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Schreckgespenst Gleichberechtigung

Benoîte Groult

Benoîte Groult, Schriftstellerin, war, lange bevor sie mit ihrem Bestseller »Salz auf unserer Haut« über eine leidenschaftliche Affäre zwischen einer Frau und einem Mann berühmt wurde, in Frankreich durch ihren 1975 erschienenen Bestseller »Ainsi soitelle« als Feministin bekannt. Benoite Groult kam 1920 in Paris zur Welt und hat eine Schwester, Flora, mit der zusammen sie in den 60er Jahren ihren ersten Roman veröffentlichte. Sie arbeitete als Journalistin und lehrte Literaturwissenschaft. Jüngst veröffentlichte sie ihre Autobiografie. Groult hat drei Töchter.

Schon die Theorien von Platon, St. Augustin, Nietzsche und Freud zeigen, wie tief die Unterdrückung der Frau im menschlichen Gedankengut verwurzelt ist, und liefern auch heute noch die Rechtfertigung für patriarchale Strukturen und Frauenverachtung. Und sie gleichen sich alle in einem wichtigen Punkt: in dem Horror vor der Gleichberechtigung.

Männer haben Angst, denn sie sehen ihre Jahrhunderte alte Vormachtstellung bedroht. Frauen, die sich weismachen lassen, sie verlören mit ihrer Emanzipation und der Freiheit, selbst über ihr Leben zu bestimmen, auch ihre Weiblichkeit, haben ebenfalls Angst: Angst, dieses zwar undefinierbare, aber dennoch obligatorische »gewisse Etwas« zu verlieren, denn nur mit ihm ist ihnen - so sagt man - die Liebe der Männer sicher. Wir sind also gewarnt, dass wir dieses »Etwas«, das uns bei der Geburt verliehen wird, unter Umständen wieder verlieren können - wie einen Regenschirm etwa -, so wir uns nicht dem Idealbild der »echten Frau« entsprechend verhalten. Dieses Weiblichkeitsideal wurde komplett von Männern entwickelt und immer wieder überarbeitet und von uns Frauen vollständig verinnerlicht.

Wir vergessen heutzutage gern, wie sehr die menschliche Gedankenwelt in der gesamten Geschichte männlich geprägt war und ist. Aber man muss erkennen, wie erdrückend das Gewicht einer Theologie, einer Philosophie, einer Wissenschaft, einer Psychoanalyse, auch einer Kunstgeschichte ist, die nur von den männlichen Mitgliedern der Menschheit entwickelt und praktiziert wurde. Da ist es nicht erstaunlich, dass die Kirche - alle Kirchen -, die Wissenschaft und die Moral sich zu allen Zeiten in einer Frage einig waren: Frauen gehören besser ins Haus eingesperrt. Da ihre Minderwertigkeit - genau wie bei den Schwarzen und allen Armen auf dieser Welt - als angeboren galt, konnte man sie mit gutem Gewissen als Hausangestellte, Leibeigene oder Proletarier einsetzen.

Die Schwarzen haben mittlerweile ihre Gleichbereichtigung erreicht, wenigstens auf dem Papier. Die Proletarier haben sich vereinigt. Nur die Frauen bleiben unterdrückt und unvereint, behindert durch dieses besondere Band, das sie an ihre Unterdrücker fesselt. Nur auf sie dürfen weiterhin ungetrübt in der Mehrzahl der Länder auf dieser Erde rassistische Praktiken, die ansonsten überall ein wenig in Misskredit geraten sind, angewendet werden. Die diversen Formen der Entfremdung, denen Frauen zum Opfer fallen (Genitalverstümmelung, Prostitution etc.), sind für die Ethnologin Germaine Tillon »das massivste Überbleibsel der Sklaverei auf der Welt«. Eine Sklaverei, mit der Frauen im Interesse der dominierenden Klasse in intellektueller, gesellschaftlicher und künstlerischer Hinsicht vollends ausgelöscht wurden.

Ganz wie der Rassismus kann auch der Sexismus verheerende Ausmaße annehmen. Erinnern wir uns nur an die millionenfachen Hexenverbrennungen zwischen dem 11. und 16. Jahrhundert in Europa. Das Besondere am Sexismus aber ist, dass er sich auf eine biologische Gegebenheit stützt, und zwar auf dieselbe, aufgrund derer sich Männer zu Frauen hingezogen fühlen. Sie sind sozusagen Intimfeinde, weshalb der Kampf um Gleichberechtigung einerseits politisch weniger radikale, andererseits aber auch perversere Formen annimmt.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts änderte die Frauenfeindlichkeit ihr Gesicht, denn es gab erste furchterregende Anzeichen für die Emanzipation der Frau. Doch man schaffte es, die Frauen nach der Französischen Revolution wieder von Bord zu werfen, auch nach der Revolution von 1848. Aber da immer mehr Frauen sich dennoch Zugang zu Bildung und langsam auch zu Bürgerinnenrechten erkämpften, dämmerte es den Männern mit Grauen, dass die Frauen ihnen eines Tages wirklich gleichberechtigt sein könnten. Und das hat in Männeraugen nicht nur mit dem Teilen von Privilegien zu tun, es bedeutet vielmehr eine schändliche Niederlage.

Im 20. Jahrhundert konnte die platte Frauenfeindlichkeit, das heißt eine Philosophie der Missachtung, in ihrer bestehenden Form nicht länger praktiziert werden und wandelte sich zum raffinierten Antifeminismus. Bedenken wir, was für eine Erschütterung die Frauenbewegung dem Patriarchat in diesem Jahrhundert beschert hat, wird klar, warum der Rassismus gegen Frauen so heftig und gewalttätig ist.

Die alte Form der Frauenfeindlichkeit war patriarchal geprägt, eine manchmal gerührte Verachtung für diese kleinen, zerbrechlichen, abhängigen Wesen, die die Frauen einmal waren. Der Antifeminismus von heute hingegen kann unbarmherzig sein, denn er ist Ausdruck einer realen Angst, die ihren festen Platz in der Geschichte der individuellen und kollektiven Ängste hat. Die Frau fungiert, wie der Jude, der Fremde, der Ausgestoßene, der Landstreicher, als Sündenbock, der die abwegigsten Fantasmen und widersprüchlichsten Anklagen auf sich vereint. Was eine Frau ausmacht, ist für den Frauenfeind nicht etwa dieses oder jenes Verhalten, sondern einzig ihre so genannte »Weiblichkeit«, wie für den Antisemiten das »Jüdischsein« - ein irrationales Prinzip.

Der »gepflegte« Antisemitismus, der lange Zeit in Frankreich herrschte, wurde, so schrieb einst Sartre, für harmlos und gutartig gehalten, weshalb er ihn »salonfähigen Antisemitismus« nannte. Ebenso könnten wir von einer »salonfähigen Frauenfeindlichkeit« reden - die allerdings, ganz wie der Antisemitismus, jederzeit lebensgefährlich werden kann.

Der Antifeminismus ist eine viel schrecklichere Waffe als die alte Frauenverachtung, denn er gibt vor, den Interessen der Gesellschaft, der Familie und der Frauen zu dienen, die er glaubt, vor sich selbst schützen zu müssen. Antikommunismus, Antisemitismus und Antiklerikalismus hingegen gehören zum allgemeinen Wortschatz. Aber der Antifeminismus ist in keinem aktuellen oder alten Lexikon zu finden, weil uns jede wissenschaftliche oder historische Grundlage fehlt. Da wir nicht mal ein Wort haben, um den Tatbestand zu beschreiben, können wir den Antifeminismus nur schwer erkennen und folglich auch nicht bekämpfen.

Der Antifeminismus ist jedoch überall am Werke und schreckt vor nichts zurück. In meinem Land, das so stolz auf seine Galanterie ist (das liebenswürdige Gesicht des Sexismus), kann jede beliebige Frau als »Hure« beschimpft werden. Wenn ein Türke als »dreckiger Kanacke« beschimpft wird, gibt es ein Anti-Rassismus-Gesetz dagegen - wenn man hingegen eine Frau als »dreckige Hure« beschimpft, nimmt man nur sein Recht auf freie Meinungsäußerung in Anspruch. Was wir brauchen, ist also ein Gesetz gegen den Sexismus und Antifeminismus!

Frauen dürfen allerdings auch nicht nur als die ewigen Opfer gesehen werden. Was sie unterdrückt, sind nicht nur die anderen, sondern auch sie selbst: Es ist dieses Gefühl von Schwäche und Unvermögen, von dem wir uns nicht befreien können; und es ist dieses Schuldgefühl, das uns jedes Mal beschleicht, wenn wir uns zu weit von der uns zugewiesenen Rolle entfernen.

Das Beunruhigendste ist, dass manche Frauen sich selbst an die Spitze dieses neuen Kreuzzuges zugunsten der weiblichen Werte gestellt haben, der uns im Namen unserer besonderen »Bestimmung« erneut marginalisieren will - was zeigt, wie aktuell Beauvoirs Thesen auch heute noch sind.

In dieser Hinsicht muss ich die französischen Frauenzeitschriften des Antifeminismus beschuldigen. Das Leben der Mädchen und Frauen in diesen Magazinen dreht sich erneut um Schönheit, Hochzeit, Mutterschaft. Diese Magazine erzählen ihren Leserinnen, besonders den jüngeren, die Gleichberechtigung sei ängst erreicht und der Feminismus ein alter Hut. Verschwunden ist die Frau, die kämpft. Sie wurde zu unsten der Top-Models ausrangiert, die mittlerweile auch als Role-Model fungieren. Aus der befreiten Frau wird zur großen Erleichterung aller Männer und so mancher Frau wieder die verweiblichte Frau. Wir erleben zur Zeit eine konstante Abwertung des Frauenbildes auf realer gesellschaftlicher wie auf symbolischer Ebene.

Die »echte Frau« ist nach den Erschütterungen durch die Frauenbewegung im Eiltempo zurückgekehrt. Das ist eine, die ihre Karriere vernachlässigt, um sich besser ihrer Familie widmen zu können. Wieder sind es der Macho und das Objekt seiner Begierde, die Leserinnenherzen höher schlagen lassen. Und der Feminismus wird ausschließlich unter negativem Vorzeichen präsentiert.

Die Werbung macht mit und verstärkt diese Tendenz noch. Auch sie hat eine radikale Kehrtwendung vollzogen: keine heldenhaften Frauen mehr oder solche in Führungspositionen. Wenn sie arbeiten, dann als fesche Sekretärinnen oder Stewardessen, die rührend um das Wohl der Business-Passagiere besorgt sind, natürlich alles Männer!

Auch die Mode ist mit von der Partie. Sie wird nunmehr von »großen Couturiers« entworfen, in der Mehrzahl Männer. Die Frauen lassen sich von ihnen in eine männlichen Fantasmen entsprungene Form gießen.

Die Frau am Herd, die seit den 70er Jahren ein Vogelscheuchendasein fristete, ist wieder zum erstrebenswerten Ideal geworden. Besser freudestrahlende Mutterschaft als das höllische, einsame Leben jener Frauen, die ihrer Karriere, auf die frau heute gerne wieder verzichten darf, den Vorzug geben.

Nicht nur wir Französinnen sind machtlos dagegen. Wir stellen keine kohärente politische Kraft dar wie die Frauen in Island oder Schweden. Wir haben keine Frauenlobby, keine Klubs, keine Solidarität unter Frauen. Wir streiten und zerstreiten uns, und das macht uns verwundbar. Aber um zu verhindern, dass unser bisher Erreichtes durch diese Verschwörung von Nostalgikern, Fundamentalisten und Reaktionären aller Couleur zunichte gemacht wird, gibt es nur ein Mittel, und das ist: Solidarität und »Schwesterlichkeit«.

(Quelle: Groult, Benoîte (2000): Schreckgespenst Gleichberechtigung. - In: Man wird nicht als Frau geboren : 50 Jahre nach dem "Anderen Geschlecht" ziehen Schriftstellerinnen und Politikerinnen gemeinsam Bilanz: Wo stehen die Frauen heute? - Schwarzer, Alice [Hrsg.]. Köln : Kiepenheuer & Witsch, S. 38 - 45) 

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