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So fing es an! : 6. Juni im FrauenMediaTurm

Als Ina Deter ihr 1972 spontan komponiertes Lied („Nur darum habe ich überhaupt angefangen zu komponieren") sang, da kam einen Moment lang echte Rührung auf. Nicht nur bei denen, die sich erinnerten, sondern auch bei denen, die danach geboren sind. Alle spürten plötzlich, wie blutig ernst die Sache war: „Ich habe abgetrieben. Ich gehöre dazu. Ich bin eine von Millionen wie du." Nur, was denn das mit der Stricknadel bedeuten sollte, fragten anschließend zwei Schülerinnen so um die 17. Eine von Inas Weggefährtinnen um die 50 erklärte es ihnen: Nämlich dass damals ungewollt schwangere Frauen oft so verzweifelt waren, dass manche sogar zur Stricknadel griffen - um sich damit den Gebärmuttermund zu durchstoßen und so die Abtreibung einzuleiten. Was nicht selten tödlich endete.

Hätten Sie mitgemacht bei dem Selbstbekenntnis der 374 im Stern: „Wir haben abgetrieben?" fragte die taz eine Handvoll Polit- und TV-Prominenz. „Ich war damals noch ein Kind. Wäre ich erwachsen gewesen, hätte ich die Kampagne bestimmt unterstützt", so Ex-Gesundheitsministerin Andrea Fischer von denen Grünen ohne Umschweife. „Ich glaube nicht, dass ich in eine solche Situation kommen würde, deshalb hätte ich mich an der Kampagne nicht beteiligen können", entgegnete der neue SPD-Shooting-Star Ute Vogt. Ein Satz, der Verwirrung auslöste. Ist die rothaarige Ute eine - warum auch immer - so strenge Gegnerin des Koitus, dass sie nie und nimmer in „eine solche Situation" kommen könnte? Und wenn ja, wie schafft sie es, auf alle Ewigkeit sicher zu sein vor Vergewaltigung?

Doch Polemik beiseite: Schon diese Antwort der 36-jährigen Genossin offenbart den galoppierenden Geschichtsverlust. Denn das Bekenntnis der 374 im Stern („Wir haben abgetrieben") war natürlich keineswegs ein privates Geständnis, sondern eine politische Provokation. Die meisten der 374 hatten in der Tat abgetrieben, weil einfach die Mehrzahl der Frauen in dieser - zum Teil noch Vor-Pillen-Zeit - irgendwann im Leben abgetrieben hatte. Einige aber hatten in der Tat persönlich (noch?) nicht abgetrieben, fanden aber trotzdem die politische Förderung nach dem Recht von Frauen auf Abtreibung selbstverständlich. Die öffentliche Selbstbezichtigung war nichts als eine besonders provokante Form des Protestes nicht mehr und nicht weniger.

In ihrer Eröffnungsrede schilderte Alice Schwarzer, die Initiatorin des Selbstbekenntnisses der 374, die spontanen Anfänge der Stern-Aktion (siehe EMMA1 3/2001). Im Anschluss diskutierten hie Schwarzer/Deter und da Roche/Buschheuer, was die zwei Generationen gemeinsam haben - und was sie trennt.

Die Kölner Tageszeitung „20 Minuten" brachte die Diskussion auf die knappe Formel: „Für Charlotte sind es die sexistischen Anfeindungen von Männern, für Else ist es das allgegenwärtige Schönheitsdiktat für Frauen, von Alice kurz Tussen-Trend genannt." Doch als Else Buschheuer auf ihre nicht-frauenbewegte Ostherkunft hinwies und spottete, sie sei ja im Prinzip dafür, sehe sich aber so gar nicht auf so einer Demo mitlatschen - da wollte Ina Deter („Wir müssen wieder auf die Straße gehen!") nicht so einfach locker lassen und es genau wissen: Dann sollen sich doch jetzt die Elses mal was ausdenken - die Inas machen dann gerne mit. Kurz bevor die gute alte Frauenzentrums-Stimmung wieder aufkam, lud die FMT-Mitarbeiterin Angelika Schlimmer (nächste Seite Mitte) zum Rundgang durch den Turm: vom Gewölbe mit den Dokumenten der ersten neun Monate, durch das Treppenhaus mit seiner im wahrsten Sinne des Wortes „hängenden" Ausstellung, bis rauf zum vierten Stock mit seinen über 32.000 archivierten Dokumenten unter der Lichtkuppel.

Die Medien reagierten verhalten, wie immer in Sachen Feminismus. Wobei es vermutlich vor allem dem Getrommel von FrauenMediaTurm und EMMA zu verdanken war, dass sie den Termin nicht verschliefen. Der „Stern", immerhin einst stolzer Bannerträger der Aktion, vermeldete den Termin im Editorial und ließ im Heft einen Spät-68er aus der WG-Kiste plaudern. Doch etliche Zeitungen, von der Berliner taz über das Jugendmagazin „jetzt" bis hin zur Schweizer Frauenzeitschrift „annabelle" erinnerten: „Mädels, es gibt noch viel zu tun!" (Basler Zeitung).

(Quelle: So fing es an! : 6. Juni im FrauenMediaTurm (2001). - In: EMMA, Nr. 4, S. 76 - 77)

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