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SELBST. HASS. SELBST

Marlene Streeruwitz

Marlene Streeruwitz, Schriftstellerin, wurde zunächst bekannt durch ihre Theaterstücke (»New York, New York« oder »Waikiki Beach«). Ihr erster Roman, »Verführungen«, erschien 1996. In die feministische Debatte mischt die Schriftstellerin sich seit 1997 auch direkt ein. Streeruwitz kam 1950 in Baden bei Wien zur Welt und promovierte mit einer Arbeit über die »strukturale Dramentheorie«. Nach der Scheidung schlug sie sich als allein erziehende Mutter von zwei Töchtern mit Jobs als Sekretärin, Werbetexterin und Journalistin durch.

Ich hatte vor einer Woche eine Lesung in Würzburg zu halten. Ich kam in die Buchhandlung. Stellte mich einer der zwei Frauen an der Kasse vor. Die Geschäftsführerin würde geholt werden. Ich solle mich gedulden. Wurde mir gesagt. Die beiden Frauen kassierten weiter. Ich stand da und wartete. Die beiden Frauen kassierten. Ich wartete. Befand mich in einer dieser Situationen, von denen ich immer vermutete, dass sie für einen Autor anders ausgingen. Als für die Autorin. Die Geschäftsführerin würde gleich geholt werden.

Ich stand also mit dieser angelernten Geduld da, die all diese Wartesituationen in Restaurants, Büros, Arztpraxen, Schulen und Boutiquen bewältigen helfen muss. In all diesen Wartesituationen, in denen frau von Frauen in sekundären Positionen darauf hingewiesen wird, auch nur sekundär zu sein. Eine Frau eben. Und in meinem Fall dann auch noch eine nicht mehr junge Frau.

Jedes Mal sage ich mir in diesen Situationen zuerst einmal, dass es nicht so sei. Wie ich es sähe. Dass ich Verfolgungswahn hätte. Die weibliche Form des Verfolgungswahns. Die weibliche Form des Verfolgungswahns einer Frau meines Alters. Einen Nicht-Verfolgungswahn. Die Vorstellung also, nicht mehr gesehen zu werden. Von der Nicht-Verfolgung verfolgt zu werden.

Ich stand da. Die Frauen an der Kasse kassierten. Rund um mich Bücherwühltische. Ein Mann kommt von der Straße in das Geschäft. Stürzt herein. Er ist etwas abgerissen. Nicht rasiert. Er greift nach einem der Bücher auf dem Bücherwühltisch rechts. Es liegen Bildbände da. Er greift nach einem Band Araki Fotografien. Nackte Frauen. Gefesselt. Geknebelt. In Bäume hinaufgebunden. In Ecken gedrückt. Das Sujet ist bekannt. Der Mann blättert den Bildband durch. Von hinten nach vorne. Lässt die Seiten langsam zurücksinken. Sieht ein Bild länger an. Lässt das Buch zuklappen. Schiebt es weg. Der Blick schon auf dem nächsten Buch. Er geht dann aber. Er dreht sich zur Tür. Geht hinaus. Gemessen. Als wäre er gesättigt.

Ich sage zu der Frau an der Kasse, ich ginge einen Kaffee trinken. Käme dann wieder. Ich stürze hinaus. Wut und Zorn hochlodernd in mir, diesem Mittagessen an verquältem Frauenfleisch beiwohnen haben zu müssen. Still und stumm neben diesem AugenSchmaus stehen haben zu müssen. Und mir gut in Erinnerung die Gespräche bei einer Araki Vernissage in Zürich.

Der Galerist erklärte mir damals, diese jungen Frauen drängten sich, von Araki fotografiert zu werden. Er habe das selbst gesehen, sagte der Galerist. Er sei da gewesen. Anwesend gewesen. Beim Fotografieren. Und überhaupt. Das sei Kunst. Schließlich. Und ob ich vielleicht ein bisschen prüde sei. Und außerdem. Alle ausgestellten Werke waren schon vor der Vernissage verkauft gewesen. So ein Interesse. Das könne man nicht leugnen, sagte der Galerist und teilte Zigarren aus.

Nun. Es gibt natürlich die Möglichkeit, dass die fotografierten jungen Frauen in diesem So-Fotografiert-Werden ihr Frau-Sein definieren. Dass sie darin in einer Dekonstruktion von Vorhandenem und in einer Konstruktion von Neuem der Konstruktion eines weiblichen Selbst sich annähern. Warum aber fühle ich mich mitbesessen durch den Sättigung suchenden Blick dieses Mannes in der Buchhandlung in Würzburg auf die verquälten nackten Leiber dieser Frauen. Warum fühle ich mich einmal mehr in den Blick auf die Frau aufgelöst, auch wenn ich gar nicht gemeint bin. Warum möchte ich diese Bilder ästhetisierter Gewalt an Frauen nicht sehen. Und schon gar nicht neben einem sehen müssen.

Es gab bei der Vernissage in Zürich übrigens einen Rat zur Lösung meines Problems. Ein Bildhauer meinte, wir. Wir Frauen. Wir Frauen sollten alle solche Bilder von uns machen lassen, dann wären wir das Problem los.

Was für Möglichkeiten der Überschreitung können in einem solchen Bild von sich und dem Machen davon enthalten sein. Der Vorgang selber bedeutet, sich zu überlassen. Sich schmerzhaft beschränken zu lassen. In diesem Augenblick lässt sich eine Selbstdefinition der Masochistin treffen. Lässt sich die Macht des Opfers ahnen, das den Blick des Täters bannt. In diesem Augenblick kann die Konstruktion der Sexualität des Typs Masochistin angenommen werden, wie auch immer die Betreffende sich das vorstellt.

Was aber ist mit dem Abbild dieses Augenblicks? Was ist mit dem Bild davon, das im Kontext aller Bilder funktioniert und nur nebenbei auf den Augenblick einer besonderen Person verweist? Besonderheit wird schon durch die Nacktheit des weiblichen Körpers verhindert. Ist diese Nacktheit doch in der Lesart des Patriarchats der Hinweis auf alle anderen, ebenso öffentlichen weiblichen Körper. Schon darin sind die Bilder dieses Augenblicks der sexuellen Selbstdefinition wieder nur Material des patriarchalen Archivs. Auffrischungen eines bekannten Sujets. Da diese Blicke nun die Etikette »Kunst« zur Verfügung haben, kann der Käufer des Bilds (in Zürich waren es jedenfalls nur Männer, die die Bilder erwarben) die Definition »Sadist« umgehen. Selbst der Künstler wird nicht auf diesen Begriff reduziert. Seine Überschreitung im Sujet ist in der übergeordneten Überschreitung »Kunst« eingehüllt und damit der Benennung entzogen. Ist von Benennung befreit.

Im Verweis des Sujets der nackten Frauenkörper auf alle Frauenkörper muss ich dann in der Buchhandlung in Würzburg im gefräßigen Blick des Mannes von der Straße auch meine Würde gemeint sehen. Ich muss rasch weggehen, weil die Gefahr zu reagieren groß ist. Zu reagieren missverständlich wäre. Und am Ende nur die Diagnose Prüderie stünde, die nicht stimmte, weil es mich natürlich überhaupt nicht interessiert, wie eine oder einer sich konstituieren will. Ich will nicht hineingezogen werden. Was aber bei der derzeitigen alltagspolitischen Situation bei intaktem patriarchalem Blick unmöglich ist.

In Wien fand vor kurzer Zeit die sexuelle Befreiung der Frau statt. In der Secession. Eine Fotografin saß in der Badewanne. Nackt. Und onanierte. Die Kritik war begeistert. So sähe ein weiblicher Beitrag zur bildenden Kunst aus, wurde geschwärmt. Die junge Frau selbst gab in Interviews einen Bericht von dem Gefühl der Freiheit und der weiblichen Überlegenheit ihres Orgasmus vor Männeraugenpaaren.

Die Zuseher wieder, und wieder traf ich nur Männer, die anwesend gewesen waren. Die Männer wieder sagten, dass es »klasse« gewesen wäre. Auch in diesem Fall könnte angenommen werden, dass die junge Fotografin in der Überschreitung ihrer Performance einen Schritt ihrer Selbstkonstruktion macht. Möglicherweise ist der Videofilm davon eine Erinnerung. Aber nur für sie. Was aber war dieser Augenblick für die Teilnehmer und was ist er für Betrachterin und Betrachter des Videos? Eine Frau, die onaniert. Die Bewusstseinsänderung der Akteurin drückt sich nicht aus (hier sehnt man sich nach der differenzierten Kühnheit einer Valie Export). Kann sich nicht ausdrücken. Die Aussage der Akteurin, sich in eine andere sexuelle Dimension katapultiert zu haben, findet keinen Ausdruck. Der Vorgang des Onanierens bleibt im Allgemeinen. Keine Geschichte eines Besonderen wird erzählt.

Wieder kann das Lesen dieses Videos, in die Konvention »Kunst« verschoben, ungehindert konsumiert werden. Und wird es so. »Jetzt weiß ich endlich, wie ihr das wirklich macht«, sagte mir strahlend ein Vernissageteilnehmer. Diesem Kunst-Werk kann er mehr glauben als den Pornos. Der Selbstpreisgabe unter den durchaus marktorientierten Zusammenhängen eines Kunstbetriebs unter der Etikette »Kunst« kann dieser Mann Authentizität abgewinnen. Wahrheit. Sogar. Im Porno, so vermutet er im Gespräch, würden die Frauen ja doch immer schwindeln.

Es liegt einmal mehr ein Sprachproblem vor. Die Formulierung der Aussage »Ich konstruiere meine Sexualität«, die beiden Beispielen zugrunde liegt, gilt als Aussage immer nur für die auf Bild und Video dargestellten Frauen. Da sie sich nun formal widerspruchslos abbilden lassen, werden die Sinneinheiten dieser Darstellung konventionell entschlüsselt. Hingabe an die Darstellung und an den patriarchalen Blick auf diese Darstellung. Im Lesen kommt der Selbsthass ins Spiel. Die Vermutung, diese Hingabe geschähe, den Mangel an Selbst auszufüllen. Im Hass auf diesen Mangel, sich gleich aufzugeben. Zuzugeben, der patriarchale Blick habe ein Recht, auf dem Bild zu liegen.

Es liegt ein ähnliches Phänomen vor, wie bei den Autorinnen der Gothic Novel im Englischen. Es wird vielfach nachgewiesen, dass diese Autorinnen sich den männlichen Blick borgen. Ihn erobern. Ihn für sich reklamieren. Sie richten diesen Blick dann besonders gekonnt auf vergewaltigungsfreudige mordlüsterne Monster und auf die weiße Frau. Das blasse Mädchen, das erst in Ohnmacht verfallen auf die Chaiselongue drapiert wird und später in noch tiefere Blässe verfallen auf dem Bett tot liegen wird. Dort. So liegend ist das bleiche Mädchen dem Blick der Männer im Roman hingebreitet. Und dem Blick des Monsters. Des Monstermannes.

Von der Autorin angeleitet, wird dieser Blick der Blick des Lesers und der Leserin. Die Autorin hat sich in einer Überschreitung ihrer Grenzen diesen Blick genommen. Sie hat darin ein Selbst konstruiert. Ist in der Maske dieses Blicks anwesend. Die Leserin wie der Leser sind einmal mehr im patriarchalen Blick unterwiesen worden. Die Leserin ist einmal mehr in ihre Grenzen verwiesen worden. Wird es bei jedem Lesen wieder. Ein Vorgang, den der Trivialroman weiter nachstellt. In seinen Mutationsformen der Fernsehserie etc.

Viele Autorinnen dieses Genres beschreiben auch heute noch die beglückende Befreiung durch das Schreiben, während die Leserinnen auf die basalsten patriarchalen Konventionen verpflichtet werden.

Für mich gibt es in der Frage der öffentlichen Äußerung und Präsenz von Frauen aus allen Bereichen in diesen Beispielen eine moralische Frage zu lösen. Die Frage, ob es möglich sein kann, dass der Wunsch auf Selbstdefinition oder Befreiung einer Person in einer Sprache erfolgen soll. Kann. Darf.

Die zumindest missverständliche Lesarten zulässt, die einen so vermutbaren Selbsthass allen anderen Frauen zuweist und darin den Blick des Patriarchats neuerlich und wiederum in seine Rechte einsetzt.

Es werden wohl in all diesen Aussagen die Selbstdefinitionsrechte und Befreiungsmaßnahmen aller anderen als Grenze des eigenen Entwurfs anzusehen sein. Zu fragen ist hier natürlich auch nach dem Geschichtsverlust der Frauenbewegung darin selbst. Warum nicht einmal in der Kunst sich eine Tradition entwickeln konnte, die historisch begründet weitergearbeitet hätte. Wie gesagt. Valie Export und Carolee Schneeman hatten gültige Lösungen gefunden, die ein Sich-weiter-Äußern ermöglicht hätten. Vielleicht wäre daraus dann sogar etwas wie eine Sprache zu finden gewesen. Eine Sprache, in der die Konstruktion von Selbst wirklich zu reden gewesen wäre.

Steter Geschichtsverlust begleitet die Frauenbewegung. Hier stellt sich wiederum die Frage, ob dieser Geschichtsverlust nicht ein konstituierender Bestandteil der Frauenbewegung ist. Ein Selbstauslöschungsmechanismus. Ein Selbstauslöschungssystem. Ein automatisch funktionierendes Selbstauslöschungssystem. Die Geschichte der Beauvoir-Rezeption allein führt die Mühsal des Immer-wieder-neu-bergen-Müssens vor.

»Ich kämpfe also gegen alle, die mich zum Schweigen bringen, die mich daran hindern wollen, mich auszudrücken, zu sein.« Ich zitiere aus Beauvoir, »Pyrrhus und Cineas« in »Soll man de Sade verbrennen?«

Es geht um diesen Kampf. Mit welchen Mitteln er geführt werden kann. Muss. Und welche Mittel den Kampf der Nächsten behindern. Welche Sprachen wie entworfen werden können, den Ausdruck jeder einzelnen um Sein ringenden Person bilden zu können und keine Beschränkung der anderen, um Ausdruck kämpfenden Person zu sein. In Kunst und Literatur müsste darin viel radikaler diskutiert werden. Ich sehe kaum einen Ansatz in dieser Richtung. Es geht natürlich auch darum, wie Erreichtes aufbewahrt werden könnte. Ohne eine Diskussion darüber treten nur immer wieder und neuerliche Verluste auf. Wunderbare Lösungen gehen verloren, die aufgrund einer Beschränkung der Einschränkung anderer vordergründig unscheinbar daherkommen. So auftreten müssen. Die aber jenen Spielraum freigeben. Ja. Im Idealfall herstellen.

In dem am Beispiel einer Äußerung, sei dies nun in der Kunst, Literatur, Musik, Wissenschaft und jedem cross over davon, eine eigene Sprache des Selbst gefunden werden kann. Und eben nicht in die unwägbaren Tiefen vorgeschriebenen Selbsthasses führen. Und sei es nur in der Nachahmung einer Verächtlichkeit männlicher Moderne. Simone de Beauvoirs Texte waren für mich immer diese Möglichkeit nachzulesen.

(Quelle: Streeruwitz, Marlene (2000): Selbst. Hass. Selbst. - In: Man wird nicht als Frau geboren : 50 Jahre nach dem "Anderen Geschlecht" ziehen Schriftstellerinnen und Politikerinnen gemeinsam Bilanz: Wo stehen die Frauen heute? - Schwarzer, Alice [Hrsg.]. Köln : Kiepenheuer & Witsch, S. 94 - 103)

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