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Wie aktuell ist Simone de Beauvoir?

Elisabeth Badinter

Elisabeth Badinter, Philosophin und Schriftstellerin, gilt als eine der geistigen Nachfolgerinnen von Simone de Beauvoir. Ihre Bücher kreisen um das Verhältnis zwischen den Geschlechtern und Geschlechtsidentität, d. h. die Konstruktion von »Weiblichkeit« und »Männlichkeit«.  Sie ist Tochter eines bekannten Verlegers und verheiratet mit dem sozialistischen Ex-Justizminister Robert Badinter, mit dem sie drei Kinder hat. Betroffen als Frau und Jüdin, ist Badinter eine entschiedene Verfechterin der universellen Menschenrechte, die für sie unteilbar sind. In der französischen Schleieraffäre bezog sie Position gegen den Schleier in der Schule (»Der Schleier verstößt gegen die Menschenrechte«); und sie tritt u.a. offensiv für die Legalisierung der Homo-Ehe ein. Zur Zeit lehrt Badinter Philosophie an der Pariser Eliteschule Ecole Polytechnique.

Als ich vor 13 Jahren für eine französische Zeitschrift den Nachruf auf Simone de Beauvoir schrieb, endete ich mit den Worten: »Liebe Simone de Beauvoir, ruhen Sie in Frieden, Ihre Töchter werden Sie nicht vergessen ...«. Und was ist heute, 13 Jahre später? Liest man heute eigentlich noch Beauvoir? Genauer gefragt: Was hat ihr Werk einer jungen 20-jährigen Frau, ob engagierte Feministin oder nicht, im Jahr 2000 zu bieten? Ich möchte - auch wenn dieses Vorgehen vielleicht ein wenig willkürlich anmutet - das Phänomen Simone de Beauvoir mit drei Schlagworten umreißen: ein Leben, eine Philosophie, ein Anspruch.

Ein Leben

In unseren entkirchlichten und demokratischen Gesellschaftssystemen kann jeder, sofern er oder sie nicht Gefangener der Armut oder auf andere Weise ausgeschlossen ist, mit zwanzig durchaus einmal davon träumen, aus seinem oder ihrem Leben ein Meisterwerk zu machen. Ich sage mit Bedacht »träumen«, denn es gibt nur wenige, die nicht wie Simone de Beauvoir mit fünfzig feststellen: »Ich wurde betrogen.« Wer kann, wenn die Stunde der Bilanz gekommen ist, schon von sich behaupten, ans Ziel gelangt zu sein, also alle seine Jugendideale ohne Konzessionen, ohne Kompromisse und ohne über die Fallstricke des Schicksals zu stolpern verwirklicht zu haben.

Simone de Beauvoir hatte die Latte sehr hoch gehängt. Sie wollte mit höchster Intensität alles Lebensglück erfahren und sich zugleich selbst in ihrem Lebenswerk verewigen. Sie machte ihr Leben zum Thema ihrer Arbeit. Dieses Leben ist vielleicht nicht das erhoffte Meisterwerk geworden, aber ganz gewiss ist es ein außergewöhnliches Werk.

Alle ihre großen Bücher sind autobiografisch. Zu den vier zwischen 1958 und 1972 erschienenen »Memoiren einer Tochter aus gutem Hause«, »In den besten Jahren«, »Der Lauf der Dinge« und »Alles in allem« muss man auch die Geschichte des Todes ihrer Mutter »Ein sanfter Tod« (1964) und »Die Zeremonie des Abschieds« (1981) zählen, die meiner Meinung nach genauso viel über sie selbst aussagen wie über ihre Mutter oder Sartre. Und schließlich weiß jeder, dass ihre beiden schönsten Romane, »Sie kam und blieb« (1943) und »Die Mandarins von Paris« (1954), ebenfalls weitgehend autobiografisch sind.

Einzig »Das andere Geschlecht« (1949), das sich als wissenschaftlicher Essay präsentiert - man machte ihr damals heftige Vorwürfe, sie habe sich von ihrem Thema, der Frau, distanziert -, scheint bei dem biografischen Unterfangen aus der Reihe zu tanzen. Tatsächlich hatte sie, wie sie Sartre anvertraute, bevor sie zu schreiben begann, zunächst an ein persönliches Bekenntnis gedacht, dieses Projekt aber dann zugunsten der Frauenfrage im Allgemeinen fallen gelassen.

Das Leben von Simone de Beauvoir, wie wir es in ihren Büchern entdecken, war für mehrere Generationen von Frauen ein Lehrstück in Sachen Selbstbefreiung. Wenn auch niemandem das Leben eines anderen Menschen hundertprozentig als Modell dienen kann, so ermunterte Beauvoir ihre Leserinnen doch, ebenfalls zu versuchen, den Käfig zu öffnen, indem sie bis dahin eingesperrt waren. Sie wandte sich von den alten patriarchalen Normen ab, widersetzte sich dem zwingenden Schicksal von Heirat, Mutterschaft und Haushalt und nahm einen Platz unter den berühmtesten Autoren ihrer Zeit ein. Es war also auch für »das andere Geschlecht« möglich, sich von gesellschaftlichen Konventionen abzuwenden, scheinbar natürliche Einschränkungen nicht zu akzeptieren und Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen, wie es bis dahin nur die Männer tun durften.

Beauvoirs Vorgabe war zweifelsohne ein kräftiger Emanzipationsmotor für Millionen Leserinnen, und das Paar, das sie mit Sartre bildete, war in den Augen meiner ZeitgenossInnen beispielhaft für die Gleichberechtigung der Geschlechter - wie viel Frustration und Leid sie auch immer erlebt haben mögen. Aber, so mag man fragen, inwiefern kann dieses Leben immer noch beispielhaft für die jüngeren Generationen sein - in den Zeiten von Pille und abtreibungsfreundlicher Gesetzgebung, wo doch Heirat nur noch eine Möglichkeit von vielen für ein Paar ist und die überwältigende Mehrzahl der Frauen in der westlichen Welt den Arbeitsmarkt erobert hat, wo sie jeden Tag beweisen, dass sie ganz gut für sich selbst sorgen können, ohne jemandem Rechenschaft darüber ablegen zu müssen?

Im Jahre 1980 schien es, als sei alles erreicht, wofür Simone de Beauvoir kämpfte, oder es würde spätestens in den nächsten zehn oder zwanzig Jahren erreicht sein. Ist ihr Beispiel also nicht längst überholt und ihr Leben keine Lektion mehr? Das glaube ich nicht. Denn den Kampf, den sie so leidenschaftlich geführt hat, könnte sie heute genauso weiterführen: Es ist der Kampf gegen Voreingenommenheit und vorherrschende Meinung, gegen das, was man heute political correctness nennt.

Sicher, die Vorurteile des Jahres 2000 unterscheiden sich von denen der Nachkriegszeit, und die patriarchale Ideologie hat an Gewicht und Schärfe verloren. Aber die Mystifizierung der Frau, die Beauvoir so entschieden zurückwies, ist seit 20 Jahren wiederschleichend auf dem Vormarsch, diesmal unter der Federführung von Frauen, die sich Feministinnen nennen. Die Mutterschaft und die besonderen weiblichen Eigenschaften wie Sanftmut, Altruismus oder Friedfertigkeit wieder hervorzukehren, ist bei den Sittenwächtern, Sittenwächterinnen muss ich sagen, wieder groß in Mode.

Das ganze Leben Simone de Beauvoirs bezeugt ihre Verachtung gegen die vorherrschende Meinung gegenüber allem, was man für »richtig« hält - und in dieser Hinsicht können wir in der Tat von ihr lernen.Für sie war es mit Sicherheit viel schwieriger, sich der Mutterschaft mit allem, was dazugehört, zu verweigern, und es war selten in dieser Zeit, dass eine Frau den Griff nach der Freiheit riskierte, noch dazu für eine intellektuelle Karriere auf der Suche nach emotionalem und physischem Glück.

Wenn wir jedoch nicht wachsam sind, werden sich unsere Töchter und Enkelinnen bald wieder eingeschlossen in der Ideologie vom ewig Weiblichen wiederfinden, angehalten, Kinder zu bekommen, sie zu stillen und sich ihnen zu widmen - sonst werden sie als »vermännlichte« Frauen, »Verräterinnen« ihres eigenen Geschlechts und ihrer Mütter, kurz »Mannweiber«, beschimpft werden, wie ich es vor ein paar Monaten wiederholt in der Zeitung »Le Monde« las - aus der Feder einer der berühmtesten Feministinnen Frankreichs.

Vermännlichte Frau, vertrocknete Intellektuelle, Mannweib, all das hat sich Simone de Beauvoir ein Leben lang anhören müssen - und hat es vollkommen zu ignorieren gewusst. Damals kamen solche Angriffe nur aus dem männlichen Chauvilager, die Generation der jungen Frauen aber war solidarisch mit Beauvoir. Heute jedoch werden dieselben Worte von so genannten Feministinnen verwendet; und indem sie werten, beschwichtigen und Schuldgefühle schüren, könnten sie möglicherweise die Töchter der jungen Generation infizieren, die mit ansahen, wie sich ihre feministischen Mütter in Kämpfen verausgabten, wovon in erster Linie sie, die Töchter, profitierten. Der Konformismus ist derselbe wie vor 50 Jahren, aber von Frauen betrieben offenbart er ein oftmals noch schrecklicheres Gesicht.

All den jungen Frauen, die heute 20 Jahre alt sind, kann man darum gar nicht genug ans Herz legen, Simone de Beauvoir zu lesen! Nicht nur, weil sie in ihrer Autobiografie ein Vorbild für Kampfesgeist und unabhängiges Denken finden, sondern auch, um einzutauchen in die Philosophie der Freiheit des »Anderen Geschlechts«.

Eine Philosophie

Mir ist alles bekannt, was gegen »Das andere Geschlecht« vorgebracht wurde, dieses »veraltete Werk«, das mit den intellektuellen Mitteln seiner Zeit die gegenwärtige Realität analysieren will. Ich zitiere nur die häufigsten Anklagepunkte: Überschätzung der Männer; Unkenntnis der Frauengeschichte; Fehleinschätzung oder Missachtung der Weiblichkeit; Abschaffung des Unterschieds zwischen den Geschlechtern; Werk einer bürgerlichen Intellektuellen aus Saint-Germain-des-Prés, die vorgab, über alle Frauen zu schreiben, sich jedoch nur mit denen ihres Milieus und ihrer Klasse befasst; ein Buch, das die Frauen vermännlicht und entfremdet; Genozid der Frauen etc. etc.

Ich habe selbst darauf hingewiesen, dass die besonderen Eigenschaften der psychologischen Weiblichkeit im »Anderen Geschlecht« unterschätzt werden, Eigenschaften, die nicht nur weiblich sind, wie eine ungenaue, verwinkelte Sprache glauben machen kann; sie sind ebenso wie die männlichen Eigenschaften zum Überleben nötig, reichen aber allein nicht aus. Ich erkenne also durchaus, dass »Das andere Geschlecht« auch Fehler oder Unzulänglichkeiten aufweist und seine Grenzen hat.

Dennoch scheint mir die ihm zugrunde liegende philosophische Botschaft von noch brennenderer Aktualität als vor 14 oder 20 Jahren zu sein. Diese Botschaft ist einfach und lässt sich in ein paar Sätzen umreißen: Wir müssen uns vor dem Argument der »Natürlichkeit« hüten, das eher der Entfremdung, denn der Befreiung der Frauen dient. Im Namen der sakrosankten Natur sollen wir reduziert und ausschließlich unseren biologischen Aufgaben unterworfen werden. Und diese Unterwerfung steht im Widerspruch zur Freiheit des Menschen und dem unantastbaren Recht, selbst über sein Leben bestimmen zu können.

Beauvoirs berühmte Worte »Man wird nicht als Frau geboren, man wird es«, weisen darauf hin, dass das, was man im Jahre 1949 unter der »Natur der Frau« verstand, eher auf das patriarchale Frauenbild zurückging als auf die Natur selbst, die in diesem Fall als »cache-sexe« und Alibi für eine unterdrückerische Politik gegen Frauen diente. Weil Frauen eine Gebärmutter haben und Kinder austragen können, muss unweigerlich der ganze Rest folgen: Heiraten, Kinder kriegen, den Haushalt führen, die Kinder erziehen, passiv wie die Eizellen, im Haus eingesperrt wie die Nonne im Kloster, abhängig vom Ehemann, masochistisch, einfältig . . . - kurz und gut: Weibchen sein statt Frauen!

Es ist richtig, dass Simone de Beauvoir sich, wie man ihr oft vorgeworfen hat, auf einen sehr radikalen Kulturalismus berufen hat, um diese patriarchale Mythologie zu bekämpfen. Aber dank dieses Kulturalismus (Anm. d. Hrsg.: die Annahme, dass der Mensch kein Naturwesen, sondern ein Kulturwesen ist), damals eng verknüpft mit der marxistischen Philosophie, haben die Frauen der westlichen Welt in den 70er Jahren ihre größten Siege errungen: die Pille, das Recht auf Abtreibung, gesetzliche Gleichstellung mit den Männern. Dank dieser Philosophie konnten die Frauen die uralten Vorurteile wie den berüchtigten Mutterinstinkt in Frage stellen, die unvermeidliche Abhängigkeit der Frau vom Mann, die durch die Heirat eine finanzielle wie soziale ist. Zu dieser Zeit konnte man wirklich glauben, Beauvoir habe gewonnen, und der lange Marsch in Richtung Gleichberechtigung sei nur noch eine Sache von Jahren, schlimmstenfalls eine Sache von einer Generation.

Doch drei Gegebenheiten haben die Frauenbewegung beträchtlich verlangsamt. Die erste ist eine ganz normale Tatsache, die allerdings unterschätzt wurde: Es ist die Schwierigkeit, die männliche Haltung zu ändern, und es ist der taube Widerstand der Männer gegen die Gleichberechtigung, die ihre Vorstellungswelt durcheinander bringen würde. Die beiden anderen Ereignisse, mit denen niemand rechnete, haben, da der Marxismus und mit ihm ein Großteil unserer kulturalistischen Philosophie gestorben ist, die Ideologie der westlichen Welt stark verändert.

Das erste destabilisierende Ereignis ist die seit 20 Jahren herrschende Wirtschaftskrise. Sie traf die Frauen besonders hart, die das größte Bataillon unter den Arbeitslosen stellen und ein Verhalten des Rückzugs auf alte Positionen an den Tag legen, ich würde fast sagen, auf archaische Positionen. Viele Frauen, die keine Arbeit finden können, haben sich wieder in das mütterliche Ideal geflüchtet, wobei sie in den 90er Jahren kräftig durch eine familienorientierte Politik unterstützt wurden. Ich erinnere mich, dass wir in Frankreich zwischen 1994 und 1995 nicht viele waren, die gegen die Entscheidung der rechten Regierung protestierten, Frauen, die zur Erziehung der Kinder zu Hause blieben, drei Jahre lang ein Erziehungsgeld zu gewähren. Was kam dabei heraus? Laut einer aktuellen Studie konnten alle diese Frauen nach den drei Jahren Erziehungsurlaub keine neue Arbeit mehr finden.

Der fehlende wirtschaftliche Aufschwung hat unsere Ambitionen und Hoffnungen geschmälert und einen guten Teil unseres Kampfgeistes ausgelöscht. Nicht genug mit dem alltäglichen Kampf gegen die männliche Trägheit hinsichtlich der Aufgabenteilung, nein, es verschärfte sich auch noch der ebenso alltägliche Kampf um die Jobs, darum, sie zu behalten und respektiert zu werden. Natürlich sind die Frauen erschöpft, verbittert und entmobilisiert.

Auf dieser Grundlage hat der letzte Auswuchs einer biologistischen Ideologie erneut aufkeimen und gedeihen können. Weil die Gesellschaft uns nicht einmal mehr das Minimum des Erhofften zusichern kann, scheint die Rückkehr zur Natur der Weisheit allerletzter Schluss zu sein. Zu alldem kam noch Tschernobyl, die Entwicklung eines ökologischen Bewusstseins. Und: die Geburt eines separatistischen und differenzialistischen Feminismus, vom wachsenden Skeptizismus gegenüber den politisch Verantwortlichen im Westen gar nicht erst zu reden.

In der Konsequenz hat in Frankreich schleichend, in anderen Ländern ganz offen, die Mystifizierung der Frau erneut Fuß gefasst, und zwar mit fast denselben Parolen wie denen, die Beauvoir immer bekämpft hat. Die Mutterschaft ist wieder ins Zentrum der weiblichen Fähigkeiten gerutscht, der Mutterinstinkt wird nicht einmal mehr in Frage gestellt, und allerorten erinnert man die Frauen an ihre heilige Mutterpflicht, ihre Babys so lange wie möglich zu stillen.

Zur Verdeutlichung will ich den Erlass anführen, der letzten Februar von unserer linken Regierung veröffentlicht wurde: Man wies Krankenhäuser und Geburtskliniken an, Mütter, die nicht stillen wollen, das Milchpulver bezahlen zu lassen, denn die Muttermilch sei nun einmal die beste Nahrung für den Säugling. Und das geschieht, ohne dass öffentlich auch nur eine Stimme gegen eine solche Zwangsmaßnahme erhoben wird, die derartig mit der Erzeugung von Schuldgefühlen operiert. Das wäre vor einigen Jahren noch undenkbar gewesen.

Das humanistische, universalistische und kulturalistische Werk von Simone de Beauvoir transportiert eine Philosophie der Freiheit, derer wir heute wieder dringend bedürfen. Denn wenn wir uns nicht vorsehen, rücken, verborgen hinter dem Neuerung verheißenden Geist des Differenzialismus, Separatismus und Biologismus, bald wieder die alten Werte des Patriarchats in den Vordergrund, was eine ganz neue Art von Sexismus hervorbringen kann. Und das geht gegen das Ziel, das sich Simone de Beauvoir – und mit ihr viele Feministinnen – in den letzten Zeilen des »Anderen Geschlecht« gesteckt haben: Um den großen Sieg der Freiheit zu erringen, ist es nötig, so schrieb sie, dass Männer und Frauen über ihre biologischen Unterschiede hinweg eindeutig ihre Geschwisterlichkeit unter Beweis stellen.

Ein Anspruch

Schließlich hat uns Simone de Beauvoir außer ihrem Leben und ihrer Philosophie auch ihr kostbarstes Vermächtnis hinterlassen: ihren Wahrheitsanspruch, der ihr befahl, der Voreingenommenheit und dem »guten Ton« die Stirn zu bieten. Sicherlich wird das hohe Ideal der vollkommenen Aufrichtigkeit von niemandem ganz erreicht, denn dazu bedürfte es einer fast unmenschlichen Leistung, und so könnte man auch Simone de Beauvoir Fehler und Verheimlichungen nachweisen. Aber trotz dieser Einschränkungen müssen wir ihr zugute halten, dass sie alles in ihrer Macht Stehende getan hat, um »die Mystifizierungen aufzulösen und die Wahrheit zu sagen«. Dieses Ziel hat sie ihr ganzes Schriftstellerleben lang verfolgt, wie sie im letzten Band ihrer Memoiren »Alles in allem« (1972) in Erinnerung ruft.

In ihrem letzten Buch »Die Zeremonie des Abschieds« (1981) erteilt sie uns noch einmal eine gewaltige Lektion in Sachen Courage; sie beschreibt Sartres körperlichen und geistigen Verfall. Schon vor der Veröffentlichung wusste sie, dass die unbarmherzige Kritik sie beschuldigen würde, mit Sartre abrechnen zu wollen, und sie des ungebührlichen und schändlichen Verhaltens bezichtigen würde. Es gibt doch tatsächlich nichts Unpassenderes und »Inkorrekteres« als vom Alter zu erzählen, vom Körper, der einen im Stich lässt und vom Geist, der zurück in die Kindheit abwandert, oder?

Nein, Simone de Beauvoir hat mitnichten mit dem Mann, den sie so sehr geliebt hat, abrechnen wollen; sie wollte einfach die Wahrheit sagen, auch über ein Thema, das in unserer Gesellschaft ein großes Tabu ist, nämlich über Alter und Tod. Kurz gesagt hat Simone de Beauvoir bis zum Ende bewiesen, wie sehr sie die »guten Sitten« verachtete, eben das, was man heute »politisch korrekt« nennt.

Heute ist es nicht mehr schockierend, wider die guten Sitten zu verstoßen, von seinen Seitensprüngen zu berichten oder von den intimsten Details der Sexualität. Aber schwierig bleibt weiterhin, ohne Rücksicht auf die Windrichtung oder jedwede Autorität zu reden und zu schreiben. Und in dieser Hinsicht bleibt Simone de Beauvoir ein Vorbild für uns, denn es gibt nur wenige, die zu sagen wagen, was die Mehrheit nicht hören will.

Schon allein wegen dieser Lektion in Sachen Freiheit und Courage werden Ihre Töchter und Enkelinnen Sie nicht vergessen, liebe Simone . . .

(Quelle: Badinter, Elisabeth (2000): Wie aktuell ist Simone de Beauvoir? - In: Man wird nicht als Frau geboren : 50 Jahre nach dem "Anderen Geschlecht" ziehen Schriftstellerinnen und Politikerinnen gemeinsam Bilanz: Wo stehen die Frauen heute? - Schwarzer, Alice [Hrsg.]. Köln : Kiepenheuer & Witsch, S. 24 - 37)

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