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FrauenMediaTurm
Das Archiv und
Dokumentationszentrum
Bayenturm / Rheinauhafen
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Neuer Kern in "alter" Hülle

"In den mittelalterlichen Mantel habe ich ein Kleid des 21. Jahrhunderts gestellt!" So charakterisiert die Architektin Dörte Gatermann ihren Ausbau des Bayenturms für den FMT. Der einstige Wehr- und Gefängnisturm war im Zweiten Weltkrieg bis auf die Hälfte zerstört und unter der Regie der Stadtkonservatorin Prof. Hiltrud Kier historisierend wieder aufgebaut worden. Die Herausforderung für die Architektin war, den Innenausbau sowohl an die Bedürfnisse eines modernen Archivs, als auch an die der darin arbeitenden Menschen anzupassen. Dass dies gelungen ist, zeigt auch die mehrfache Prämierung der Arbeit der Architektin und Zusammenarbeit mit der Bauherrin. Ein Text von Dörte Gatermann.

Dörte Gatermann
© Bettina Flitner / laif

"Dörte? Hier ist Alice. Ich habe ein Problem." So begann für mich eines der spannendsten und interessantesten Bauvorhaben. "Du weißt doch, der Bayenturm wird wieder aufgebaut, und wir werden mit dem Feministischen Archiv und Dokumentationszentrum da reingehen."

Daß der Bayenturm wiederaufgebaut wurde, das wußten viele Kölner, da die Aufbauarbeiten der mächtigen Tuffsteinhülle schon bis in eine Höhe von 25 Metern vorangeschritten waren und der ehemalige Wehrturm unübersehbar direkt an der Rheinuferstraße im Herzen des Rheinauhafens emporragt. Über den Wiederaufbau des im 2. Weltkrieg zerbombten Wehrturms war schon viel in der Presse berichtet und in Kreisen der Denkmalpflege diskutiert worden. Von dem Unterfangen also wußte ich. Von der Nutzung durch ein Feministisches Archiv und überhaupt von der Existenz eines solchen wußte ich nichts.

Das sollte sich sehr bald ändern. Denn meine Bedenken, in schon begonnene Bauvorhaben einzusteigen, wurden rasch vom Tisch gewischt. "Nun sieh es dir doch erst einmal an und sag mir, was ich machen soll."

Der Bayenturm von Süden, Zustand 1987

Wir trafen uns am Fuß des Turmes, am Zugang vom Hafen aus. Durch einen massiven Gewölberaum, über eine schmale, steile Treppe stiegen wir nach oben in den eigentlichen Eingang, der im 1. Obergeschoß am Ende des an der Stadtmauer angelehnten Wehrgangs liegt. Dieser Teil war mit einigen darüberliegenden Mauerstücken vom historischen Turm übriggeblieben.

Von hier aus führte uns eine zweiläufige Betontreppe weiter nach oben. An den massiven, fast drei Meter dicken Außenwänden mit den Schießschartenfenstern waren die Spuren der Jahrhunderte zu sehen. Die nächste Decke jedoch war schon neu, aus Beton, und ein Betonschacht für einen Aufzug kündigte die neue Zeit an. Je weiter wir hinaufstiegen, desto glatter wurde die schwere Außenhaut. Es wurde eben im alten Geist wiederaufgebaut, nach dem Stand von 1895, den Plänen des damaligen Stadtbaumeisters Stübben.

Die Faszination, die Türme auf Menschen ausüben, berührte auch mich. Wir schraubten uns Treppe um Treppe an fast sieben Meter hohen Räumen vorbei, ließen den Übergang vom vier- zum achteckigen Grundriß mit den dadurch entstehenden kleinen Eckwarten hinter uns und kamen atemlos auf der obersten Ebene an - über uns nur noch der Himmel!

Gerade wurden die Außenmauern, die in dieser Höhe immer noch 1,25 Meter dick sind, aufgemauert. Wir waren jetzt 23 Meter über dem Außengelände, und der Turm hatte seine eigentliche Höhe von 36 Metern einschließlich Zinnenkranz noch nicht erreicht. Doch der Blick über die ganze Stadt und weit den Rhein hinunter war schon jetzt beeindruckend. Wie phantastisch würde der uneingeschränkte Blick später einmal vom Dachumgang sein.

Der Typus des Turms hat die Menschen schon immer bewegt: Er führt sie von der Erde weg in den Himmel. Ein Turm ist ein herausragendes Zeichen der Macht - die Kirchtürme, die mittelalterlichen Geschlechtertürme Italiens, die Wehr- und Rathaustürme, die Fernsehtürme der Medien und die Hochhäuser der Wirtschaft hatten und haben für jedes Stadtbild eine besondere Bedeutung.

Die Faszination, die sich auch in Märchen und Sagen oder Legenden wie dem Turmbau zu Babel ausdrückt, ist weiter präsent. Auch im Bayenturm. Meine Begeisterung für den Turm war geweckt.
Der letzte Auslöser, mich hier als Architektin zu engagieren, war die Durchsicht der wenigen vorhandenen Pläne, die mir zeigten, daß der Aufbau der "historischen Hülle" eine Sache war, die der "heutigen Nutzung" jedoch eine andere.

Ich hätte den Turm so wohl sicher nicht wieder aufgebaut, da es mir zweifelhaft scheint, einen Bau, der zerstört, also nicht mehr vorhanden ist, nach der Verfassung eines x-beliebigen Zeitpunkts wiederaufzubauen - welches Datum im fast 800jährigen Leben des Turmes konnte Grundlage für den Wiederaufbau sein? Nur die Jahrhundertwende, die Zeit Stübbens, weil hier gerade Planmaterial vorlag? Und ist es nicht eigentlich ahistorisch, in seiner Zeit nicht mit den Mitteln der eigenen Zeit zu arbeiten?

Die Beispiele der Baugeschichte zeigen Barockanbauten an Renaissanceschlössern; romanisch begonnene Kirchen, die gotisch weitergebaut wurden; römische Tempel nach griechischem Vorbild, aber doch römisch. Die Mittel der heutigen Zeit sind andere als die der Jahrhundertwende, und damalige Techniken sind heute schon längst vergessen.

Zustand 1945

Die Geschichte kennt allerdings auch den Kölner Dom, vom Baubeginn im 13. Jahrhundert bis zur endgültigen Fertigstellung 1880 in einem Stil errichtet. Und im zerstörten Nachkriegsköln wurden für die Bürger auch andere ortsprägende Türme, wie der des Rathauses oder die von St. Martin und St. Kunibert, rekonstruiert. Brauchen Menschen also vielleicht doch historische Zeichen als Erinnerung an ihre Geschichte? Und wollen gerade wir Deutschen manchmal vielleicht besonders gründlich die Spuren des Krieges und des "1000jährigen Reichs" beseitigen und an "die Zeit davor", die lange Zeit kultureller Hochblüte, anknüpfen? Wie auch immer, die Entscheidung war gefallen. Mich hatte vorher niemand gefragt, tat es jetzt aber für die neue Nutzung.

Es existierten einige Vorstudien für die Unterbringung des Archivs und Dokumentationszentrums im Turm, die davon ausgingen, die geringe Grundfläche des Turmes durch Galerien in den hohen Räumen zu erweitern, was mir vernünftig schien. Jedoch sollten diese Galerien an Wandkonsolen im alten Mauerwerk befestigt werden.

Auch die Vorstellung des Einbaus einer alten hölzernen Treppe aus der Severinstorburg in der obersten, für die eigentliche Bibliothek vorgesehene Ebene behagte mir nicht. Und den Abschluß dieser Ebene sollte auch noch ein Holzdach bilden, so daß kein Kontakt zum Himmel und der Zinnenkranz nie begehbar gewesen wäre.

3.Obergeschoß mit Galerie
© Jens Willebrand

Meine Vorstellung war die eines neuen Inhaltes in der alten Hülle: wie wenn in ein altes Futteral ein neuer Gegenstand hineingeschoben würde, der durch die Löcher der alten Umhüllung durchscheint. Das hieß für alle neuen Einbauten, daß sie die Sprache der heutigen Architektur sprechen und sich von der historischen Hülle deutlich abheben müßten, nicht nur in Material und Farbe, sondern auch durch einen tatsächlichen räumlichen Abstand.

Die heutigen, durch die industrielle Fertigung exakt geometrischen Formen sollten aufgegriffen werden; der Abstand, der sich beim Einbau in den schiefwinklig verdrehten Turm zwischen altem Mauerwerk und neuem Inhalt ergibt, müßte deutlich sichtbar sein. Das hieß auch, daß sich die Stahlkonstruktion mit dem Oberlicht durch das Dach schieben und der Zinnenkranz begehbar sein müßte.

Die Nutzung eines modernen Dokumentationszentrums mit Arbeitsplätzen benötigt eine sachlich angenehme Atmosphäre, die mit der wehrhaften, eher düsteren Stimmung des historischen Turmes wenig gemein hat - auch unter diesem Aspekt war der Ansatz "neuer Kern in alter Schale" oder auch "Leicht in Schwer" begründet.

Prof. Hiltrud Kier, Kölner Stadtkonservatorin (1978-1990), danach bis 1993 Generaldirektorin der Museen der Stadt Köln und Leiterin des Amtes für Bodendenkmalpflege

Dank aufgeschlossener Gegenüber in Denkmalpflege wie Kommune konnte dieses Konzept, das bei meinen eigentlichen Bauherrinnen, dem Vorstand des Archivs, auf uneingeschränkte Gegenliebe gestoßen war, tatsächlich in Angriff genommen werden. Glücklicherweise kam noch ein interessierter Hochbaudezernent dazu, denn jetzt mußten während des laufenden Baus einige gravierende Änderungen vorgenommen werden - die von den direkt am Bau Beteiligten wirklich keiner wollte. Aus ihrer Sicht verständlich, denn für sie brachte es nur Umplanungen, Änderungen und überhaupt immer dieser Ärger... mit den Frauen!

Für mich und unser Büro bedeutete das, innerhalb sehr kurzer Zeit ein neues Aufmaß und eine neue Planung zu erstellen und parallel zu dem Außenaufbau direkt am Bau die Dinge vorrichten zu lassen, die für den späteren Innenausbau unabdingbar sein würden. Dies waren vor allem die Stahlkonsolen, die in den umlaufenden Ringanker im Dach einbetoniert werden mußten, um später den Stahlrost des Daches tragen zu können. Neben den eigentlichen architektonischen Arbeiten - dem formalen Detaillieren dieses Stahldaches, der neuen statischen Berechnung und der Abstimmung mit Herstellern, Brandschutz, Kölner und NRW-Denkmalpflege, Hochbauamt, Unterhaltungsabteilung und Haustechnikern - sowie der Bauleitung kam nun auch noch die Kostenfrage auf uns zu. Das Budget war begrenzt und konnte nicht aufgestockt werden. Also hieß es, an anderen Stellen sparen, um das Dach und die Lichtkuppel bezahlen zu können.

2.Obergeschoß mit Galerie
© Jens Willebrand

Eine Stelle, an der wir Kosten sparten, waren die in den drei hohen Geschossen vorgesehenen Stahlgalerien, die nach unserer Konzeption als von der Decke abgehängte, eigenständige, rechtwinklige Stahlkonstruktion ausgeführt wurden.

Das hatte mehrere Vorteile: Die Konstruktion konnte in der Werkstatt exakt vorgefertigt werden, ein aufwendiges Einpassen vor Ort entfiel. Und: Die Abhängung ließ das historische oder neu aufgebaute Mauerwerk unangetastet und sparte gleichzeitig die Bücherwände ein, indem die Borde für die Bücher direkt auf die Stahlabhängungen der Galerien aufgelegt wurden. Außerdem ist Stahl auf Zug am stärksten belastbar, so daß Stahlquerschnitte und Materialeinsatz gering waren und darum auch die gewünschte Leichtigkeit erzielt werden konnte.

Der Grundgedanke, die neuen Einbauten frei in die alte Hülle zu hängen (wie bei den Stahlgalerien) oder zu stellen (wie bei den Möbeleinbauten), trennt nicht nur Alt und Neu, sondern hat - wie sich später herausstellen sollte - auch den großen Vorteil, daß die Bücher nicht direkt mit dem alten oder neuen Mauerwerk in Berührung kommen können und der zwischen Mauer und Regalabhängung zwangsläufig entstehende unterschiedlich große Luftraum die Wände langsam, ohne Beeinträchtigung des gelagerten Papiers, austrocknen kann.

An dieser Stelle sollte der Aufbau des Turmes mit den vorgesehenen Nutzungen explizit erläutert werden, um den Einbau und die Bedeutung dieser Galerien verstehen zu können.

Der Bayenturm, Planung 1992, Nord-Süd-Schnitt, Blick nach Osten

Das Erdgeschoß, das den Sockel des Turmes bildet und ein von 2,5 Meter dicken Wänden gefaßtes Kreuzgratgewölbe ist, soll für Treffen, Ausstellungen, Vorträge und Vielerlei genutzt werden. Der vorhandene Zugang von der Hafenstraße aus, der in seiner Größe aus den 50er Jahren dieses Jahrhunderts stammt, erleichtert diese separate Nutzung. Die Lage im Hochwasserbereich des Rheines verbietet eine Nutzung als Archiv, wie das Hochwasser Weihnachten 1993 zeigte - da stand auch das unterste Gewölbe des Turmes zum Teil unter Wasser. Ein in diesem Raum wiedergefundener Brunnen sorgt(e) auch während einer Belagerung für ausreichend Wasser.

Ein Blick auf den Grundriß zeigt: Die Turmmauer, die zur friedlichen Stadtseite weist, ist im Gegensatz zu den Mauern zum Rhein hin ganz dünn, nämlich nur zirka einen Meter stark. Unsere Vorfahren waren im Einsatz ihrer Mittel schon sehr zweckgebunden und sparsam! An dieser "dünnen" Wand entlang führt eine massive, steile Treppe in den eigentlichen Eingang. Sie ist auch in den Stübben-Plänen schon als Bestand dargestellt. Dieser im 1. Obergeschoß liegende Eingang ist über eine Treppe von der Rheinuferstraße aus erreichbar.

Die Treppe aus Tuff- und Basaltstein mit dem vorgelagerten Portal, die erst zur Zeit Stübbens errichtet wurde, führt zum ehemaligen Wehrgang, dem Eingang des eigentlichen Turms. Der Wehrgang ist heute ein Informations- und Wartebereich mit Schaukästen und Bänken für BesucherInnen.

Empfang im 1.Obergeschoß
© Jens Willebrand

Im Turm selbst ist ein Empfang auf dem Treppenpodest des 1. Stocks, direkt gegenüber vom Eingang des Aufzugs. Die Büroräume vom ersten bis dritten Stock sind interne Arbeitsetagen. Der Aufzug führt direkt in den vierten Stock, die 18 Meter höher liegende öffentliche Bibliothek.

Die Mauerwerksnischen im 1., 2. und 3. Stock sind jeweils für einen Arbeitsplatz vorgesehen, auch im 2. Obergeschoß, wo die Nischen zirka zwei Meter tief sind. Der Raum im 2. Stockwerk ist bei einer Grundfläche von 8,14 mal 6,20 Meter 6,6 Meter hoch. Es bot sich also sowohl von der Nutzung her, als auch wegen der Raumproportionen eine umlaufende, durch eine kleine Spindeltreppe erschlossene Galerie an. Auf derselben Ebene wurde in dem ehemals offenen, zur Zeit Stübbens mit Tuffsteinen ausgemauerten Fachwerkteil des Wehrganges ein Besprechungsraum vorgesehen, neben dem in der neuen Zeit notwendigen Technikraum.

Die höherliegenden Turmebenen haben nicht mehr den vier-, sondern einen achteckigen Grundriß. Darum bildeten sich im 3. Obergeschoß die bei diesem Übergang entstehenden Eckwarten, die heute Platz für Küchen- und Sitznischen bieten. Das Stockwerk ist fast sieben Meter hoch, also wurde auch hier eine Galerie errichtet.

4.Obergeschoß (Bibliothek)
© Jens Willebrand

Der im 4. Obergeschoß gelegene oberste und größte Raum mit zirka neun mal neun Metern Grundfläche und einer Höhe von über acht Metern ist die öffentliche Bibliothek. In diesem Raum ist der ursprüngliche Turm am stärksten erlebbar, da keine Brandschotte den Treppenraum und den jeweils daranliegenden "Nutzraum" voneinander trennt. Die massive Betontreppe endet hier offen im Raum, und nur eine leichte Stahltreppe, die ebenso wie die Galerie frei vom Dachrost abgehängt ist, führt auf die Galerie und dann auf das Dach.

Die notwendige Öffnung für den Rauchabzug bei Brand dient gleichzeitig als Ausstieg auf das Dach, das im Schutz der über das Dach hinausragenden Zinnen begehbar ist. Der Blick von hier auf Köln sucht seinesgleichen! Völlig im Freien, Wind und Wetter ausgesetzt, kann man von hier weit den Rhein entlang sehen, hat die "richtige" Kölner Stadtseite unter sich, aber auch einen Überblick über die "schäl Sick" mit alter Hafennutzung und denkbarer neuer Stadtentwicklung.
Und dann das Licht!

Das Licht, das uns im Turm soviel Kopfzerbrechen bereitete. Denn jeder Raum wird in seinem Volumen und in seinem Charakter erst durch Licht erlebbar, und vor allem durch natürliches Licht. Natürliches Licht beeinflußt den Menschen, seine Stimmung nach innen und seine Orientierung nach außen durch die meist unbewußte Wahrnehmung des Wechsels von Tageszeit und Wetter. Doch die Öffnungen in der Außenhaut des Wehrturmes sind sehr klein, für die neue Nutzung jedoch mußte möglichst viel Tageslicht einfallen für die Arbeitsplätze und die Bibliothek - gleichzeitig durfte kein Licht auf die Bücher kommen.

Da der oberste Turmraum, die Bibliothek, nur über vier Fenster verfügt, die im unteren Wandbereich und jeweils zu einer Himmelsrichtung angeordnet sind, läge ohne eine obere Belichtung die Galerie im Dunkeln und die Höhe des Raumes wäre so wenig erlebbar wie die Nähe zum Himmel.

Bibliothek im 4.Obergeschoß mit Aufzug und Treppe zum Dach
© Jens Willebrand

Die Lösung war eine mittige, 2,5 mal 2,5 Meter große, sprossenlose Glaspyramide. Sie ist das "Himmelsauge" und garantiert Tageslicht ohne direkten Lichteinfall auf die Bücher und war deshalb ein unbedingt notwendiger Bestandteil der Raumkonzeption. Die Kosten dafür übernahm, nach der strikten Weigerung der Stadt Köln, das sonst gerade in Geldfragen hart fightende Archiv. Für mich ein weiteres Beispiel dafür, daß ein guter Bau eben immer nur im Zusammenspiel mit einem guten Bauherrn bzw. in diesem Falle einer guten Bauherrin möglich ist. Ich hatte bisher selten das Glück, mit einem architektonisch so aufgeschlossenen und modern denkenden und fühlenden "Bauherrn" zu tun zu haben wie mit der Vorsitzenden des FrauenMediaTurms, mit Alice Schwarzer.

Arbeitsplatz im 2.Obergeschoß
© Jens Willebrand

Zur Ausnutzung des Tageslichts für die Arbeitsplätze wurden sie in die Fensternischen eingebaut und so ausgebildet, daß ein Arbeitsplatz aus einem Winkel besteht, der einerseits das Arbeiten vor dem Fenster und damit den Blick aus dem Fenster zuläßt und andererseits die Arbeitsfläche seitlich vergrößert. Wobei diese Arbeitsfläche möglichst Licht von links erhält und blendfreies Arbeiten am Computer ermöglicht. Wegen der geringen Tageslichtmenge, zum Beispiel in den Nischen des 2. Obergeschosses mit seinen schmalen Fensterschlitzen, wurden helle, jedoch nicht zu stark reflektierende Oberflächen verwandt. Das Laminat der Tischplatten ist leicht gelb marmoriert, die anderen Einbauten sind aus Multiplex-Bucheplatten und klarlackiertem Stahllochblech.

Das Möbelsystem aus Multiplex natur oder beschichtet und Lochblech, das auf alle nicht notwendigen Accessoires verzichtet, ist zu 100 Prozent in der Werkstatt vorgefertigt und später auf dem Bau in sehr kurzer Montagezeit nur noch zusammengesetzt worden.

Sowohl die Arbeitsplätze in den Nischen wurden danach gefertigt als auch die Sondermöbel und die hohen freistehenden Regale der Bibliothek, die ineinandergesteckt eine große Anzahl an Bänden aufnehmen können. Auch kleine Elemente wie die Sitzplätze für BesucherInnen auf der Bibliotheksgalerie mußten sich dem Diktat der Sparsamkeit unterordnen - was häufig kein Nachteil ist. Sie wurden als Multiplex-Brett gefertigt, dessen Idee darin liegt, daß es die Geländer der umlaufenden Galerie als Auflagerung für drei verschiedene Höhenstellungen ausnutzt, vom Stehpult bis zum niedrigen Tisch. Damit wird einerseits ein kurzzeitiges Arbeiten auf der schmalen Galerie ermöglicht, und andererseits bleibendie notwendige Breite und die Transparenz der Galerie gewahrt. Das System funktionierte, wie sich bei der Montage vor dem hart näherrückenden Fertigstellungstermin zeigte.

Auch einige Änderungswünsche vor Ort konnten relativ einfach durch die vorgefertigte Lochung des Bleches aufgenommen werden, so daß die Hoffnung bleibt, spätere mögliche Nutzungsänderungen innerhalb des Gesamtsystems verkraften zu können und damit den einheitlichen Raumcharakter zu erhalten.

Die ursprünglich für die Böden vorgesehenen Basaltplatten wurden durch hellere Betonwerksteinplatten ersetzt. Dieses hatte sowohl mit dem größeren Reflexionsgrad und den geringeren Materialkosten als auch mit dem Material des Kunststeines an sich zu tun. In früherer Zeit waren nur der Gewölbekeller und der Boden der Eingangsebene mit Basalt belegt.

Die darüberliegenden Geschosse waren leicht aus dem damals üblichen Holz gefertigt, und es schien mir schlüssiger, die Böden auch heute in den Geschossen wieder von dem Basaltfundament durch den heute möglichen Kunststein abzuheben. Der Kunststein wurde für alle neuen Ebenen und die Treppen verwandt und rechtwinklig eingebaut, der dadurch entstehende unterschiedlich große Randstreifen wurde bis an das unebene Mauerwerk mit Estrich vergossen und anschließend geschliffen.

Treppenraum, 2.Obergeschoß
© Jens Willebrand

Zusammen mit den weiß gekälkten Wänden, den geätzten leicht grünlichen Gläsern der Rauchschutztüren und vor allem mit der gelb gespachtelten und gewachsten Betonschotte, die vom 1. bis zum 3. Obergeschoß den Turm teilt und damit das innere Hauptelement der Vertikalen des Turmes ist, wurde eine helle, fast heitere Grundstimmung erreicht, ohne dabei den immer noch spürbaren rauhen Charakter des Turmes zu verleugnen. Auch die anderen Elemente - wie Stahltreppen, Geländer, Aufzugsverkleidung und -portale und auch der innere Aufzug selber - wurden zwar hell, aber nicht in glänzend lackierter, polierter oder stark reflektierender Oberfläche ausgebildet. Sie wurden mit Eisenglimmer matt gestrichen, matt gebürstet, die Gläser der Aufzugskabine wurden rückseitig gesandstrahlt.

Das Zusammenspiel von Raum, Materialien und Farben ist für die vorgesehene Stimmung von großer Bedeutung, und die entsprechenden Details erzeugen erst den gewünschten, selbstverständlichen Raum. In diesem Zusammenspiel waren die ursprünglich "nach Stübben" vorgesehenen Holzfenster mit Profilierungen und Zierat ungeeignet, außerdem wollte ich durch die geplanten Stahlfenster die neue Nutzung auch nach außen deutlich machen. Doch die Idee ist eines - ihre Planung und Realisierung etwas anderes. So war der Ausbau dieses Turmes so nur möglich dank des unermüdlichen Einsatzes eines engagierten und kreativen Projektleiters.

Erst bei der zukünftigen Nutzung des Baues wird sich wirklich zeigen, ob die Idee und ihre Umsetzung tragfähig sind und die Arbeitsplätze nicht nur ihrer einfachen Zweckbestimmung entsprechen, sondern auch eine angenehme Arbeitsatmosphäre existiert. Ob durch die Arbeitsnischen im nicht unterteilten Raum die richtige Mischung von Gemeinschaft und Individualität möglich ist. Ob die Akustik in den hohen Räumen stimmt, Temperatur und Luftfeuchte als angenehm empfunden werden, die Materialien robust und doch differenziert genug sind und die Lichtstimmung zwischen natürlichem und Kunstlicht ausgewogen ist.

Es wird sich in der Zukunft zeigen, ob alle unsere Sinne genügend angesprochen, aber nicht gereizt werden und ob das richtige Verhältnis von "Kopf und Bauch" gefunden wurde, so daß der Innenausbau als selbstverständlich empfunden wird und die Arbeit nicht behindert, sondern fördert und zur Identifikation mit dem Ort beiträgt.

Der Bayenturm erscheint mir wie eine junge Frau, die das Kleid ihrer Großmutter angezogen hat. Auf den ersten Blick sehen wir die alte Frau. Sobald wir aber genauer hinsehen, wird die junge darin lebendig. Und wenn wir noch genauer hinsehen, bemerken wir, daß sie das prächtige alte Kleid nachgeschneidert hat. Der FrauenMediaTurm ist ein Ort, an dem Frauen sich ihrer Geschichte bewußt werden. Alice hat kein Problem mehr, sagt sie, zumindest nicht mit dieser Architektur.

Dörte Gatermann, 1994

In: Alice Schwarzer (Hrsg.) Turm der Frauen. Der Kölner Bayenturm. Vom alten Wehrturm zum FrauenMediaTurm. 1994, S. 34-51

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