauerte 40 Jahre, bis die Frauen wieder den Kopf hoben. Schon jetzt ist der Neue Feminismus der so bewegten und ideenreichen 70er Jahre Geschichte und droht in Vergessenheit zu geraten. Denn feministisches Denken liegt ja immer quer und hat sich täglich neu zu artikulieren gegen den Mainstream der Männermedien.

Auch den neuen Feministinnen wurde es darum rasch klar, daß ihr Wissen systematisch gesammelt und verbreitet werden muß, damit sie selbst und nachfolgende Frauen endlich weiterdenken und weiterblicken können. Doch im Zeitalter der Informatik genügen nicht mehr der gute Wille und das fleißige Sammeln von Büchern und Dokumenten. Längst ist die Erfassung und Vermittlung von Information zu einer regelrechten Wissenschaft geworden und Kompetenz sowie modernste Technik unerläßlich.

Der FrauenMediaTurm sichert nicht nur Wissen und Erfahrung von Frauen, erschließt die Dokumente auch inhaltlich und verknüpft sie miteinander. Dokumentiert werden Literatur, graue Literatur, Flugblätter, Plakate und Originaldokumente. Ein Foto- Ton- und Filmarchiv ist in Planung. Die Sammlung reicht von historischen Originaldokumenten (wie zum Beispiel den Tagebüchern der führenden Frauenrechtlerin Minna Cauer, 1841-1922) bis hin zu einer minutiösen Chronik der Neuen Frauenbewegung (mit Original-Arbeits-materialien, Flugblättern, Artikeln und Büchern). In dieser Chronik spiegelt sich die erste Tomate, die Sigrid Rüger am 13. September 1968 dem SDS-Bonzen Hans-Jürgen Krahl an den Kopf warf, ebenso wie die Selbstbezichtigungsaktion der 374 Frauen im „Stern" („Ich habe abgetrieben und fordere das Recht für jede Frau dazu!") oder die Eröffnung der ersten Gleichstellungsstelle (1982 in Köln) und die Ernennung der ersten Frauenministerin (1986 in Bonn). Wann entstand wo und unter welchen Bedingungen welcher Gedanke? Wie wurde er aufgegriffen? Wer setzte ihn um?

Feministische Arbeit ist immer Pionierarbeit, das macht es so schwer, auch in diesem Falle. Zwar sprießen seit Mitte der 80er die Initiativen zur Archivierung von Frauendokumenten und -forschung an Universitäten und in Frauenprojekten und gibt es inzwischen weltweit ein regelrechtes Netz feministischer Archive. Doch es fehlen die Mittel, die Arbeit der Spu-rensicherinnen ist meist ehrenamtlich.

Und genau das macht das Besondere des Frauen-MediaTurms aus: Daß er die Mittel für bezahlte Arbeit und Anschaffung von Dokumenten und Technik hat (was die gemeinnützige Stiftung einer Anschubfinan-zierung von Jan Philipp Reemtsma verdankt). Nur so war es möglich, ab 1990 hauptberuflich Mitarbeiterinnen des FrauenMediaTurms an der Entwicklung des vorliegenden Thesaurus arbeiten zu lassen. Kontinuierlich damit befaßt waren zahlreiche Mitarbeiterinnen, vor allem aber Helga Dickel und Carolina Brauckmann. Begleitet und wissenschaftlich beraten wurden sie von der Informationswissenschaftlerin Dorothee Reinhold.

Der Vorstand des Archivs, in dem ich heute zusammen mit der Berliner Psychologin Ursula Scheu („Wir werden nicht als Mädchen geboren, wir werden dazu gemacht") und der Pariser Pädagogin Anne Zelensky (unter anderem Präsidentin der „Liga der Frauenrechte") für die Stiftung verantwortlich bin, entwickelte das nachfolgende Denk-Konzept, das die politische Haltung und Sichtweise des FrauenMediaTurms spiegelt. Dieses Konzept strukturiert den Blick auf die Flut von Informationen und setzt Prioritäten. Das Konzept steht nicht immer im wortwörtlichen Zusammenhang mit den Begrifflichkeiten im wissenschaftlichen Instrumentarium des FrauenMediaTurms, ist jedoch seine analytische Grundlage.

Die besondere Aufgabe, die sich der FrauenMedia-Turm stellt, ist, wie gesagt, über die Spurensicherung hinaus, die qualitative Erschließung des Materials. Alle bisher 20.000 Dokumente sind verschlagwortet, viele zusätzlich mit abstracts versehen. Jährlich kommen rund 2.000 Dokumente dazu. Hinzu kommt eine Personendatenbank, eine Faktendatenbank ist im Aufbau.

Seit seiner (Wiedereröffnung Ende August 94 ist der FrauenMediaTurm wieder öffentlich zugänglich (von Dienstag bis Freitag, 14-18 Uhr, nach Voranmeldung). Ab 1995 wird auch der Dokumentationsdienst auf Anfrage abrufbar sein.

Dieser erste feministische Thesaurus in deutscher Sprache ist, zusammen mit dem Buch „Turm der Frauen" (im DuMont Verlag), eine der ersten Veröffentlichungen des FrauenMediaTurms. Die Frau ist frei geboren. Dazu, daß sie auch frei leben kann, will der FrauenMediaTurm mit seiner Arbeit und Veröffentlichungen wie dieser beitragen.

In: Scheu, Ursula/Schwarzer, Alice (Hrsg.): Feministischer Thesaurus. Köln, FrauenMediaTurm, 1994. S. 4f.

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