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Warum uns Geschichte angeht

Gerda Lerner

Gerda Lerner, Historikerin, gilt international als die Pionierin der Frauengeschichtsforschung. Sie hat vor allem zum Rassen- und Geschlechterproblem veröffentlicht und sich in diversen wissenschaftlichen Organisationen engagiert. Anfang der 80er Jahre war sie als erste Frau Präsidentin der »Organization of American Historians«. Gerda Lerner kam 1920 in Wien zur Welt und mußte 1939 als Jüdin in die USA emigrieren. Sie beginnt ihr Geschichtsstudium erst nach einer langen »Familienphase« und lehrt ab 1965 Geschichte. 1986 veröffentlichte Lerner ihre Pionierstudie »Die Entstehung des Patriarchats«.

Alle Menschen machen Geschichte. Wir stellen uns anderen Menschen durch unsere Lebensgeschichten vor. Im Laufe unseres Lebens ändert sich diese Geschichte durch neue Interpretationen, neue Betonungen. An verschiedenen Lebensstadien betonen wir die Momente, die entscheidend für unseren Lebenslauf waren, unterschiedlich, und dadurch geben wir diesen Geschehnissen neue Bedeutung. Man denkt natürlich nicht, dass man durch so etwas Geschichte macht, man handelt einfach, ohne bewusste Einsicht. Man lebt sein Leben, man erzählt seine Geschichten. Das kommt einem so natürlich vor wie das Atmen.

Unsere Selbst-Vorstellung, die Art und Weise wie wir uns der Welt vorstellen, zeigt sich in der Form unserer Lebensgeschichte. Unsere Erinnerungen – die, die wir als wichtig ansehen und die, die wir übersehen und vergessen – beeinflussen unser Leben, indem wir auf ihnen unsere Zukunftspläne aufbauen. Wenn wir uns als Opfer der Umstände definieren, als machtlos vor Kräften, die wir weder verstehen, noch kontrollieren können, dann werden wir vorsichtig zu leben suchen, Konflikte vermeidend, um Verletzungen vorzubeugen. Wenn wir uns als geliebte, geschätzte, gut verankerte Menschen empfinden, dann werden wir mutig leben und Anforderungen und Schwierigkeiten mit Zuversicht anfassen und überwinden.

Geschichte, diese Geistes-Erfindung, dieses Hirn-gesponnene Konstrukt, kann unser zeitbegrenztes Leben verlängern, ihm Bedeutung geben und unser Einzelleben in der Gemeinsamkeit verwurzeln. Geschichtliches Denken gibt uns Perspektive in Bezug auf unser Einzelleben, dessen Kürze wir überwinden können, indem wir uns mit den Generationen, die vor uns kamen, identifizieren und jene, die uns überleben werden, bedenken. Historisches Denken ermächtigt uns, weiter zu sehen als nur in die Gegenwart, höher zu streben und zu zielen. Historisches Denken hat uns vom magischen und mythischen Denken zu rationeller Abstraktion geführt. (...)

Um besser zu verstehen, warum uns Geschichte angeht, sollten wir die zwei menschlichen Gruppen beobachten, die am längsten in der Welt marginalisiert und unterdrückt wurden: Frauen und Juden. Die Verfolgung der Juden beginnt mit ihrer Sklaverei in Ägypten, spät im zweiten Jahrtausend vor unserer Zeit. Die Unterdrückung der Frauen ist so alt wie die Institution des Patriarchats, das wir als im Nahosten etabliert in der Mitte des ersten Jahrhunderts vor unserer Zeit datieren können. Obwohl die Chronologie der Unterdrückung der beiden Gruppen ziemlich ähnlich ist, sind sie doch grundverschieden. Frauen sind immer die Hälfte jeglicher Bevölkerung; Juden waren immer nur eine kleine Minorität. Frauen waren immer voll assimiliert innerhalb der Gruppe, die sie unterdrückt hat, während Juden oft ausgeschlossen und marginalisiert waren. Frauen sahen ihre Unterdrückung als »natürlich« an, da sie durch Familie, Staat und Religion Ausdruck fand. Juden wussten immer, dass ihre Unterdrückung von seiten einer anderen Gruppe, also von Nichtjuden, ausgeübt wurde und entwickelten daher einen Widerstand auf Grund von Gruppenzugehörigkeit, Religion und Nationalismus. Aber der wichtigste Unterschied zwischen den beiden Gruppen ist, meiner Meinung nach, deren Einstellung zur Geschichte.

Juden waren zunächst hebräische Sippen und später eine Bevölkerung in einem jüdischen Königreich und unterschieden sich von ihren Nachbarn nur durch ihre Religion. Nach der babylonischen Gefangenschaft und in der Diaspora wurden sie eine Religionsgruppe mit einer besonderen Geschichte, die sie von anderen Gruppen unterschied. Sie waren sich von langher ihrer besonderen Beziehung zur Geschichte bewusst und bauten dieses Bewusstsein in ihr religiöses Ritual ein. Die Erzählung von ihrer Sklaverei in Ägypten und ihrer Befreiung ist ein Teil der jährlichen Feier von Pessach; das alljährlich wieder aufgeführte Drama von Königin Esther und der Kampf mit dem Bösewicht Haman, der ihr Volk unterdrückt, ist der Schwerpunkt der Purimfeier; und die Geschichte der Makkabäer-Siege über die babylonischen Unterdrücker ist wesentlich für die Feier des Chanukka-Festes.

Man könnte wohl sagen, dass die jüdische Religion, mit ihrem theologischen Zielpunkt auf das Kommen des Messiah gerichtet, Geschichte in die Religion eingebaut hat, wie keine Religion je vorher. Also war für Juden ihre Geschichte, wenn sie voll mit Verfolgungen und Unterdrückung war, auch eine Geschichte des ständigen und heldenhaften Widerstandes. Für Juden war die Geschichte ein Mittel zur Selbsterhaltung des Volkes.

Wie anders war das für Frauen... Frauen lebten in einer Welt, in der die Frauen der Vergangenheit anonym, unsichtbar und deshalb für beide Geschlechter der Gegenwart unwichtig waren. Jahrtausendelang wurden Frauen erzieherisch benachteiligt und so behindert, dass sie von dem intellektuellen Werk der Kulturbildung fast völlig ausgeschlossen waren. Die einzige Art und Weise, wie sie auf die Institutionen wie Kirche, Gesetz, Staat und Militär wirken konnten, war vom Rand her, durch Einfluss, durch die Vermittlung von Männern, nicht durch autonome Macht. Die Ausnahmerolle, die ihnen Macht gab, war die der Elite-Frauen, die als Surrogate für abwesende Männer an deren Stelle herrschen durften. Und Frauen konnten nie die Welt begrifflich definieren, philosophische und wissenschaftliche Erklärungssysteme aufbauen.

Trotzdem waren Frauen immer aktiv, konstruktiv und wesentlich an dem Bilden und der Erhaltung jedweder menschlichen Gesellschaft beteiligt. Sie waren niemals Marginale, obwohl die Mythen der patriarchalischen Geschichtsschreibung sie so umdefiniert haben. (...) Indem man ihnen das Wissen der eigenen Geschichte entzog, beraubte man die Frauen ihrer Heldinnen – und Rollenmuster. Nicht wissend von ihrer Geschichte des Widerstandes und der Gegeneinstellung bauten die Frauen die patriarchale Ideologie in ihr eigenes Denken ein und verstärkten und unterstützten sie, indem sie sie ihren Kindern beiderlei Geschlechts beibrachten.

Die winzige Minorität der Juden, die über Jahrtausende von einem Land zum anderen gehetzt und ver- folgt wurde, deren Führer und Weise getötet wurden und die dann noch im 20. Jahrhundert dem schlimmsten, wissenschaftlich-organisierten Genozid unterlagen, überlebten dennoch und bauten sogar noch einen Staat auf. Aber Frauen, die Hälfte der Menschheit, die unterdrückt, ökonomisch und intellektuell benachteiligt waren, oft der Gewalt ausgesetzt, konnten ihre eigene Unterdrückung nicht begreifen und brauchten bis zum 19. Jahrhundert, bis sie sich dagegen organisieren und aktiv einsetzen konnten.

Menschen, die keine Geschichte haben, sehen sich selbst und werden von anderen nicht als voll menschlich betrachtet. Des Geschichtsbewusstseins beraubt, können sie ihre eigene Lage nicht richtig verstehen und nehmen dann an ihrer eigenen Unterdrückung teil. Wenn man eine Geschichte hat, geht es einen wirklich an.

Jüdische Geschichte in der Diaspora ist die Geschichte eines Volkes ohne geographisches Zentrum, ohne Land; eines Volkes, das periodische Zyklen von Assimilierung und Vertreibung von verschiedenen Ländern und Kulturen erlebt hat. Jeder jüdische Mensch – Mann, Frau und Kind – trägt die Bürde dieser Geschichte in seiner Psyche, in seinem Gedächtnis. Es ist gerade das Wissen ihrer historischen Ver- folgungen und Diskriminierung, das im Gedächtnis sogar der am meisten assimilierten Juden, derer im Deutschland der Weimarer Republik oder in der früheren Sowjetunion, eingeprägt ist, das sie von ihren Nachbarn unterscheidet. Was Hebräer als »Juden« fixiert, ist ihre geschichtsbedingte Lebenserfahrung und Selbstdefinition.

Das ist ganz ähnlich so für Frauen. Zwischen Frauen und Männern gibt es nicht nur einen physischen, biologisch begründeten Unterschied, es gibt auch einen geschichtlich bedingten. Über 4000 Jahre patriarchalischen Herrschens lang wurden Frauen vom Regieren und der Politik abgehalten, sie wurden erzieherisch benachteiligt, sie wurden diskriminiert in Bezug auf die Ressourcen der Gesellschaft und wurden als Abhängige dressiert. Erst in den letzten 200 Jahren war es Frauen möglich, unabhängige Organisationen zu schaffen und gegen diese Einschränkungen und Behinderungen kollektiv zu kämpfen, immer gegen großen Widerstand.

Die lange Tradition der Hilflosigkeit, Unmündigkeit und Ausschaltung von den politisch wichtigsten Institutionen jeder Gesellschaft haben in Frauen ein psychologisches Erbe, eine Einstellung hinterlassen, die anders ist als die der Männer. Sie findet ihren Ausdruck in einer weiblichen Denk- und Handlungsweise, einer Frauenkultur. Frauen, die für das Patriarchat dressiert wurden, leben nicht in einem Naturzustand, und manche haben die männliche Handlungs- und Denkweise so völlig eingenommen, dass sie von Männern nicht zu unterscheiden sind. Aber dennoch, für die große Majorität, gibt es wichtige Unterschiede. Diese sind meiner Meinung nach historisch bedingt, so wie im Fall der Juden, und sie sind viel wichtiger und ausschlaggebender als biologische Unterschiede zwischen den Geschlechtern.

Wenn Frauen ihre Geschichte finden, ihre Verbundenheit mit der Vergangenheit wiederherstellen und ihre wahre Bedeutung in der Kulturbildung richtig verstehen, wird ihr Selbstbewusstsein dramatisch verändert. Sie erleben eine Umwälzung in ihrer Weltanschauung und erkennen, oft zum ersten Mal, was sie mit anderen Frauen gemeinsam haben. Die neue Frauengeschichte ist ein gewaltiges Unternehmen: die vergessene Geschichte der Hälfte der Welt zu rekonstruieren, Frauen als aktiv Handelnde in das Zentrum der Geschichtsforschung zu setzen und, viel später noch, eine holistische Geschichte zu schreiben, in der das männliche wie das weibliche Prinzip gleichwertig einbezogen und dargestellt wird.

Die neue Frauengeschichte zeigt uns den Weg aus dem »kollektiven Vergessen« und sucht Anerkennung der unterschiedlichen Lebensweisen und Lebenserfahrungen verschiedener Menschengruppen, ohne Hegemonie. Nur wenn unser Erinnern allumfassend ist, können wir das System der Halbwahrheiten, der Stereotypen, der Lügen, aus welchen Sexismus, Klassenhass, Rassenhass und Antisemitismus immer wieder neu geboren werden, von Grund auf bekämpfen.

Nun kommen wir an den Anfangspunkt zurück. Wir leben unser Leben, wir erzählen unsere Geschichten. Die Toten leben weiter in der Wiederauferstehung, die wir ihnen geben, indem wir ihre Geschichte erzählen. Die Vergangenheit wirkt auf unsere Gegenwart ein und bedingt unsere Zukunft. Wir bauen als Einzelmenschen und in Gemeinschaft mit anderen an der Bildung der Menschengesellschaft, und wir versuchen kontinuierlich, unserem Unternehmen Bedeutung zu geben. Mensch sein heißt fühlen und denken, Mensch sein heißt die Vergangenheit zu überblicken und in die Zukunft zu streben. Wir erleben etwas, geben diesem Erlebnis Ausdruck und Form, andere denken darüber nach und finden eine neue Form dafür. Diese neue Form beeinflusst ihrerseits die Art und Weise, wie die nächste Generation ihre Welt versteht.

Das sind die Gründe, warum Geschichte uns angeht.

(Quelle: Lerner, Gerda (2000): Warum uns Geschichte angeht. - In: Man wird nicht als Frau geboren : 50 Jahre nach dem "Anderen Geschlecht" ziehen Schriftstellerinnen und Politikerinnen gemeinsam Bilanz: Wo stehen die Frauen heute? - Schwarzer, Alice [Hrsg.]. Köln : Kiepenheuer & Witsch, S. 123 - 130) 

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